Samstag, 18. März 2017

Kommerziell: Fragments of Him

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Fragments of Him"?
Genre: Exploration, Interactive Storytelling
Vergleichbare Spiele: Gone Home, Home is Where One Starts
Technische Grundlage: Moderne 3D-Umgebung mit 360 Grad-Bewegungsfreiheit
Urheber: Sassybot
Sprache: Englisch
Jahr: 2016
Download: Steam --- Website

Nach ihrer ersten Begnung überredet Sarah den schüchternen Will zu einem Mondschein-Date auf dem Campus.

Story und Schauplatz
Für Will scheint sich heute ein ganz gewöhnlicher Wochentag anzukündigen: Eine entspannende Dusche, ein kräftigendes Frühstück, ein liebevoller Abschiedgruß an seinen Partner Harry. Sein Glück ist fassbar, wir können seine Zufriedenheit spüren. Euphorischen Gemütes schlendert Will zur Tiefgarage. Seine Gedanken kreisen um drei Personen, die sich auf seinem holprigen Lebensweg als treue Begleiter entpuppten... in seinem allzu kurzen Leben, das an diesem trügerischen Morgen unerwartet enden wird. Dies ist der Beginn einer emotional aufwühlenden Geschichte, welche aus der Perspektive dreier zentraler Figuren geschildert wird: Wills erste Freundin Sarah, seine fürsorgliche Großmutter Mary sowie der zuvor erwähnte Harry skizzieren fortan ihre Erinnerungen an den Verblichenen. Besagte Protagonisten, die keinerlei Identifikationspotential vermissen lassen, fungieren somit als Pfeiler einer ausgeklügelten, nahezu komplexen Erzählstruktur - gemeinsam mit Will, welcher am Morgen vor seinem Tode letztmals leibhaftig in Erscheinung tritt und wiederum die Rahmenhandlungen derer einleitet, die um ihn trauern.


Will und seine Eltern besuchen Großmutter Mary. Nebenfiguren treten grundsätzlich bloß als blasse Konturen in Erscheinung.

Puzzles und Gameplay
So tauchen wir als außenstehender Beobachter in das Geschehen ein und durchforsten die unterschiedlichen Schauplätze, bei denen es sich nicht selten um die Behausungen der Hauptakteure handelt. Um Fortschritte zu erzielen, müssen jedoch keine Rätsel bewältigt, sondern bloß bunte Markierungen aufgestöbert werden. Wenn wir die jeweilige Umgebung mit dem Mauscursor abtasten, flimmert an entsprechender Stelle eine farbige Silhouette auf, welche eines der stets kontrastarm abgebildeten Objekte oder einen Charakter visuell hervorhebt. Diese Konturen kennzeichnen einen jener flexiblen Hotspots, deren Präsenz für den Spielverlauf spezifisch ist. Folglich können bestimmte Gegenstände oder Personen erst nach einer Weile anvisiert werden, nachdem etwa sonstige Aktionen getätigt wurden. In der Regel löst der Klick auf den gelb (oder aus größerer Distanz blau) umrissenen Hotspot eine neue Textpassage aus. Wir schreiten also mühelos voran, wodurch der Erzählfluss niemals ins Stocken gerät. "Fragments of Him" versteht sich somit als Explorationgame im reinsten Sinne. Dies betrifft auch die klassische dreidimensionale Welt, die sich mit der Tastenbelegung WASD (Oh Wunder!) und unter Zuhilfenahme der Maus erkunden lässt.


Als Mary zufällig diese Situation beobachtet, beginnt sie zu fürchten, dass ihr Enkelsohn zukünftig abgelehnt oder gar in Gefahr geraten könnte.

Musik, Grafik, Atmosphäre
"Fragments of Him" ist ein Spiel, das kaum vorwärts verläuft, sondern bewusst in vergangenen Zeiten verweilt. Beeindruckend ist jedoch, in welch konsequenter Weise die optische Präsentation in dieses Konzept miteinbezogen wurde. So ist die Heimatstadt des in Erinnerungen schwelgenden Dreiergespanns mit warmen Sepia-Farben durchtränkt, ohne komplett in diesen zu versinken. Sobald wir unseren Blick etwa zum herrlich blauen Himmel schweifen lassen, der sich mit friedvoll anmutenden Wolkenformationen schmückt, werden wir für einen winzigen Moment von einer besonderen Zuversicht erfüllt. Außerdem fokussiert sich das Explorationgame einzig auf die eingangs beschriebenen Figuren, sodass die Körper von Passanten, Partygästen oder Elternteilen nur als unbeseelte Hüllen mit verblassten, geisterhaften Zügen erkennbar sind. Folglich mussten auch lediglich vier Sprecher verpflichtet werden, die uns mit gefühlsbetonter Stimme und sensiblen Worten berühren können. Musikalisch wird die Atmosphäre durch sanfte Pianoklänge unterstrichen, welche das melancholische Wesen des Spiels wunderbar einfangen, ohne sich jemals aufdringlich zu verhalten.


