Samstag, 24. März 2012

Freeware: Brinkfeld: Der erste Tag

Brinkfeld: Der erste Tag

Mit dem Point and Click Development Kit erstellte 1st person-Adventures gibt es nicht gerade wie Sand am Meer. Das gut durchdachte Mystilinchen, dessen Fortsetzung noch auf sich warten lässt, ist eine positive Ausnahme. Ein Fundstück neueren Datums ist "Brinkfeld", das sich nicht mit klassischen Myst-Welten beschäftigt, sondern vielmehr den Maßstäben eines gespenstischen Detektivspiels folgt.

Wir schreiben das Jahr 1612. Alexander, der jugendliche Sohn reicher Eheleute, ist verschwunden. In der Rolle des Kommissaranwärters Brinkfeld begeben wir uns zusammen mit unserem Vorgesetzten Erik Martinenbach zu den verzweifelten Eltern um nach Indizien Ausschau zu halten. Kurze Zeit später erfahren wir, dass der junge Mann das Opfer einer Entführung geworden ist. Zunächst einmal gilt es der Familie des Vermissten auf den Zahn zu fühlen. Brinkfeld ahnt jedoch nicht, welche finsteren Ausmaße dieser Fall schon bald einnehmen wird. Als allzu schwierig entpuppt sich "Brinkfeld" nicht. Das Rätseldesign besteht vorrangig aus der Suche nach Beweisen und dem Verhören von Verdächtigen. Beim Finale am Wald erlangen simple Inventarrätsel die Oberhand. Die gerenderten Grafiken sind zwar etwas steril, geben aber insgesamt ein gutes Bild ab. Weniger gefallen haben mir die im Comicstil gezeichneten Köpfe der agierenden Personen, die nicht physisch im Raum erscheinen, sondern - falls gerade anwesend - das Interface zieren. Sobald eine Befragung eingeleitet wurde, werden diese Gestalten, die eher an japanische Mangafiguren erinnern, unschön mitten auf dem Monitor platziert. Die Methode Charaktere nicht direkt ins Szenenbild einzufügen, ist nicht neu, sondern hat sich bereits vor Jahrzehnten als sinnvolle Technik im Ego-Adventure profiliert. Störend fand ich allerdings den grafischen Bruch zwischen Hintergründen und Interview-Partnern. Die dramatische Inszenierung dagegen ist sehr gekonnt und schafft eine ansprechende Atmosphäre. Die Geräusche, etwa beim Öffnen von Türen, wirken teilweise schon aggressiv, vorausgesetzt man hat die Lautstärke einigermaßen hoch eingestellt. Ähnlich wurde mit der Hintergrundmelodie verfahren, die zumindest für unheimliche Effekte sorgt.

Was noch recht vielversprechend beginnt, driftet schnell in ein plumpes Verschwörungsspiel mit übernatürlichen Kreaturen ab, das im kurzen Handlungsverlauf zudem nicht besonders glaubhaft eingefädelt wurde. Auch die beteiligten Charaktere bleiben vollkommen blass und konnten mein Interesse nicht wecken. Es macht mir nie großen Spaß einem kostenlos angebotenen Anfängerwerk eine negative Note zu geben, doch "Brinkfeld" scheitert in erster Linie an einer Geschichte, die deutlich besser hätte ausgebaut werden können. Die technische Umsetzung ist keinesfalls schlecht, weshalb ich mich über weitere Projekte von Ulysses freuen würde, die weniger an den genannten Aspekten kranken.

Produzent: Ulysses
Jahr: 2010

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Samstag, 3. März 2012

Kommerziell: Dear Esther

Dear Esther

Als unabhängige Fassung einer ursprünglichen Modifikation des Egoshooters "Half Life 2" ist nun das kommerzielle "Dear Esther" erschienen, das bislang ausschließlich über Steam erhältlich ist. Da die schwierige Ausdrucksweise im Original vielen Spielern hierzulande Probleme bereiten dürfte, bieten die Entwickler inzwischen einen kostenlosen Sprachpatch an, der deutsche Untertitel einblendet.

