Mittwoch, 11. Juli 2012

Kommerziell: The Sea Will Claim Everything

The Sea Will Claim Everything

Jonas Kyratzes ist im Internet längst als Indepence-Entwickler bekannt, der weiß, wie Spiele zu Kunst werden. In The Strange and Somewhat Sinister Tale of the House at Desert, „The Book of Living Magic“ und „The Fabulous Screech“ wurde das fantasievolle Lands of Dream-Universum geformt, dessen Präsentation in Kyratzes' erstem kommerziellen Adventure den Höhepunkt erreicht. Dieses ist seit einigen Wochen als Download zu erwerben und liegt nur in englischer Sprache vor.

Kaum wurden wir über ein Portal mit den Lands of Dream verbunden, meldet sich The Mysterious-Druid zu Wort, der uns aus seiner Welt um Hilfe gerufen hat. The (das ist nicht etwa ein Artikel, sondern sein Vorname!) ist ein Nachfahre, des großen Mysterious-Druid, der das Underhome, Wohnort und Lebewesen zugleich, erschaffen hat. Allerdings haben Lord Urizens Leute damit gedroht das Underhome dem Besitz der Familie der Mysterious-Druids zu entreißen, womit das Chaos zu beginnen scheint. Nach einiger Zeit wird uns bewusst werden, dass es weitaus mehr zu tun gibt: Die Inseln des Mondes, der Sonne und der Sterne werden von dubiosen Machthabern beherrscht und ausgenutzt. Lord Urizens Einfluss nimmt Überhand. Wie lange werden die Bürger diese Schmach über sich ergehen lassen? Und so müssen wir uns durch Underhome und dessen Umgebung bewegen, indem wir die grünen Pfeile nach Norden, Osten, Süden und Westen verwenden. Lange Laufwege werden uns durch eine Orientierungskarte erspart, die sich über verschiedene Ebenen erstreckt. Ganz im Sinne von "Monkey Island 2" können wir von der Ozeanübersicht aus die aktuell zugänglichen Etappen besuchen, wobei die drei Inselstaaten ihre jeweils eigene Quick-Travel-Karte haben. Bevor wir die Insel des Mondes überhaupt verlassen können, müssen wir aber zunächst einen Deal mit dem Storchenkapitän eingehen. In dieser weitläufigen Gegend, die mit unzähligen Hintergrundbildern geschmückt wurde, treffen wir fast an jeder Ecke auf einen Gesprächspartner. Diese sind in wohl wesentlich höherer Zahl vertreten, als die einzusammelnden Dinge. Daher brauche ich kaum hinzuzufügen, dass TSWCE sehr, sehr textlastig ist. Und da es zudem nicht synchronisiert wurde, sollte man Freude am Lesen mitbringen. Der Dialog ist tatsächlich der dominierende Gameplay-Faktor. Die Kombination von Gegenständen wird dagegen gar nicht gefordert: Items im Inventar können benutzt, beschnüffelt, gegessen bzw. getrunken oder von der Maus beurteilt werden. Und das kleine Nagetier in unserem Interface hat wirklich Ahnung davon, was man so mit sich herumschleppen sollte. ;-) Auswählen kann man nichts. Besitzt man ein Item, wird dieses an entsprechender Stelle automatisch angewandt oder dem Interessenten durch eine Dialogfunktion überreicht. Jetzt werden manche Leser denken: „Das ist ja total einfach!“ Natürlich erleichtern diese Bequemlichkeiten das Gameplay enorm, doch meiner Meinung nach wird es dadurch vielmehr auf andere Bereiche verlagert. Dies ist vor allem der Multiple Choice-Dialog. Man klickt sich bei sämtlichen Charakteren durch die Liste der verfügbaren Themen und bei der Auswahl eines entscheidenden Punktes erklingt ein Kritzelgeräusch. Das bedeutet, dass die Schriftrolle geupdatet wurde, die sich für uns die Aufgaben merkt, welche es noch zu erfüllen gilt. Es ist zweckmäßig bestimmte Konversationen stets zu wiederholen um neu freigeschaltete Optionen zu ermitteln. Eine etwas andere, aber sehr schöne Beschäftigung ist die Zauberei. Wir eignen uns, meist durch diverse Bekanntschaften, im Verlauf unseres Abenteuers mehrere Rezepte an, die auf einer Liste in unserem Inventar notiert werden. In Underhome finden sich zwei Maschinen, die hierfür benötigt werden. Das größere Gerät ermöglicht die Verarbeitung von je drei Gegenständen, die wir selbstverständlich vorher einsammeln müssen. Die kleinere Apparatur verrührt die entstandene Flüssigkeit mit einer weiteren Zutat, sodass das gewünschte Endergebnis produziert wird. Spaßig wird diese Aktion nicht zuletzt dadurch, dass vollkommen sinnlose Mischungen zu tollen Eastereggs und "Red Herrings" führen, weshalb ich dringend empfehle nicht immer sofort streng die Anleitung zu befolgen. Insgesamt ist TSCWE nicht allzu schwierig, allerdings kann man gelegentlich durchaus eine halbe Stunde festhängen, schon alleine, weil diese Welt ziemlich umfangreich ist.

