Montag, 30. April 2012

Kommerziell: J.U.L.I.A.

J.U.L.I.A.

Der Independence-Titel J.U.L.I.A. ist wohl ein Geheimtipp, der sich besonders an Leute mit einem Faible für Weltraumforschung richtet. Es liegt derzeit lediglich in englischer Sprache vor und erweist sich durch seine Unabhängigkeit vom bekannten Adventure-Typus als ein ziemlich mutiges Projekt.

Nachdem die Raumsonde von Meteoriten beschädigt wurde, wird Astrobiologin Rachel aus ihrem Tiefschlaf geweckt und sogleich mit ihrem Schicksal konfrontiert: Ihre Forschungskollegen haben bereits vor Ewigkeiten ihre Kammern verlassen und befinden sich längst nicht mehr an Bord. Da bleibt Rachel nichts Anderes übrig als ihr Kommunikationsbedürfnis in der Gegenwart von Maschinen auszuleben. Da wäre zum Beispiel die Künstliche Intelligenz der Sonde, ein System, das sich J.U.L.I.A. oder schlicht Julia nennt. Außerdem gibt es den Mobot, der zu "Explorationszwecken" eingesetzt wird. Zunächst wird der Spieler, der in die Rolle der einsamen Wissenschaftlerin schlüpft, von Julia in die technischen Abläufe eingeführt. Alles scheint anfangs etwas kompliziert, doch gerade die Standardprozesse, die nach Erreichen eines neuen Planeten erledigt werden müssen, sind eigentlich simpel. Zuerst muss dessen Oberfläche gescannt werden (Scan), dann kümmern wir uns um die benötigten Rohstoffe (Harvest) und schließlich dürfen wir uns sogar in diesen unbekannten Gefilden niederlassen (Land). Haben wir diese eher monotonen Tätigkeiten bewältigt, kommt der Part, der uns zum ersten Mal wirklich das Gefühl verleiht ein Adventure zu spielen. Rachels Aufgabe ist es nun nach und nach die Welten des Salia-Systems zu erkunden um Hinweise auf den Verbleib ihrer menschlichen Gefährten zu erhalten. Glaubhaft wird uns die Situation einer Forschungsmission vermittelt, die niemals einen trockenen oder unmotivierten Eindruck hinterlässt. Die Geschichte entpuppt sich bald als emotional und tiefgründig, aus erzählerischen Gesichtspunkten wurde ich nicht enttäuscht. Insgesamt verläuft die Handlung linear, auch wenn man grundsätzlich in beliebiger Abfolge die Planeten besuchen kann. Manchmal ist aber ein Upgrade für Mobot erforderlich, das ihm zum Beispiel einen Tauchgang im Ozean ermöglicht, sodass wir in bestimmte Gebiete vorerst nicht vorstoßen können.

Die Bedienung von J.U.L.I.A. wird an keiner Stelle vertraut wirken. An Bord der Sonde müssen technische Prozesse vorgenommen werden, die allerdings bald zur Gewohnheit werden. Aufregend wird es vor allem bei den Außeneinsätzen. Schalten wir dort auf den Exploration-Modus um, wird in einem kleinen Fenster angezeigt, was sich momentan in Mobots Visier befindet, während Rachel und Julia ihn aus der Sonde beobachten. Oben erscheint eine Beschreibung, die durch einen Erzähler zunächst laut vorgelesen wird. Es ist eine dieser Schilderungen, die wir aus klassischen Textadventures kennen. Und darunter sind etwa 3-7 Befehle zu vernehmen. Es erinnert auf Anhieb an diese Browser-Textadventures, bei denen man über Hyperlinks die Richtung angibt. Und nachdem man sich einige Zeit in dieses System eingearbeit hat, wird man sich eingestehen, dass es sich bewährt. Selbstverständlich kann das Anklicken von vorgegebenen Anweisungen nicht das komplette Gameplay darstellen. Und eben deshalb besteht J.U.L.I.A. praktisch zum größten Teil aus Puzzles und Minispielen, die durchaus anspruchsvoll, aber gelegentlich auch recht einfach sein können. Sterben kann man nie, obwohl wir im späteren Verlauf mit einer Art strategischem "Battle" konfrontiert werden. Dieses kann jedoch beliebig oft wiederholt und nach drei erfolglosen Versuchen sogar übersprungen werden. An Abwechslung mangelt es keinesfalls, so können wir Mobot nach Boulder Dash-Manier durch eine Höhle steuern oder die Vokabeln einer Salia-Lebensform mit denen unserer Sprache abgleichen. Bei jeder einzelnen dieser Knobeleinlagen wird in der unteren Ecke ein Fragezeichen eingeblendet, das wir anwählen können, falls wir das Konzept noch nicht verstanden haben. An Komfort wurde somit nicht gespart. Damit bei diesem ganzen Technik- und Puzzle-Kram die Story nicht zu kurz kommt, wurde ein hohes Maß an umfangreichen Multiple Choice-Dialogen eingebaut. Schließlich trifft man gelegentlich auf fremde Rassen, deren Kultur wir natürlich intensiv studieren möchten. Dabei erscheint zumindest das Gesicht der jeweils sprechenden Figur auf dem Bildschirm. Auf jeden Fall ist J.U.L.I.A. manchmal äußerst textlastig, teilweise vielleicht etwas zu sehr, was nicht selten an Julias ausschweifenden Erklärungen liegt, die bei bestimmten Rätseln wohl oder übel ihre Notwendigkeit haben. Bemerkenswert sind die dargebotenen Hintergründe, sowie die überaus flüssigen Filmsequenzen. Alle Charaktere, egal ob Mensch, Alien oder Maschine, wurden gut modelliert. Grafisch macht J.U.L.I.A. also einen runden Eindruck, sodass es sich nicht vor bekannteren kommerziellen Titeln verstecken muss. Zur stimmigen Gesamtnote trägt ebenso die meist dezente, aber hervorragende Musikuntermalung bei.

J.U.L.I.A. ist ein Adventure, das man einfach schätzen muss. Die spannend inszenierte Handlung konnte mich begeistern und auch die technische Umsetzung lässt sich nicht verachten. Wichtig ist, dass man diesem "Sonderfall" eine Chance gibt und sich nicht gleich zu Beginn vom sehr mechanisch wirkenden Gameplay abschrecken lässt. Gerade dieses nämlich stellt schon eine kleine Sensation im Genre dar.

Produzent: Cardboard Box Entertainment
Jahr: 2012

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