Montag, 21. November 2011

Exkurs: Wenn 3rd person zu 1st person wird

Wenn 3rd person zu 1st person wird

Wer seit langer Zeit Adventures konsumiert, der wird bereits festgestellt haben, dass die Perspektivenwahl manchmal gar nicht so streng geregelt ist. Oftmals führt man zwar einen steuerbaren Charakter durch die Landschaft, zoomt allerdings irgendwann in eine Nahansicht, wenn man zum Beispiel einen Schrank von innen untersuchen soll. In diesem Beitrag möchte ich auf drei Adventures aus der dritten Person hinweisen, bei denen mir solche Punkte besonders deutlich aufgefallen sind.

Kommerziell: The Lost Crown

Als äußerst interessant erweist sich dieser Aspekt in Bezug auf "The Lost Crown", das im letzten Jahr zu Recht die Massen der Adventurespieler für sich begeistern konnte. Sobald wir auf dem Friedhof und in den Höhlen von Saxton nachts die Ghostcam ausgepackt und auf die Umgebung angewandt haben, erkennen wir zwei grundlegende Veränderungen: Erstens muss die fast ausnahmslos farblose Optik giftigen Grüntönen weichen und zweitens läuft der Spaziergang durch die Dunkelheit mit vorgehaltenem Geisterjagd-Instrument plötzlich in der Ich-Perspektive ab. Beides scheint zugunsten einer realistischeren Darbietung zu passieren. Schließlich werden jene Momente dadurch noch schauriger, da wir selbst das Geschehen aus der Sicht von Nigel Danvers verfolgen können und somit das Gefühl vermittelt bekommen, als befänden wir uns mittendrin. Horrorgenie Jonathan Boakes, der ohnehin durch die Dark Fall-Saga seine Erfahrungen im Erstellen von 1st person-Adventures sammeln konnte, lässt uns also kleine Abschnitte aus der Egoperspektive erleben und macht aus "The Lost Crown" stellenweise eine Art "Genremix".

Produzent: Darkling Room
Jahr: 2010

Kommerziell: Die Sage von Nietoom

Dieser schöne und märchenhafte, aber leider wenig populäre Titel lässt uns lustigerweise nach dem Intro in dem Irrglauben, dass wir hier ein 1st person-Adventure erworben haben. Denn direkt im ersten Raum ist keine Spielfigur erkennbar, sondern nur eine recht ungewöhnliche Aussicht auf das einsame Bett im Haus des verstorbenen Großvaters. Das Gebäude jedoch ist weit umfangreicher und kaum haben wir das Zimmer verlassen, steht bereits der junge Marco im Flur, den wir durch das Adventure begleiten. Bei der schier grenzenlosen Anzahl an Szenenbildern, die von den 4th Generation Studios verwendet wurden, stoßen wir nicht selten auf solche, in denen mal eben die Perspektive wechselt. Das ereignet sich auf unterschiedliche Weise, da die Macher scheinbar auf eine besonders kunstbetonte Darstellung der Hintergründe abgezielt haben. So haben wir beispielsweise vor der Haustür den Blick auf den Wald gerichtet, während wir im Licht, das aus dem offenen Eingang herausschimmert, noch den Schatten des eigentlich ausgeblendeten Marco wahrnehmen.

Produzent: 4th Generation Studios
Jahr: 1994

Werbespiel: Abenteuer Europa

Ähnlich wie "Die Sage von Nietoom" beginnt auch das humorvolle SPD-Werbespiel "Abenteuer Europa". Allerdings schlüpfen wir erst in der zweiten Szene in die Rolle unseres Hauptcharakters Fred Beck und begutachten zunächst aus der eigenen "Brille" eine Reihe von Hochhäusern, die wir mit dem Lupe-Symbol genauer "analysieren" dürfen um den Arbeitsplatz des besagten Journalisten auszumachen. Sobald wir erfolgreich waren, müssen wir Beck durch sein Büro steuern. Innerhalb des Spielverlaufs wird jedoch noch häufiger in die Egoperspektive gewechselt, zum Beispiel bei näherer Betrachtung des Notebooks, welches regelmäßig zum Einsatz kommt. Außerdem sind insbesondere diverse Puzzles in der Nahansicht zu lösen. Bei "Abenteuer Europa" geschieht diese Perspektiven-Unentschlossenheit aber eher aus praktischen Gründen.

Produzent: Ego Software
Jahr: 1994

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