Samstag, 3. März 2012

Kommerziell: Dear Esther

Dear Esther

Als unabhängige Fassung einer ursprünglichen Modifikation des Egoshooters "Half Life 2" ist nun das kommerzielle "Dear Esther" erschienen, das bislang ausschließlich über Steam erhältlich ist. Da die schwierige Ausdrucksweise im Original vielen Spielern hierzulande Probleme bereiten dürfte, bieten die Entwickler inzwischen einen kostenlosen Sprachpatch an, der deutsche Untertitel einblendet.

"Ist 'Dear Esther' ein Spiel?" Diese Frage tauchte nach dem Release des Independent-Adventures schon einige Male auf. Aber natürlich ist es das. Der Spieler muss immerhin ständig interagieren, bis er irgendwann ein Ziel erreicht hat, das etwa bei The Manhole nicht auszumachen ist. Anspruch und Komplexität bleiben im Gameplay zu 95 % auf der Strecke, sind in künstlerischer Hinsicht dagegen stark ausgeprägt. Denn in "Dear Esther" müssen keine Orte nach Hilfsmitteln, Karten oder sonstigen Items abgesucht werden. Nicht selten ist eine Szenerie mit materiellen Gegenständen oder Überbleibseln gepflastert, die teilweise einen deutlichen Bezug zur beschriebenen Handlung haben, diese jedoch sind keine Hotspots und lassen keine nähere Betrachtung zu, die vielleicht mit Kommentaren belohnt würde. Stattdessen durchkämmt man diese triste Gegend, die in ihrer Darstellung bereits ein Gefühl von ewiger Depression impliziert, und begibt sich auf einen unvergesslichen Spaziergang, ohne dass uns das geringste Hindernis den Weg blockiert. An bestimmten Positionen meldet sich der Erzähler zu Wort, der uns in poetischem Tonfall nach und nach eine Geschichte offenbart. Die von ihm verlesenen Briefe, die unverkennbar an eine Dame namens Esther gerichtet sind, beinhalten häufig Anekdoten zu jener schottischen Insel, auf deren Boden wir wandern, sowie relevante Erinnerungen vergangener Tage. Aufgeteilt wird die Reise in vier Stationen, deren Anfang und Ende man lediglich daran zu identifizieren vermag, dass das ansonsten fließende Spielvergnügen durch einen Ladebalken unterbrochen wird. Diese Abschnitte weisen jeweils eine entsprechende Länge auf, die allerdings niemals Eintönigkeit aufkommen lässt. Mit einem Kapitel kann man je nach Geschwindigkeit und Beobachtungslust schon gut eine Stunde beschäftigt sein, was in Anbetracht der Tatsache, dass das Gameplay keine komplexen Interaktionen und damit einhergehenden Überlegungen erfordert, recht beachtlich ist. Nach diesen Gesichtspunkten würde ich "Dear Esther" nicht als kurz einstufen.

Die Steuerung scheint noch der des Egoshooters nachempfunden zu sein. So können wir die Tasten W, A, S, D zum Laufen verwenden oder im Optionsmenü die Keyboard-Belegung nach unseren Wünschen anpassen. Die Maus dient dazu sich um 360° und in alle Richtungen zu drehen, schließlich gilt es hier eine kleine 3D-Welt zu erkunden, die nur gelegentlich durch unerreichbare Anhöhen, extreme Meerestiefen oder dichte Sträucher ihre Grenzen zeichnet. Maus und Tastatur in Kombination arten schnell in nervöse Fingerspiele aus - eine Freiheit, die man sich erlauben darf, zumal man nur sehr oberflächlich den Bildschirm inspizieren muss. Selbst mit Orientierungsschwierigkeiten hat man kaum zu kämpfen, denn hat man einmal den falschen Pfad eingeschlagen, gelangt man ohne große Umstände auf den richtigen zurück. Doch auch die Art der Fortbewegung variiert: So müssen wir uns vereinzelt als Schwimmer erweisen. Im Meer kann man dabei allerdings nicht lange die Ausdauer bewahren über Wasser zu bleiben, was wohl damit zusammenhängt, dass die Autoren uns auf dieser Insel festhalten möchten. Wer gerne virtuelle Tauchgänge unternimmt, der wird sich bald mit den unterirdischen Höhlenseen des dritten Kapitels angefreundet haben. Zudem wären da noch sämtliche Möglichkeiten sich in "Dear Esther" sinnlos in den Tod zu stürzen, indem man zum Beispiel in Schluchten springt oder im Ozean ertrinkt. Glücklicherweise wird man anschließend mit den bestimmenden Worten "Komm zurück!" wieder ins Leben geholt. Den Spielstand kann man jederzeit über eine Schnellspeicher-Taste sichern. Eine atemberaubende Geräuschkulisse und der erstklassige Soundtrack sorgen zusätzlich für eine Atmosphäre, die fantastischer nicht sein könnte.

Es macht Freude diese Insel in all ihren Facetten zu erkunden und mit allen Sinnen zu genießen. Die literarischen Texte muss man nicht immer bis ins Detail verstehen, denn das Erlebnis bleibt, egal wie man es am Ende interpretiert. Dazu trägt eine ebenso kunstvoll umgesetzte Welt bei, die fröhliche Elemente und Sonnenschein bewusst verweigert. Letztendlich ist "Dear Esther" eine lange Wanderung, in deren Verlauf man eine Geschichte erfährt, ohne dass wir durch ein lästiges Rätseldesign aus dem Konzept geraten.

Produzent: The Chinese Room
Jahr: 2012

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