Wills Schicksal nimmt seinen Lauf.

Fazit
Die tränenreich inszenierte Geschichte um Will ruft uns ins Bewusstsein, wie nahe Liebe und Verlust beieinanderliegen. So wirken die inneren Monologe unserer Protagonisten stets authenisch und verheddern sich niemals in trivialen Plattitüden. Vielmehr lassen uns die Verbliebenen an ihrem schier unerträglichen Leid teilhaben und gelegentlich zaghafte Hoffnungsschimmer zu uns durchdringen. Letztlich sind es die Macht der Erinnerungen sowie eine tiefe Dankbarkeit für jene Etappe ihres Lebens, die ihre mentale Genesung vorantreiben. "Fragments of Him" ist intensive Trauerbewältigung in interaktiver Form und wird sich als solche in unserem Gedächtnis einnisten.

Samstag, 4. März 2017

Kommerziell: Rusty Lake: Roots

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Rusty Lake: Roots"?
Genre: Klassisches Adventure
Vergleichbare Spiele: Rusty Lake Hotel
Technische Grundlage: Slideshow-Format
Urheber: Rusty Lake
Sprache: Deutsch, Englisch, Niederländisch u.a.
Jahr: 2016
Download: Steam

Im Jahr 1860 bezieht James das Haus seines verstorbenen Onkels.

Story und Schauplatz
Als James Vanderboom im Frühling des Jahres 1860 mit seinem Schoßhündchen im Gefolge nach Rusty Lake übersiedelt, kann er sich dem Reiz dieser unberührten Idylle nicht erwehren. Am Fuße des malerischen Sees und in unmittelbarer Nähe des imposanten Rusty Lake-Hotels befindet sich das Haus seines jüngst verstorbenen Onkels, welches an diesem Tage den Besitzer wechselt. Vanderbooms Reisekoffer beinhaltet zudem einen ganz besonderen Samen, der laut testamentarischer Aussage im Garten seines neuen Wohnsitzes gepflanzt werden soll. Scheinbar blind gehorcht der Alleinerbe dem Willen des Verblichenen und lässt somit seinen eigenen Stammbaum aus dem Boden sprießen, welcher uns wiederum zum Erkunden einlädt. Unsere Odyssee durch James' Familienchronik beginnt geradezu romantisch: So dürfen wir den etwas schüchternen Junggesellen dabei unterstützen, das Herz seiner zukünftigen Gattin Mary für sich zu gewinnen. Dennoch obliegt es keineswegs der Intention der Produzenten, unser Wohlbehagen zu fördern. Nach wenigen Kapiteln etwa müssen wir die Nabelschnur dreier Säuglinge mit einer Schere durchtrennen und die Neugeborenen auf eher zweckmäßige als mütterliche Weise ernähren. Allmählich offenbart sich uns das morbide Wesen jenes ungewöhnlichen Abenteuers, das sich erneut am bewährten Vorbild der populären Cube Escape-Serie orientiert. Während der narrative Fokus zuvor noch auf James Vanderboom gerichtet schien, verlagert sich dieser zunehmend auf das Schicksal seiner Nachkommen. Deren Entwicklung jedoch erfüllt uns nicht minder mit Bestürzung und Faszination, was nicht zuletzt der wundervoll skurrilen Figurenzeichnung zu verdanken ist.


James und Mary nähern sich einander an - im Garten, einem Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.

Puzzles und Gameplay
Die Geschichte der Vanderboom'schen Blutlinie erstreckt sich auf 33 Ebenen, die jeweils in klassischer Room Escape-Manier gestaltet wurden. Dabei erfüllen wir quasi die Funktion eines unsichtbaren Beobachters, der unseren Protagonisten stets die helfende Hand reichen muss - obwohl diese nicht immer Gutes bewirkt. Während wir im "Rusty Lake Hotel" allerdings generell von üblen Absichten geleitet waren, orientieren wir uns nun vielmehr an den Motiven jener grundverschiedenen Charaktere. Die kreativen und meist obskuren Rätselketten zeugen von einer schier beispiellosen Bandbreite. So dürfen wir uns mit den Gesetzen der Alchemie befassen, dem Uhrenhandwerk frönen, Bienen zum Bestäuben von Pflanzen animieren oder Kriegsverletzungen behandeln. Diese Aufgaben erweisen sich in der Regel als äußerst knifflig und dürften selbst manchen erfahrenen Spieler in den Wahnsinn treiben. Umso versöhnlicher erscheinen uns die vereinzelten Video-Walkthroughs, welche die Macher schon pünktlich zum Release auf Youtube veröffentlichten. Interessante Bonus-Missionen, die uns nach Beendigung des eigentlichen Handlungsverlaufs erwarten, runden das Gameplay zudem positiv ab.


Der Nachwuchs: Dem ungleichen Trio steht eine ungewisse Zukunft bevor.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Auch im jüngsten Streich der Marke Rusty Lake repräsentieren die Szenenbilder die unvergleichbare Ästhetik eines "Rusty Lake Hotel", wobei überwiegend auf die Gegenwart antropomorpher Geschöpfe verzichtet wurde. Doch die menschlichen Figuren sind ebenso liebevoll gezeichnet und muten wie Karikaturen aus einem anderen Jahrhundert an. In ihrer höchst grotesken Verhaltensweise spiegelt sich der spezielle, wenngleich überaus charmante Rusty Lake-Humor selbst visuell einwandfrei wider. Das Porträt jener viktorianischen Epoche wurde in all seinen Facetten ausgearbeitet und versinkt gelegentlich in finsteren, surrealen Zwischenwelten. So zeigt sich die tiefgreifende Bedeutungsebene des Spiels besonders in seiner metaphorischen Bildgewalt. Außerdem besticht "Rusty Lake: Roots" durch seine subtile, aber bemerkenswerte Musikuntermalung, die meist zwischen unheimlichen, mystischen und traurigen Klängen variiert und nicht selten eine depressive Stimmung vermittelt.


Beim sogenannten Familienspiel werden bislang unausgesprochene Geheimnisse offengelegt.

Fazit
Bizarr und dennoch lebensnah: "Rusty Lake: Roots" skizziert vielleicht den merkwürdigsten Stammbaum, den die Welt jemals erforschen durfte und lässt den Schmerz jener gescheiterten Protagonisten schonungslos zu uns durchdringen. So makaber manche Darstellungen auch sein mögen, fließt doch kaum ein Blutstropfen ohne Symbolgehalt. Mit ihrem zweiten interaktiven Gemälde, als das man es wohl bezeichnen muss, übertrumpfen die Entwickler sogar den Vorgänger, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Ich komme nicht umhin, dieses großartige Werk als eine der Adventure-Sensationen des vergangenen Jahres zu würdigen.

Samstag, 18. Februar 2017

Kommerziell: A Normal Lost Phone

Allgemeine Grundlagen: Was ist "A Normal Lost Phone"?
Genre: Exploration, Recherche, Interactive Storytelling
Technische Grundlage: Smartphone-Simulation ohne charakteristische Egoperspektive
Urheber: Accidental Queens
Sprache: Deutsch, Englisch, Französisch, u.a.
Jahr: 2017
Download: Steam --- itch.io --- Website

Anmerkung: Dieses Review habe ich für den Adventure-Treff verfasst, weshalb es natürlich nur dort in vollständiger Länge abgerufen werden kann. Bitte folgt dem externen Link, um den Artikel lesen zu können!


Momentan kratzen wir noch an der (Handy-)Oberfläche.

Adventure-Treff-Test: A Normal Lost Phone
Dem kommerziellen Debüt des unabhängigen Entwicklers Accidental Queens war schon im Vorfeld große Aufmerksamkeit vergönnt. Ein früher Prototyp von A Normal Lost Phone wurde als Beitrag zum Global Game Jam 2016 eingereicht und brachte bereits viele Nominierungen bei Wettbewerben sowie eine Auszeichnung als „Best Indie Game“ mit sich. Somit ist es kaum verwunderlich, dass die im Nachhinein über Ulule initiierte Finanzierungsaktion dem Projekt zum gewünschten Erfolg verhalf. Im Januar erschien nun die Vollversion, welche mit zusätzlichen Puzzles und Inhalten, einem ambitionierten Soundtrack und neuen Lokalisationen aufwartet. Auch deutsche Bildschirmtexte wurden integriert. Laut eigener Aussage ließen sich die Produzenten von populären Titeln wie Her Story, Life is Strange und Gone Home inspirieren. Ob diese Einflüsse ein positives Gesamtergebnis bewirkt haben, berichten wir euch in unserem Test. ....Weiterlesen auf Adventure-Treff!