TSWCE ist ein humorvolles und tiefgründiges Spiel, das sich mit politischer Unterdrückung befasst und eine ebenso komplexe wie philosophische Geschichte erzählt. Kreative Ideen findet man fast schon hinter jedem Hotspot. Wenn ich „Mushroom“ sage, wird derjenige, der schon viel mit TSWCE zu tun hatte, Bescheid wissen. Es gibt vermutlich nichts, was so häufig und an solch unüblichen Plätzen auftaucht, wie der Pilz. Und jeder hat seine eigene Beschreibung und möglicherweise seine ganz persönliche Begabung oder politische Ideologie. Nebenbei sind da noch die Räume, die eine Menge an Büchern beinhalten. Alle haben sie sichtbare Titel und man wird auf zahlreiche, amüsante Anspielungen stoßen. Hotspots sind in TSWCE ein Genuss. Es ist manchmal anstrengend alle davon anzuklicken, doch es lohnt sich. Außerdem könnte man auf die großartige Idee kommen sein Sparschwein auf den Namen Angela Ferkel zu taufen. Die von Verena Kyratzes handgezeichneten Grafiken sind typisch für die Lands of Dream-Adventures und wirken in TSWCE besonders hübsch. Die naiven, farbenfrohen Landschaften und statischen Cutscene-Bilder verleihen das Gefühl, als befände man sich in einem Märchenband von außergewöhnlich hochwertiger und traditioneller Ausstattung. Die Charaktere sind teilweise sehr niedlich, können aber auch als beängstigend erscheinen. Die Präsentation wäre wohl kaum so einwandfrei, gäbe es nicht diesen wundervollen Soundtrack von Chris Christodoulou, der diesem storylastigen Werk mit seinen fantastischen Klängen zusätzliche Erzählkraft beschert.

Es ist nicht leicht TSWCE zu beschreiben und dennoch habe ich mich daran versucht. Letztendlich ist man lediglich der Reisende, der sich mit den Bewohnern dieser fremden Dimension anfreundet und ihnen aus ihrer Notlage verhilft. Diese Leute lernt man durch intensive Unterhaltungen kennen. Es ist eben wie im echten Leben. Nur mit etwas Magie und sprechenden Katzen, Tintenfischen, Drachen oder Bäumen. Jonas Kyratzes hat sich mal wieder selbst übertroffen.

Anmerkung: “The Book of Living Magic“ und „The Fabulous Screech“ sind Browseradventures und werden in diesem Blog nicht thematisiert. Das heißt aber nicht, dass es sich nicht lohnt sie zu spielen.

Produzent: Jonas und Verena Kyratzes
Jahr: 2012

Website mit Bestellmöglichkeit

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen