Freitag, 23. Dezember 2011

Kommerziell: Urban Runner

Urban Runner

In den 90ern waren Interactive Movies mit integrierten Schauspielern ein großer Trend. Bei "Urban Runner" gingen die Produzenten besonders weit in ihrem Vorhaben Film und Adventure miteinander zu verbinden.

Als Max Gardner wie vereinbart in der Sauna erscheint um den Drogendealer Tony Marcos zu interviewen, muss er nach einem kurzen Moment erkennen, dass dieser bereits tot ist. Der Journalist zögert nicht länger und flüchtet, hat allerdings sogleich Marcos' Leibwächter auf den Fersen. Nach einiger Zeit gelingt es ihm den Ganoven hinter sich zu lassen, doch in seiner Wohnung wartet schon der gnadenlose Kopfgeldjäger. Und als ob das nicht genug wäre, wird zu allem Überfluss noch die Polizei auf ihn aufmerksam. Jetzt liegt es an ihm nach der Wahrheit zu suchen. In einem Hotel verliebt sich Max in Marcos' ehemalige Partnerin Adda, die ihn nun bei seinen Recherchen rund um die bösen Jungs unterstützt. Doch kann er ihr trauen?

Amüsant ist es zu beobachten, wie klischeehaft die agierenden Personen wirken. Wenn die Gangster ihre minderbemittelten Gesichtsausdrücke auflegen, hat man eher das Gefühl sich in einem Cartoon mit Karikaturcharakter zu befinden, als in einem seriösen Krimi. Dennoch ist "Urban Runner" immer bemüht die Ernsthaftigkeit zu wahren, was aber nicht recht funktionieren will. Als Spionagethriller scheint es zwar seinen Zweck zu erfüllen, trotzdem konnte ich der oberflächlichen Geschichte nichts abgewinnen und die Identifikation mit den Hauptdarstellern blieb ebenso aus. Beeindrucken konnte mich nicht einmal deren Schauspielkunst, was vielleicht auch an den übertriebenen Grimassen lag. Die Synchronisation kam fast ausnahmslos von Max und gelegentlich von Adda, in deren Rolle wir ab und zu schlüpfen. Hierbei werden zum Beispiel nur "indirekte Dialoge" geführt, bei denen Max oder Adda dem Spieler erzählen, was sie von ihrem Gesprächspartner erfahren haben. In dieser Form wird zudem stets aus dem Off berichtet, was gerade geschieht oder welche Ergebnisse unsere Helden bei ihren Ermittlungen erzielt haben. Leider ist zumindest die mir bekannte deutsche Sprachausgabe komplett misslungen.

Tatsächlich ist "Urban Runner" ein Interactive Movie im besten Sinne. Zwischen einzelnen Abschnitten werden längere Videosequenzen eingespielt und während einer Szene wird nahezu jede getätigte Aktion als Minifilm dargestellt, wobei der Hauptcharakter in der 3. Person gezeigt wird. Schließlich dient die Egoperspektive allein den interaktiven Elementen. Manchmal läuft sogar noch die "Kamera" und man muss trotzdem rechtzeitig das Inventar öffnen und einen bestimmten Befehl ausüben, was man in diesem Fall oft nicht begreift und deshalb vorher scheitert. Denn in "Urban Runner" lauert der Tod hinter jeder Ecke - nur in einigen Umgebungen geht es mal etwas ruhiger zu. Häufig muss man bewaffneten Verfolgern ausweichen oder sich versteckt halten und hin und wieder wird eine sich zügig verringernde Countdownleiste eingeblendet und man muss in den erkennbaren Restsekunden die verbleibenden Aufgaben bewältigen. Fortschrittlich ist, dass man nicht dauernd speichern muss, sondern nach jedem Ableben im Menü die Funktion "Nochmal versuchen" anwählen kann. Die Rätsel sind anspruchsvoll und gut durchdacht. Meistens müssen typische Agententricks angewandt werden, weshalb vor allem der Hobby-Geheimdienstler seinen Spaß haben sollte. ;-)

Die triviale Story und die schwachen Schauspieler schaffen es nicht aus "Urban Runner" etwas Besonderes zu machen. Was bleibt, ist ein begrenzt spannender Spionagethriller mit vielen Schießereien und blutrünstigen Killern, das sich neben den etlichen Klischees wenigstens durch ordentliche Knobeleien auszeichnet. Wer meint seine Freude daran haben zu können, soll einen Blick riskieren. Ich bin damit jedenfalls nicht warm geworden.

Produzent: Coktel Vision, Vertrieb: Sierra
Jahr: 1996

Sonntag, 18. Dezember 2011

Freeware: Process

Process

Von Mitentwicklern des erstklassigen 1st person-Adventures Outcry wurde diesen Winter ein Freeware-Titel zum Download zur Verfügung gestellt. "Process" soll vermutlich als Vorgeschmack auf die kommerzielle Neuveröffentlichung dienen, die für das nächste Jahr angedacht ist. Und was hinter diesem kleinen Vergnügen steckt, werde ich nachfolgend berichten.

Wir befinden uns in einem fahrenden Zug. Von anderen Menschen fehlt jede Spur, somit sind wir ganz auf uns gestellt. Doch es bleibt nicht viel Zeit. Innerhalb von 20 Minuten müssen wir es schaffen ein Unglück abzuwenden. Weitere Informationen sind unnötig, denn nun wissen wir, was zu tun ist. Wir bewegen uns durch das Fahrzeug, das aus wenigen Räumen besteht und müssen die eine oder andere verschlossene Tür öffnen, Hebel umlegen oder Codezahlen herausfinden. Es ist ein insgesamt nicht allzu schwieriges Zusammenspiel aus Inventar- und Technikrätseln. Sobald wir einen Schritt vorwärts gekommen sind, müssen wir damit rechnen, dass ein neuer Hotspot anklickbar geworden ist. Um diesen zu ermitteln, müssen wir uns gelegentlich mit etwas Pixelhunting beschäftigen, was mein einziger richtiger Kritikpunkt am Gameplay wäre. Wichtig ist aber die Tatsache, dass man nicht abspeichern kann und stets den Monitor im Auge behalten sollte, der die bis zur Kollision verbleibenden Minuten verrät. Sind diese verstrichen, lässt sich der Unfall nicht mehr vermeiden und wir müssen nach dem nächsten Neustart einen Zahn zulegen. Nach einer gut bewerkstelligten Aufgabe werden wir häufig mit einer kurzen Zwischensequenz belohnt. Und dies sind wohl die interessantesten Aspekte von "Process", da wir dabei meist nicht ganz zwischen Vision und Wirklichkeit unterscheiden können. Später gelingt es uns sogar einmal die Bremse zu aktivieren und auszusteigen - doch es scheint immer wieder so, als müsste man an dem zweifeln, was gerade geschieht. Die düsteren Grafiken erinnerten mich an "Outcry" und konnten mich vollkommen in ihren Bann ziehen. Während wir bemüht sind unser Leben zu retten, vernehmen wir zudem regelmäßige Schienengeräusche und dürfen die visuellen Effekte genießen, wie etwa die am Fenster vorbeirasenden Schatten und Lichter des Tunnels oder das leichte Wackeln des Zuges. Die brenzlige Bahnfahrt wurde von Trainyard authentisch inszeniert. Ein Vorteil ist außerdem, dass die englische Fassung für keinen Spieler ein Problem darstellen dürfte, da "Process" bis auf einige technische Anweisungen fast komplett ohne Texte auskommt.

Auch wenn man diesen Spaß in der Regel mehrfach angehen und nach Ende des Countdowns alle Tätigkeiten wiederholt ausüben muss, wird es in den dunklen Waggons niemals langweilig. Spannend bleibt es wohl gerade deswegen, weil wir diese surreale "Survival-Situation" ganz alleine und ohne die Hilfe von Nebencharakteren bewältigen müssen. Wer "Outcry" geliebt hat, wird von "Process" nicht enttäuscht werden.

Produzent: Trainyard
Jahr: 2011

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Samstag, 17. Dezember 2011

Freeware: The Firstborn

The Firstborn

Einmal mehr kommt ein Freeware-Hochgenuss aus der Adventure Maker-Ecke. Mit "The Firstborn" dringt Luminy Studios in religiöse Gefilde vor.