Samstag, 7. Januar 2017

Freeware: Lifecycle

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Lifecycle"?
Genre: Exploration, Interactive Storytelling
Vergleichbare Spiele: Prominence, ASA - A Space Adventure
Technische Grundlage: Moderne 3D-Umgebung mit 360 Grad-Bewegungsfreiheit
Urheber: DavidMcNamara
Sprache: Englisch
Jahr: 2016
Download: Gamejolt

Hier beginnt die Reise unseres Weltraumtouristen.

Story und Schauplatz

Es ist der vielleicht größte Traum eines jeden Astronauten, die Entwicklung eines Planeten persönlich beobachten zu können und dessen Lebenszyklus über Generationen hinweg zu überwachen. Dem Spieler von "Lifecyle" ist dieses faszinierende Erlebnis vergönnt. In der Rolle eines Weltraumtouristen wird dieser in einzelnen, überaus friedlichen Etappen die Wesenszüge einer fremden Kultur erlernen und dabei beeindruckende Erkenntnisse erlangen. All dies geschieht jedoch in einer atemberaubenden Geschwindigkeit: Innerhalb von 15-20 Minuten dürfte wohl jedes große Geheimnis besagter Zivilisation ergründet sein.


Um dieses Gerüst zu erklimmen, sollte man schon einigermaßen schwindelfrei sein.

Puzzles und Gameplay
Lediglich vier Ebenen müssen bewältigt werden, um das Finale zu erreichen. Obgleich die Einleitungssequenz schnell überstanden ist, haben die nachfolgenden Schauplätze in Umfang und Komplexität doch etwas mehr zu bieten. Dennoch verweilen wir niemals allzu lange an einem Aufenthaltsort, was besonders den simplen Aufgaben geschuldet ist. Das Gameplay besteht nämlich einzig darin, eine Keycard aufzuspüren, die jeweils am entferntesten Punkt eines Levels ihren neuen Besitzer erwartet. Dieses elektronische Fundstück leistet uns dann wertvolle Dienste, indem es die Tür zur nächsten Stufe öffnet. Um diese kaum umständlichen Fußmärsche zu meistern, müssen wir (wollte ich das überhaupt noch erwähnen?) auf die Tastenkombination WASD zurückgreifen.


Diese Schlüsselkarte ebnet uns den Weg zur nächsten Stufe.

Musik, Grafik, Atmosphäre

Die optischen Eindrücke, die uns von diesem Planeten vermittelt werden, können Anhängern des Science Fiction-Genres durchaus imponieren. Anschaulich wird uns der zunehmende Zerfall dieser unbekannten Welt vor Augen geführt. Kommentiert wird das Gesehene durch die mechanisch klingende Stimme eines Reisebegleiters, welcher mit dem Gehirn des Protagonisten vernetzt wurde. Obwohl es sich um eine deutsche Produktion handelt, wurde bislang nur eine englische Sprachausgabe realisiert. Zudem können keine Untertitel eingeblendet werden, weshalb wir uns den eher spärlich eingeworfenen Informationen aufmerksam widmen sollten. Darüber hinaus kommt jeder Abschnitt mit einem individuellen Musikstück daher. Mit ebenso geheimnisvollen wie futuristischen Klängen werden die einzelnen Variationen dem Weltraum-Thema gerecht.


Die Fassaden dieser Welt beginnen zu bröckeln.
Fazit
Rasch entpuppt sich "Lifecycle" als Geheimtipp für Science Fiction-Freunde. Die arg beschleunigte Erzählweise lässt sich aufgrund der beachtlichen Präsentation gut verschmerzen. Zudem hat der Autor ein dramaturgisch ausgewogenes Spannungsverhältnis geschaffen, das für die Belange ansprechender Explorationgames unabdingbar ist. So erfolgte die Umsetzung zwar in minimalistischer Machart, woran dieses geistreiche Erlebnis aber wenig Schaden nimmt.