"Ist 'Dear Esther' ein Spiel?" Diese Frage tauchte nach dem Release des Independent-Adventures schon einige Male auf. Aber natürlich ist es das. Der Spieler muss immerhin ständig interagieren, bis er irgendwann ein Ziel erreicht hat, das etwa bei The Manhole nicht auszumachen ist. Anspruch und Komplexität bleiben im Gameplay zu 95 % auf der Strecke, sind in künstlerischer Hinsicht dagegen stark ausgeprägt. Denn in "Dear Esther" müssen keine Orte nach Hilfsmitteln, Karten oder sonstigen Items abgesucht werden. Nicht selten ist eine Szenerie mit materiellen Gegenständen oder Überbleibseln gepflastert, die teilweise einen deutlichen Bezug zur beschriebenen Handlung haben, diese jedoch sind keine Hotspots und lassen keine nähere Betrachtung zu, die vielleicht mit Kommentaren belohnt würde. Stattdessen durchkämmt man diese triste Gegend, die in ihrer Darstellung bereits ein Gefühl von ewiger Depression impliziert, und begibt sich auf einen unvergesslichen Spaziergang, ohne dass uns das geringste Hindernis den Weg blockiert. An bestimmten Positionen meldet sich der Erzähler zu Wort, der uns in poetischem Tonfall nach und nach eine Geschichte offenbart. Die von ihm verlesenen Briefe, die unverkennbar an eine Dame namens Esther gerichtet sind, beinhalten häufig Anekdoten zu jener schottischen Insel, auf deren Boden wir wandern, sowie relevante Erinnerungen vergangener Tage. Aufgeteilt wird die Reise in vier Stationen, deren Anfang und Ende man lediglich daran zu identifizieren vermag, dass das ansonsten fließende Spielvergnügen durch einen Ladebalken unterbrochen wird. Diese Abschnitte weisen jeweils eine entsprechende Länge auf, die allerdings niemals Eintönigkeit aufkommen lässt. Mit einem Kapitel kann man je nach Geschwindigkeit und Beobachtungslust schon gut eine Stunde beschäftigt sein, was in Anbetracht der Tatsache, dass das Gameplay keine komplexen Interaktionen und damit einhergehenden Überlegungen erfordert, recht beachtlich ist. Nach diesen Gesichtspunkten würde ich "Dear Esther" nicht als kurz einstufen.

Die Steuerung scheint noch der des Egoshooters nachempfunden zu sein. So können wir die Tasten W, A, S, D zum Laufen verwenden oder im Optionsmenü die Keyboard-Belegung nach unseren Wünschen anpassen. Die Maus dient dazu sich um 360° und in alle Richtungen zu drehen, schließlich gilt es hier eine kleine 3D-Welt zu erkunden, die nur gelegentlich durch unerreichbare Anhöhen, extreme Meerestiefen oder dichte Sträucher ihre Grenzen zeichnet. Maus und Tastatur in Kombination arten schnell in nervöse Fingerspiele aus - eine Freiheit, die man sich erlauben darf, zumal man nur sehr oberflächlich den Bildschirm inspizieren muss. Selbst mit Orientierungsschwierigkeiten hat man kaum zu kämpfen, denn hat man einmal den falschen Pfad eingeschlagen, gelangt man ohne große Umstände auf den richtigen zurück. Doch auch die Art der Fortbewegung variiert: So müssen wir uns vereinzelt als Schwimmer erweisen. Im Meer kann man dabei allerdings nicht lange die Ausdauer bewahren über Wasser zu bleiben, was wohl damit zusammenhängt, dass die Autoren uns auf dieser Insel festhalten möchten. Wer gerne virtuelle Tauchgänge unternimmt, der wird sich bald mit den unterirdischen Höhlenseen des dritten Kapitels angefreundet haben. Zudem wären da noch sämtliche Möglichkeiten sich in "Dear Esther" sinnlos in den Tod zu stürzen, indem man zum Beispiel in Schluchten springt oder im Ozean ertrinkt. Glücklicherweise wird man anschließend mit den bestimmenden Worten "Komm zurück!" wieder ins Leben geholt. Den Spielstand kann man jederzeit über eine Schnellspeicher-Taste sichern. Eine atemberaubende Geräuschkulisse und der erstklassige Soundtrack sorgen zusätzlich für eine Atmosphäre, die fantastischer nicht sein könnte.

Es macht Freude diese Insel in all ihren Facetten zu erkunden und mit allen Sinnen zu genießen. Die literarischen Texte muss man nicht immer bis ins Detail verstehen, denn das Erlebnis bleibt, egal wie man es am Ende interpretiert. Dazu trägt eine ebenso kunstvoll umgesetzte Welt bei, die fröhliche Elemente und Sonnenschein bewusst verweigert. Letztendlich ist "Dear Esther" eine lange Wanderung, in deren Verlauf man eine Geschichte erfährt, ohne dass wir durch ein lästiges Rätseldesign aus dem Konzept geraten.

Produzent: The Chinese Room
Jahr: 2012

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