Die Handlung beruht auf biblischen Motiven. Demnach soll vor Adam und Eva der "Firstborn", also der Erstgeborene auf der Erde gelebt haben, der so mächtig war, dass Gott sich nicht weiter damit beschäftigt und diese Kreation unvollendet gelassen hat. Erst später entwurf der Schöpfer die Menschen, wie wir sie kennen, mit zwei Geschlechtern, einer Seele und einem Herzen. Unser Abenteuer ereignet sich in Jerusalem, wo wir uns als Mitglied einer militärischen Einheit von unserer Gruppe entfernen, da wir von der Magie eines alten Tempels verleitet wurden. In den antiken Gemäuern werden wir schon bald Zeuge seltsamer und gleichermaßen unheimlicher Vorkommnisse. Zu Beginn und im weiteren Verlauf werden wir durch erzählende Texte über das Geschehen informiert. Das Gameplay besteht vorrangig im Lösen intelligenter Rätsel, die oftmals über das herkömmliche Hantieren mit Inventargegenständen hinausgehen. In regelmäßigen Abständen müssen korrekte Symbole eingestellt werden um neue Türen zu öffnen. Leider kann es manchmal passieren, dass man mal einen Hotspot nicht sofort findet, aber das Pixelhunting hält sich noch in Grenzen. Die Knobeleien nehmen mit der Zeit an Schwierigkeit zu, allerdings ist das kurze Spielvergnügen insgesamt gut zu bewältigen. Die Geschichte wurde überzeugend und mit einem intensiven Horrorflair umsetzt. Auf unserem Ausflug werden wir von Schockmomenten genauso wenig verschont, wie von schrillen, verstörenden Klängen und erschreckenden Stimmen, deren Herkunft uns unklar ist. Die dazwischen ablaufende Musik lässt uns durch ihre variierende Lautstärke hin und wieder eine Bedrohung vermuten. Hier ist dem Autor eine akustische und atmosphärische Meisterleistung gelungen. Die Grafiken bewegen sich ebenfalls auf einem hohen Niveau und bilden eine derart düstere Welt ab, dass man sie als Adventurespieler einfach erkunden muss.

Es dürfte zu schaffen sein "The Firstborn" innerhalb von einer Stunde abzuschließen, wobei es vielleicht auch erst der Anfang einer großen Geschichte sein könnte. Das Ende lässt sich nämlich durchaus als Cliffhanger interpretieren. Ansonsten wäre es schade, wenn dieser vielversprechende Stoff nicht weiterhin ausgebaut werden würde.

Produzent: Luminy Studios
Jahr: 2011

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Dienstag, 6. Dezember 2011

Kommerziell: Past - Das Abenteuer Zeit

Past - Das Abenteuer Zeit

Der vorliegende Klassiker ist nur auf der Website des Entwicklers für unter 7 Euro zu bestellen. Seit vielen Jahren bietet Stefan Feige dort die eine oder andere Eigenproduktion an, sowie diverse Spielesammlungen in Kooperation mit anderen Firmen. Ich habe "Past" vom Hersteller bezogen und mir ein Bild davon gemacht.

Endlich ist es vollbracht: Durch den Bau einer Zeitmaschine ist es möglich in die tiefsten Epochen unserer Vergangenheit zu reisen. Der Wissenschaftler, in dessen Rolle wir schlüpfen, verfolgt damit vor allem ein privates Ziel. Sein Leben ist eingeschränkt durch eine Erbkrankheit, die ihn zu regelmäßigen Krämpfen veranlasst und schon jedem seiner Vorfahren einen verfrühten Tod beschert haben soll. Außerdem hat er zwei Söhne, die ebenfalls von diesem Problem betroffen sind. Also begeben wir uns zurück ins Mittelalter, wo diese Unglückskette seinen Anfang genommen hat. Hier soll zum ersten Mal ein Ahne unseres Helden unter diesen Symptomen gelitten haben. Vielleicht besteht die Aussicht ihn mit der Hilfe eines Alchimisten zu heilen und somit den Ablauf des Stammbaums zu ändern und die vollkommene Gesundheit unserer Familie in der Gegenwart zu gewährleisten. Leider erweist sich unser Plan als kein leichtes Unterfangen. Durch einen Krampfanfall unsererseits wird der Alchimist verdächtigt uns verhext zu haben und deswegen eingesperrt. Unser Urahn, zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind, bleibt in dessen Haus zurück und verlässt sich nun darauf, dass wir den Unschuldigen aus dem Verlies befreien. Daran versuchen uns aber unsere nicht ganz so netten Kollegen aus der Zukunft zu hindern, die kurz davor sind uns in das Jahr zurückzuholen, aus dem wir gekommen sind.

Nachgestellt wurde das Mittelalter mit über 200 Fotografien in einer aquarellierten Fassung. Ob Dorf, Burg oder Natur, es wirkt überzeugend und gleichermaßen nostalgisch. Gelegentlich werden uns Filmsequenzen gezeigt und die Charaktere wurden von Schauspielern verkörpert, die hier gute Arbeit geleistet haben, wobei nicht zuletzt die treffenden Kostüme zur authentischen Präsentation beigetragen haben. Sprachausgabe liegt trotz passender Lippenbewegungen der Darsteller nicht vor, es muss also mitgelesen werden. Zahlreiche Geräusche wie Vogelgezwitscher schaffen eine wunderbare Atmosphäre und auch die ruhigen, mittelalterlichen Klänge der Hintergrundmelodien fügen sich perfekt in das Geschehen ein. Diese werden freundlicherweise sogar als Track-Liste abgespielt, wenn man einen Audio-Player öffnet, solange sich die CD-ROM im Laufwerk befindet. In "Past" begegnen wir an allen Ecken Menschen, die uns mal mehr oder weniger gutgesinnt sind und dürfen intensiven Unterhaltungen nicht abgeneigt sein. Teilweise gilt es lediglich als Dienstbote in Aktion zu treten, der für einen Gefallen entsprechend belohnt wird, doch später nimmt die Rätseldichte zu und es müssen deutlich schwierigere Aufgaben bewältigt werden. Dazu ist oftmals die Lektüre alter Schriften notwendig, die in der Bibliothek der Zisterziensermönche ihr Dasein fristen. Sterben kann man höchstens einmal, wenn man die Warnung des Waldräubers ignoriert, oder man scheitert, weil man am Ende das Heilmittel falsch zubereitet hat. In diesen seltenen Fällen bekommt man einen automatischen Spielstand bereitgestellt, der uns an die Position kurz vor unserem Versagen zurückversetzt. Außerdem werden diese Autosaves vor bestimmten Schlüsselszenen gespeichert, was ich als ausgesprochen praktisch empfinde.

Nicht so leicht fiel mir die Orientierung durch die mittelalterliche Gegend. Wir erhalten vom Bettler eine Karte, die uns zwar stets anzeigt, wo wir uns ungefähr aufhalten, die es uns aber nicht ermöglicht den Marsch zu bereits erkundeten Dörfern oder Wiesen durch einen einfachen Mausklick abzukürzen. Demzufolge sind die Laufwege manchmal etwas anstrengend, zumal uns ab und zu das Geld ausgeht oder gestohlen wird und wir somit den Goldschmied aufsuchen müssen, bei dem wir jederzeit durch eine minimale Beschäftigung unser Guthaben auffrischen können. Von diesen kleinen Mängeln abgesehen hat "Past" mir allerdings große Freude bereitet und mit dem ausführlichen Outro wurde für einen krönenden Abschluss gesorgt, in dessen Verlauf die Schauspieler bzw. Entwickler uns mit Outtakes und anderen Gags einen humorvollen Blick hinter die Kulissen offenbaren.

Die spannende Handlung und die liebevolle Umsetzung von "Past" konnten mich absolut überzeugen. Wir erfahren etwas über die Chancen und Nebenwirkungen von Zeitreisen und werden mit dem Leben und den Gefahren im Mittelalter konfrontiert. Es ist nicht zu übersehen, dass die wenigen Personen, die an der Produktion beteiligt waren, viel Mühe in das Adventure gesteckt haben und es auch heute noch ein nostalgisches Spielvergnügen bietet.

Produzent: Ficus, ursprünglicher Vertrieb: Software Brokers
Jahr: 1998

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