Samstag, 31. Dezember 2016

Freeware: Bedrooms

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Bedrooms"?
Genre: Exploration, Interactive Storytelling
Technische Grundlage: Moderne 3D-Umgebung mit 360 Grad-Bewegungsfreiheit
Urheber: increpare games
Sprache: Englisch
Jahr: 2015
Download: increpare games

Mensch oder anthropomorpher Löwe? Der Fantasie sind bei dieser Begegnung jedenfalls keine Grenzen gesetzt.

Story und Schauplatz
Wäre es nicht aufregend, wenn wir des Nachts einen Blick in fremde Schlafzimmer erhaschen könnten, obgleich die geschlossenen Jalousien uns davon abhalten sollten? In Stephen Lavelles "Bedrooms" wird uns diese Möglichkeit geboten. Dort ist uns offenbar die Rolle eines unsichtbaren Voyeurs vergönnt, welcher über die Fähigkeit verfügt, frei durch die Wohnung eines jeden Unbekannten zu schweben - ein äußerst unanständiges Treiben, dem es hier zu frönen gilt. Doch was wir in jener Zeit zwischen Weihnachten und Silvester in diesen Gemächern vorfinden, scheint weniger das große erotische Abenteuer zu sein, als vielmehr die gelebte Einsamkeit des Einzelnen. Über eine Hintergrundgeschichte (oder gar mehrere) kann dabei durchaus spekuliert werden.

Die roten Sofas hinterlassen einen anrüchigen Eindruck.

Puzzles und Gameplay
Hinter "Bedrooms" verbirgt sich ein verhältnismäßig untypischer Walking-Simulator, der uns umfangreiche Fußmärsche weitgehend erspart. Fortschritte erzielt man durch bestimmte Aktionen, die mit einem Klick erledigt sind. Die Schwierigkeit besteht also höchstens darin, den entsprechenden Hotspot aufzustöbern, der meist schon hell aufleuchtet und den Mauscursor beim Abtasten verändert. Dabei kann es sich um den Kopf einer Person, ein wärmendes Laken oder etwa ein Mobiltelefon handeln. Manchmal muss man auch die Zeiger einer Uhr anschubsen, damit die Stunden verstreichen und ein Besucher im Türrahmen erscheint. Sobald die jeweilige Unterkunft zur Genüge inspiziert wurde, werden wir unvermittelt in einen neuen (Wohn-)Abschnitt befördert, in welchem wir unsere Erkundungstour fortsetzen dürfen.

Dieses Spiel wirft interessante Fragen auf, meist auch unabhängig von Texteinblendungen.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Obgleich wir uns fernab des öffentlichen Lebens bewegen, mutet "Bedrooms" aus atmosphärischer Sicht wie ein ausgiebiger Partyabend an. So erstrahlt jedes Zimmer in einer grellen Neonfarbe und es scheint, als wären wir in einer riesigen Discokugel gefangen. Dieses paradoxe, aber wirkungsvolle Design wird durch die laute und teils gespenstische Musik im Hintergrund hervorragend unterstrichen. Besagte Melodien verleihen dem Spiel einen besonders geheimnisvollen Flair und unterstützen zudem das Gefühl eines Rauschzustandes. Es kommt vielleicht nicht von ungefähr, dass wir stets schwindelerregende Höhenflüge bewältigen müssen, um das jeweilige Szenario zu erforschen. Ebenso entwickelt sich eine sehr anrüchige und sexuell aufgeladene Stimmung. Wer NSFW-Inhalte fürchtet, sei hier gewarnt. Nicht selten sind die männlichen Figuren in ihre Bedürfnisse vertieft, auch die explizite Darstellung von Masturbation bleibt nicht aus. Das muss ein geübter Voyeur ertragen können. Trotz aller Kunstaspekte lässt sich nicht über die simple, grobkörnige 3D-Grafik hinwegtäuschen, die von einem geringen Detailgrad zeugt. Im Verlauf dieser skurrilen Seelenreise erscheinen diese optischen Schwächen allerdings fast schon belanglos und der Stil erfüllt zweifelsfrei seinen Zweck.

Auch das Badezimmer lädt zum Verweilen ein. (Und zum NSFW-Höhepunkt des Spiels!)

