Sonntag, 1. Juli 2012

Kommerziell: Normality

Normality

Die ganze Welt hat schon darauf gewartet: Mein Blog hat 100 Reviews!!! Um dieses kleine Jubiläum feierlich begehen zu können, habe ich natürlich tief in meine Spielesammlung gegriffen. Welches möglicherweise legendäre 1st person-Adventure hat es verdient, dass ich mich in diesem Posting mit ihm befasse? Die Entscheidung fiel auf "Normality", Vorbild aller 3D-Adventures und nostalgischer Spielspaß mit Freak-Faktor.

Kent ist nicht zu beneiden. Da läuft er leichtsinnig durch seine Heimatstadt Neutropolis, pfeift ein unspektakuläres Lied und ist dabei tatsächlich mal fröhlich. Natürlich hat die Norm-Polizei ein Auge auf ihn und ist sofort zur Stelle um ihn für seine dreiste Glückseligkeit zu bestrafen. Als er in einer Zelle den Akt der Normalisierung über sich ergehen lassen muss, schiebt ihm jemand einen Brief unter der Tür durch. Hat unser Held neue Freunde gefunden, zu denen er Kontakt aufnehmen sollte? Kaum ist er zurück in seiner Wohnung, versucht er diesen Plan in die Tat umzusetzen. Und so beginnt unserer Abenteuer im von Normalität beherrschten Neutropolis. Der Himmel ist hier immer pechschwarz, eine Sonne hat Kent nie gesehen. Und wer auffällt, ob positiv oder negativ, der muss mit Konsequenzen rechnen. Doch unser Ziel ist es die Rebellen aufzuspüren und sie zu unterstützen die Normalität zu verbannen und endlich wieder zu lernen, was Spaß bedeutet. Besser hätte man es nicht realisieren können: "Normality" ist eine tiefgründige Dystopie mit einer komplexen Geschichte und kreativen Ideen, die sich dennoch nicht allzu ernst nimmt. Der Humor ist genial, wie sich oftmals durch hervorragende Dialogzeilen zeigt, aber auch durch das dargestellte Geschehen. Wer in der ersten Szene eine Ratte durch die eingeschaltete Waschmaschine rennen sieht, kann vielleicht erahnen, was auf uns zukommt. Und wo wir gerade von Haustieren sprechen: Auch depressive Fische leben in Neutropolis.

"Normality" ist schlichtweg "freaky". Das repräsentierte Gesamtbild ist eigentlich das absolute Gegenteil von der Welt, die uns hier aufgetischt wird, wenn man mal von den tristen Gassen und dem bedrohlichen Firmament absieht. Und dieser Kontrast ist letztlich richtig amüsant und sympathisch. Im Rätseldesign lässt sich das ebenso erkennen. Dieser verfügt über einen anspruchsvollen Schwierigkeitsgrad. Doch man muss in der Lage sein sich dabei in die Cartoonsituation von "Normality" hineinzudenken. Einige Aktionen sind äußert abgedreht, aber das sorgt nun einmal für Stimmigkeit in allen Belangen. Kurz gesagt: Es passt alles zusammen. Beeindruckend sind zudem die umfassenden Schauplätze, die uns geboten werden. Zusätzlich verstärkt wird dieses Gefühl dadurch, dass wir uns durch eine komplette 3D-Umgebung bewegen, was in einem Grafikadventure dieser Generation eine Sensation war und womöglich zunächst etwas befremdlich wirkte. "Normality" beweist allerdings, dass es bestens funktioniert. Und als wäre das nicht schon ideal genug, verbergen sich in diesem Machwerk sogar verschiedene Lösungswege. Das bezieht sich auf einzelne Befehle oder auf ganze Abschnitte im Mittelteil, was den Wiederspielbarkeitswert grundsätzlich noch etwas erhöht. Sterben kann Kent trotz jeglicher Gefahren, in die er sich begibt, nicht.

In die Grafik wurden zu seiner Zeit beachtliche Energien gesteckt. Aus der heutigen Sicht wirkt die Optik sehr nostalgisch und ich konnte den Anblick der pixeligen Räume und Landschaften, sowie der geradewegs karikativ puppenhaften Figuren durchaus genießen. Von besonderer Qualität zeugen die Filmsequenzen, in denen auch Kent, unser Hauptcharakter, aus der dritten Person zu beobachten ist. Diese netten Zwischeneinlagen werden bei den kleinsten Aktionen eingespielt und man registriert dabei, dass sich die Entwickler große Mühe gemacht haben. Das Interface wird durch eine Kent-Voodopuppe dargestellt, die auf dem Bildschirm erscheint, sobald wir etwas anklicken. Damit können wir den Gegenstand oder den Gesprächspartner ansprechen, benutzen, öffnen, einsammeln oder betrachten. Das Inventar befindet sich in einer Tasche in der Ecke des Monitors und wird zugunsten der Übersichtlichkeit beim Beginn neuer Abschnitte geleert. Wenn wir uns mit Norm-Feinden, Rebellenfreunden oder total benommenen Persönlichkeiten unterhalten, öffnet sich ein klassisches Multiple Choice-Menü, das demonstriert, wie gut man bewährte Adventure-Elemente mit genre-untypischen 3D-Welten verbinden kann. Gelungen sind allerdings nicht nur die Sprüche, sondern ebenfalls die Sprecher. Zumindest kann ich bestätigen, dass mit der deutschen Version eine lobenswerte Synchronisation abgeliefert wurde.

Es ist gar nicht so einfach, ein Spiel wie "Normality" zu beschreiben, das gleichermaßen wegweisend für eine Gattung, wie inhaltlich anspruchsvoll ist. Es brachte mich unglaublich oft zum Lachen und ist eines dieser Adventures, die ich zunächst einmal als "freaky" bezeichnen würde. Und das ist eine Eigenschaft, die man entweder gutheißen kann oder eben nicht. Ich war jedenfalls fasziniert von dieser negativen, futuristischen Stadt und ihrer geradezu widersprüchlich skurrilen Bewohner. Ich empfehle: Seid nicht normal, spielt "Normality"!

Produzent: Gremlin Interactive
Jahr: 1996

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