Dienstag, 25. Oktober 2011

Freeware: Das Stundenglas

Das Stundenglas

Als Macher der bekanntesten deutschsprachigen Textadventures wird seit jeher die Firma Weltenschmiede gehandelt, wobei „Das Stundenglas“ wohl das Paradebeispiel ist. Inzwischen ist der Klassiker als Freeware-Download im Internet verfügbar.

Im Jahr 2012 (!!!) ist die Erde infolge einer Klimakatastrophe verwüstet. Die Straßen werden von gefährlichen Banden beherrscht, mit denen wir schon zu Beginn konfrontiert werden. Nach einer Flucht in den Spielzeugladen können wir uns in aller Verzweiflung in eine Kiste retten, die sich sogleich als ein Portal in eine andere Welt entpuppt. Wir landen im Munterwassertal, einer fantastischen Insel, die von einer Hexe, einem Troll, einem Greifen, einer Seeschlange, einem Einhorn und sämtlichen weiteren Fabelwesen und Märchenfiguren bevölkert wird. Im Wasserschloss informiert uns Yanyi, dass wir als Gast aus der realen Welt dazu in der Lage sind das verschollene Stundenglas zurückzuholen um das in zwei Zeitsphären aufgeteilte Munterwassertal wieder zu einer Einheit zusammenzufügen. Zur Erreichung unseres Ziels gilt es zunächst zwölf Münzen aufzutreiben, von denen je einer der Bewohner des Landes eine in seinem Besitz hat. Ob Schmied, Schuster, Wirt oder Bäuerin, in der Regel müssen wir der jeweiligen Person einen Gefallen tun, damit diese uns ihre Münze überlässt. Die kreative Story hinter „Das Stundenglas“ gewinnt durch in Dialogen erzählte Legenden, die nicht direkt zum Hauptplot gehören, jedoch für einzelne Rätsel relevant sind, noch mehr an Komplexität.

Das Spiel erstreckt sich über einen Zeitraum von zwölf Tagen und muss in dieser Spanne bewältigt werden, was sich negativ auf das Gameplay auswirkt. Grundsätzlich empfiehlt es sich häufig zu speichern und den letzten Spielstand zu laden, falls mal wieder zu lange ergebnislos herumprobiert wurde, denn die Minuten verstreichen bei jeder getätigten Aktion. Bei Nacht schwindet zwar die Helligkeit, aber die meisten Leute und Kreaturen können zur späten Stunde noch angetroffen und in Gespräche verwickelt werden. Schlaf benötigt unser Alter Ego offensichtlich nicht. Die Dialoge sind recht ausschweifend, doch es mangelt ihnen selten an Humor. Anwesende Charaktere werden zwar nie optisch dargestellt, werden allerdings durch lebhafte Schilderungen illustriert, zum Beispiel tänzelt das Einhorn durch das Gras, solange wir nichts Sinnvolles tun. Die Grafiken sind schön gezeichnet und für Textadventure-Verhältnisse wurde hier nicht an Details gespart. Bedauerlicherweise wechseln die Hintergründe nicht mit exakt jedem Bildschirm, so steht man vor dem Schloss auf dem Felsenstein, begibt sich einige Schritte weiter vor das Tor und erhält die passenden Beschreibungen, nicht aber die Nahansicht des Eingangs. Mehrere Szenen unten am Fluss sehen zudem absolut identisch aus.

Aufgrund der Größe des Munterwassertals ist es äußerst schwierig sich dort zurechtzufinden. Allerdings hat mir die Orientierungskarte im Spielverzeichnis diesbezüglich eine wesentliche Erleichterung beschert. Dazu kommen die durch Münzen zu steuernden Portale, die uns von einem Abschnitt zu einem anderen teleportieren und somit längere Laufwege vermeiden können. Auf die ständige Eingabe von "Nord", "Ost", "Süd" oder "West" kann durch die simple Nutzung der Pfeiltasten verzichtet werden. Bedienungsfreundlich ist sogar der Parser, da er sich als sehr intelligent erweist und eine Menge an Befehlen als korrekt anerkennt. Um spezielle Hinweise auf zukünftige Aufgaben zu erhalten, müssen wir die Symbole und Zahlen, die auf den Münzen abgebildet sind, auf einem Drehrad à la „Monkey Island“ einstellen um daraus jeweils einen Namen entnehmen zu können, über den wir Yanyi ausfragen können. In der Freeware-Version muss diese Kopierschutz-Hilfe leider erst ausgedruckt und zusammengebastelt werden. Gelegentlich kann man sich zwar den Tod holen, dennoch sind die eigentlichen Gefahren in „Das Stundenglas“ rar gesät.

Dass "Das Stundenglas" als Vorzeigemodell des deutschen Textadventures dient, ist für mich nachvollziehbar. Einmal ist es die fantasievolle und komplexe Geschichte und andererseits sind es die vielfältigen Charaktere, deren Auftritte mit einer guten Portion Humor ausgearbeitet wurden. Auch der Wechsel von anfänglicher Science Fiction in eine reine Fantasy-Welt wurde schön eingefädelt.

Anmerkung: Das Spielverzeichnis bzw. die inzwischen seltene Box beinhaltet eine Orientierungskarte des Munterwassertals, die Codescheiben, sowie den Roman „Das Geheimnis der Zeiten“.

Produzent: Weltenschmiede, Vertrieb: Software 2000
Jahr: 1990

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