Fazit
In "Bedrooms" dürfen wir selbst die intimsten Rückzugsorte menschlicher Individuen erschließen, ohne deswegen Schuld zu empfinden. Dabei wird uns eine Erfahrung zuteil, welche im Bereich des interaktiven Erzählens bislang wohl einzigartig ist. Stephen Lavelle entwirft eine abgeschiedene Festtagsatmosphäre, die als bizarrer Drogentrip verfremdet scheint, und erweckt damit die Neugier des Spielers. Mit den dargebotenen visuellen sowie akustischen Mitteln gelingt es ihm, den Menschen innerhalb seiner privaten Umgebung zu mystifizieren. Ein Werk dieser Art wird vermutlich rasch belächelt werden und im Vorübergehen kann es seinen Reiz kaum entfalten. Wer hingegen über seinen Schatten springen kann und diesem unscheinbaren Außenseitertitel eine Chance gibt, wird seine Meinung womöglich bald revidieren.

Samstag, 24. Dezember 2016

Freeware: Dead Synchronicity - The Longest Night

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Dead Synchronicity - The Longest Night"?
Genre: Klassisches Adventure
Vergleichbare Spiele: Fahrenheit 451, Price of Peril
Technische Grundlage: Textadventure
Urheber: Fictiorama Studios
Sprache: Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch
Jahr: 2015
Download: Fictiorama Studios --- Adventure-Treff --- ifwizz

Erstmals dürfen wir "Dead Synchronicity" als Textadventure erleben.

Story und Schauplatz
Als Michael aus einem merkwürdigen Traum erwacht, überschlagen sich die Ereignisse: Zwar hat das Flugzeug die Landebahn erreicht, doch das Innere der Maschine ähnelt einem Kriegsschauplatz. Die Luft ist vom Geruch des Todes durchtränkt, das Verderben scheint allgegenwärtig. Binnen weniger Minuten gelingt es dem verängstigten Protagonisten, dieser Leichenhalle zu entfliehen - geradewegs in die Arme empathieloser Zeitgenossen, die vom Militär gesandt wurden. Seine Aufmerksamkeit gilt nun aber vorrangig jenem gigantischen Riss, der sich quer über das Firmament erstreckt. Ist dieses bislang unbekannte Naturphänomen womöglich der Vorbote einer neuen Ära?


Unmittelbar nach unserem Einstieg in die Handlung finden wir uns in einem Traumgeschehen wieder.

Puzzles und Gameplay
Als klassisches Textadventure lässt sich "The Longest Night" ausnahmslos durch die Eingabe von Worten steuern. Der nicht allzu intelligente Parser entpuppt sich leider rasch als frustrierende Angelegenheit und erschwert uns den Einstieg in die Geschichte ungemein. Um etwa die Etage zu wechseln, kann man die Befehle "hoch" bzw. "oben" und "runter" bzw. "unten" verwenden, wohingegen "hinauf" oder "herunter" nicht verstanden wird. Das Hilfe-Menü informiert uns allerdings über sinnvolle Verben bzw. Abkürzungen, die unseren Fortschritt beschleunigen. Auch das Speichern des Spielstandes ist jederzeit möglich. In erster Linie gilt die Grundregel eines jeden Textadventures: So ist die aufmerksame Lektüre der Bildschirmtexte erforderlich, um über das Geschehen sowie verborgene Items oder Ausgänge aufgeklärt zu werden. Hat man sich diese Tradition verinnerlicht, werden kaum weitere Hürden zu bewältigen sein. Selten müssen wir unsere grauen Zellen ernsthaft bemühen und wenn es doch einmal notwendig sein dürfte, sollte die Lösung nach einigen Minuten gefunden sein. Die Anzahl der begehbaren Areale ist - im ersten wie im zweiten Abschnitt - ohnehin arg beschränkt.


Das Vermitteln von Wohlfühlsituationen zählt wohl nicht zu den Stärken der Entwickler.


Musik, Grafik, Atmosphäre
Die düstere Farbgebung der Szenenbilder fügt sich wundervoll in das postapokalyptische (oder beinahe postapokalyptische) Szenario ein. Dass die von Pixeln dominierten Hintergründe trotzdem recht modern wirken, ist nicht zuletzt dem hohen Detailreichtum zu verdanken. Gelegentlich wurden auch subtile Effekte integriert, sodass etwa das Flackern des Lichtes zur Belebung mancher Schauplätze beiträgt. Somit vermittelt der Grafikstil eine besonders finstere Atmosphäre, die selten von Geräuschen, aber niemals von Musik begleitet wird. Einzig die dramatische Titelmelodie, die das Thema mit antiquierten Klängen bereichert, bildet den Soundtrack von "The longest Night".


