Freitag, 16. September 2011

Kommerziell: The Last Express

The Last Express

"The Last Express" wird seit seinem Erscheinen im Jahr 1997 als einer der ganz großen Klassiker gehandelt. Leider hatte ich erst jetzt das Vergnügen mir selbst ein Bild davon zu machen, ob diese Bezeichnung auf die historische Zugfahrt von Broderbund auch für mich persönlich zutrifft.
Paris, 24. Juli 1914: Nachdem ihm auf überstürzte Weise der Einstieg in den Orientexpress geglückt ist, begibt sich der Amerikaner Robert Cath zum Abteil seines Freundes Tyler Whitney - leider etwas zu spät, denn dieser wurde inzwischen ermordet. Um nicht selbst unter Verdacht zu geraten, lässt er die Leiche verschwinden und nimmt die Identität des Verstorbenen an. Und schon haben wir eine Mission: Cath muss herausfinden, wer hinter der furchtbaren Tat steckt, und wird sich dazu mit sämtlichen Passagieren auseinandersetzen. Mit der Reise des legendären Zuges, der von Paris nach Konstantinopel pendelt, beginnt ein mitreißender Krimi, in den Menschen aus aller Welt verwickelt sind.Der eigensinnige Comicstil fällt sofort positiv ins Auge. Neben der grafischen Sorgfalt sind aber besonders die Personen zu erwähnen, deren Darstellung auf einer speziellen Technik basiert. Hier wurden echte Schauspieler gefilmt und letztendlich digital nachgezeichnet, sodass ganz herausragende Charakteranimationen daraus entstanden. Und es ist tatsächlich wie im wahren Leben: Regelmäßig können wir umherwandernde Zuggäste beobachten, die sich auch mal frech an uns vorbeischlängeln, weil der Gang neben den Schlafabteilen nicht allzu breit ist. Um dieser Lebendigkeit noch mehr Gestalt zu geben, kann man stets den Konversationen anderer lauschen, die zum Beispiel gerade im Speisewagen sitzen. Dabei handelt es sich zwar häufig um belanglose Gespräche, die jedoch nicht selten unterhaltsam sind. Zudem sind in der mir vorliegenden englischen Fassung gelegentlich französische oder deutsche Sätze zu vernehmen, die jeweils durch Untertitel übersetzt werden. Mich störte leider etwas die Tatsache, dass man solche nicht für alle Dialogzeilen im Spiel einstellen kann. Dennoch hat mich die Vielfalt der vorhandenen Akzente fasziniert und amüsiert. In den zahlreichen Filmsequenzen verlassen wir den Körper unseres Alter Ego und betrachten diesen aus der dritten Person. Und das ist berechtigt, da der Hauptcharakter mit seiner eigenen Geschichte fest in die Storyline eingeflochten ist. Dass das Gesamtpaket stimmig ist, beweist zusätzlich die klassische Musikuntermalung, sowie eine realistische Soundkulisse. Die typischen Eisenbahngeräusche hört man praktisch durchgehend, besonders außerhalb des Zuges, wenn wir beispielsweise auf den Dächern herumklettern. Nachts bekommt es Cath zuweilen mit Alpträumen zu tun, die mit einer düsteren Gruselstimmung aufwarten.Geprägt ist TLE von einer gewissen Nichtlinearität. So geschieht alles in Echtzeit und man muss bestimmte Aktionen erledigt haben um weiterzukommen. Anderenfalls droht uns der Tod oder der Rausschmiss aus dem Orientexpress. Ist man gestorben, kann man die Eieruhr im Hauptmenü zur gewünschten Stelle zurückspulen, was grundsätzlich auch während des laufenden Spiels möglich ist. Ist es also 17 Uhr und man möchte nochmal nachsehen, ob man um 16 Uhr etwas versäumt hat, kann man die Zeit bis zu diesem Punkt zurückdrehen. Eventuell verpasst man nämlich nicht lösungsrelevante, aber interessante Informationen, sowie einige unterhaltsame Szenen, wie zum Beispiel einen August Schmidt, der uns ordentlich alkoholisiert im Speisewagen zum Tanz auffordert. Die Eieruhr ersetzt übrigens das Abspeichern, denn der aktuelle Stand wird durch den Minutenzeiger automatisch festgehalten. Das Gameplay zeichnet sich vorwiegend durch reine Inventarrätsel aus und natürlich besteht die Schwierigkeit oftmals darin etwas in einer bestimmten Zeit zu vollbringen. Abgerundet wird der Spaß durch mehrere Kampfeinlagen, die zwar nicht immer so einfach bleiben wie zu Beginn, die jedoch nach einigen Versuchen auch für einen eher in Rätseln geübten Adventurespieler zu bewältigen sind. Innerhalb dieser Gefechte wird kurz in die dritte Person gewechselt, damit man erkennt, an welcher Körperstelle uns unser Feind mit der Faust oder dem Säbel zu attackieren gedenkt. Dann ist Schnelligkeit gefordert und man muss in die korrekte Richtung ausweichen oder bei der entsprechenden Gelegenheit zuschlagen.Wer hätte gedacht, dass ein Adventure, das sich ausnahmslos in einem einzigen Zug abspielt, so spannend sein kann? Das historische Erfolgsrezept um den Orientexpress wurde in diesem atmosphärischen Meisterwerk glaubhaft und dramatisch umgesetzt und erhielt wohl insbesondere durch seine vielfältigen Charaktere Kultstatus. Somit ist es nicht nur für Freunde der Egoperspektive ein Muss.

Produzent: Broderbund
Jahr: 1997

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