Der eigentliche Alptraum scheint sich jedoch im Wachleben zu ereignen.

Tomorrow comes today
Wie der Titel vermuten lässt, fungiert "The Longest Night" als Prolog des zuvor erschienenen 3rd person-Adventures "Dead Synchronicity: Tomorrow comes today". Der Zweck hinter dem Textadventure-Bonus dürfte von manchem Spieler angezweifelt werden. Es werden nämlich bloß bereits bekannte Aspekte der Vorgeschichte aufgegriffen, welche uns im Verlauf der kommerziellen Episode schon durch Rückblenden erzählt wurden. So erfahren wir lediglich, dass Michael zum Zeitpunkt der Katastrophe in einem Flugzeug saß. Ob man "The Longest Night" oder "Tomorrow comes today" zuerst genießen möchte, dürfte also vom Geschmack des Spielers abhängen - von Spoilern kann zumindest kaum die Rede sein.


Dieser Riss am Himmel übt allerdings eine besonders beunruhigende Wirkung auf unseren Protagonisten aus.

Fazit
"The longest Night" dient wohl in erster Linie der Einstimmung auf eine großartige Dystopie, die hierzulande durch den populären Adventure-Publisher Daedalic vermarktet wird. Zwar zeugt die kleine nostalgische Werbemaßnahme von technischen Schwächen und äußerster Rätselarmut, vermag jedoch mit erzählerischen Mitteln zu überzeugen.

Samstag, 17. Dezember 2016

Kommerziell: Heroes & Cowards

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Heroes & Cowards: Das Pentagramm der Macht"?
Genre: Klassisches Adventure
Vergleichbare Spiele: Soul Crystal, Das Drachental
Technische Grundlage: Point and Click im klassischen Textadventure-Design
Urheber: Byteriders, Out of Order Softworks
Sprache: Deutsch, Englisch
Jahr: 2015
Download und Kauf: itch.io --- Protovision

Anmerkung: Dieses Review habe ich für den Adventure-Treff verfasst, weshalb es natürlich nur dort in vollständiger Länge abgerufen werden kann. Bitte folgt dem externen Link, um den Artikel lesen zu können!


Diesem Drachen war offensichtlich kein sehr würdevolles Ableben vergönnt.

Adventure-Treff-Test: Heroes & Cowards
Gewiss waren Steve Kups und Sebastian Broghammer keine Feiglinge, als sie 1990 den Sprung ins kalte Wasser wagten und ihre eigene Entwicklerschmiede gründeten. So waren die Byteriders entstanden, die sich innerhalb der deutschsprachigen C64-Szene schon binnen weniger Jahre behaupten konnten. Nein, sie waren keine Feiglinge – im Gegenteil: Rasch wuchsen sie zu echten Helden empor, die mit ihren häufig seichten, aber überaus unterhaltsamen Titeln Begeisterung unter Adventurespielern schüren konnten: Logan, The Yawn, Crime Time oder Brubaker rufen bei älteren Generationen noch heute manche Erinnerung hervor. 1993 war bereits das Ende der Byteriders-Ära gekommen. Es schien, als wären sie in einen dichten Nebel geritten und danach nie wieder gesichtet worden. Ihr Name jedoch blieb unvergessen und wurde bis ins 21. Jahrhundert hinein überliefert.
Vor nunmehr einem Jahr, nämlich im Dezember 2015, verstarb mit Steve Kups einer der kreativen Köpfe des einstigen Teams. Er schied aber nicht aus dem Leben, ohne uns kurze Zeit vorher ein besonderes Geschenk zu vermachen. Ebenso wie der Tod der lediglich 45jährigen C64-Legende erreichte uns dieses vollkommen unerwartet: Heroes & Cowards war das verschollene Projekt der Byteriders, ein Relikt aus den 90ern, welches vertrauensvoll in die Hände der Firma Out of Order Softworks gelegt wurde. Steve Kups schien diese Kooperation keineswegs gescheut zu haben, wie seine entschlossenen Worte eindrucksvoll belegten: „Ihr könnt das Gammelding nach Belieben verwursten.“ (Quelle: Handbuch zu Heroes & Cowards) Ob Kups' Zuversicht gerechtfertigt war, möchten wir in diesem Testbericht näher ausführen. ....Weiterlesen auf Adventure-Treff!