Samstag, 22. Dezember 2012

Freeware: The Fabulous Screech

The Fabulous Screech

Jonas Kyratzes hat uns zuletzt im vergangenen Sommer mit The Sea Will Claim Everything eine große Freude bereitet. Zu seinen stets kleinen, aber bemerkenswerten Projekten gehörte zuvor schon das Browseradventure "The Fabulous Screech". Da dieses nun erstmals als Download erschienen ist, habe ich mich erneut damit beschäftigt.

Unsere Geschichte beginnt im Örtchen Odness Standing. Wir treffen auf eine Katze, die uns als Zirkusdirektor begrüßt und in ihre atemberaubende Vorstellung einlädt. Auf melancholische, doch manchmal auch leicht humorvolle Weise werden wir fortan mit den Stationen eines Lebens konfrontiert, welche nie mehr als drei Räume umfassen. Wir lernen den Fabulous Screech als niedliches Kätzchen kennen, das sich mit Hut und Spielzeugfisch in sein erstes großes Abenteuer stürzt und später dürfen wir ihm als altersschwachen Kater noch einen abschließenden Gefallen tun. Es ist eine subtile Episode der Lands of Dream-Reihe, die nichts Anderes sein möchte als ein Märchen mit philosophischem Unterton.

Wer allerdings auf einem komplexen Gameplay beharrt, sollte sich lieber die erste Lands of Dream-Folge "The Strange and Somewhat Sinister Tale of the House at Desert" gönnen. Die einzige Schwierigkeit, welche die wenigen Aufgaben in "The Fabulous Screech" mit sich bringen, besteht im Aufspüren zentraler Items. Man klickt also zwischen den Regalen herum, bis man in deren Besitz gelangt und treibt darüber hinaus die Handlung voran, indem man mit unserer Katze sowie diversen Nebencharakteren kommuniziert. Letzteres geschieht über ein bequemes Dialog-Menü. Nur warum ist "The Fabulous Screech" so kinderleicht? Weil es eher eine interaktive Biografie ist, der Abriss eines Lebens. Und dieser wird immerzu mit den passenden Worten geschildert. Erzählt wird zudem durch den Einsatz der Hintergrundmusik, die schlichtweg bezaubernd ist. Über den Grafikstil lässt sich sagen, dass dieser weitaus schöner und fertiger wirkt, als die skizzenartigen Zeichnungen im oben erwähnten "TSaSSTotHaDB". Nach wie vor sind es aber die traditionell erzeugten Illustrationen von Verena Kyratzes, die den Lands of Dream-Landschaften und Figuren ihre ganz persönliche Note verleihen.

Jonas Kyratzes hat ein winziges und ebenso kurzweiliges Adventure geschaffen, das sich mit bestechender Erzählkunst bewährt und uns als Spieler in ein Szenario versetzt, in dem wir uns sofort zuhause fühlen. Es mag keine herausfordernden Rätsel enthalten und dennoch ist es ideal - als das, was es sein möchte.

Produzent: Jonas und Verena Kyratzes
Jahr: 2012

Download oder Spiel im Browser

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Kommerziell: Fibrillation

Fibrillation

In Zeiten des kunstvollen Indie-Adventures wird das traditionelle Gameplay zunehmend verworfen, damit der Spieler ohne größere Interaktionen auf eine Reise gehen und diese intensiv auskosten kann. Das philosophische Dear Esther war ein Vorreiter dieser Gattung. Nun folgt mit "Fibrillation" ein ähnlich tiefgründiges Story Telling-Experiment, das uns in ein psychologisches Horrorszenario versetzt. Ein Adventure im gewohnten Sinne mag es nicht unbedingt sein, dennoch bin ich der Meinung, dass es einen Platz in diesem Blog verdient hat.

"Fibrillation" bedeutet übersetzt "Herzflimmern" und tatsächlich flimmert unser Herz in diesem Spiel nur so vor sich hin. Das Thema ist heikel, denn das Indie-Game handelt von einer grausigen Nahtoderfahrung. Warum Ewan, unser Hauptcharakter, im Sterben liegt, ist uns unbekannt. Doch er ringt am laufenden Band mit seinem Leben, mit dem ihn nur noch ein schwaches Seil zu verbinden scheint. Was genau erwartet uns in diesen seltsamen Traumsequenzen oder als was man sie zu bezeichnen vermag? Zunächst einmal wird uns weiß vor Augen. Vorne errichtet sich aus dem Nichts ein Gebäude, ebenfalls weiß. Es erinnert mich an Faiths "Puppenhaus" im Schnee bei "Dreamfall". Kaum haben wir uns zu diesem Turm vorgewagt, finden wir uns in einer Lagerhalle wieder. Plötzlich ist alles ganz düster. Von nun an müssen wir uns durch mehrere Etagen quälen, ein riesiges Labyrinth bewältigen und weitere gruselige Situationen überstehen. Oft kommen uns schwarze Raben oder ein dunkler Rauch in die Quere, manchmal auch Motten oder wurmartige Lebewesen. Allerdings müssen diese nicht vernichtet werden, unser einziger Feind nämlich ist die Angst.

Wie schon bei "Dear Esther" agieren wir innerhalb einer 3D-Umgebung, die hier ein sehr unruhiges Bild repräsentiert. Alles ist überfrachtet mit Effekten, die uns ein Gefühl von Irrealität verleihen. Unsere Sicht ist stets behindert, die Räume und Landschaften verzerrt. Halluzinationen sind an der Tagesordnung. Häufig werden etwa die Lichter des OP-Saals eingeblendet. Der Spieler wird durch solche Einlagen bewusst irritiert. Ebenso wild ist die Geräuschkulisse. Besonders Ewans Atem ist allgegenwärtig und gelegentlich kommentiert er das Geschehen mit furchterfüllter Stimme. Die Steuerung lässt sich selbst konfigurieren. Ansonsten können wir mit den Tasten W, S, A und D laufen und mit einem gleichzeitigen Druck auf Shift unsere Geschwindigkeit erhöhen. Ewan kommt aber irgendwann aus der Puste und muss seine Beine schonen. Sprünge werden durch die Leertaste getätigt. Die Richtung geben wir durch das Bewegen der Maus an und mit der rechten Maustaste lassen sich sogar unsere Augen schließen. Dieses biologische Feature offenbart der Ego-Perspektive komplett neue Möglichkeiten. So kann man die körperlichen Funktionen seines Alter Ego miterleben, wie selten zuvor. Außerdem wird die alptraumhafte Erfahrung dadurch intensiviert. Trotz aller Stärken haben mich einige Faktoren gestört. Zwar verspricht der Produzent eine Spieldauer von 40 Minuten, doch sitzt man in der Regel länger daran. Das kann ich in diesem Fall nicht so positiv sehen, da ich in zu groß angelegten Abschnitten eher ratlos und frustriert herumirren musste.

"Fibrillation" ist eine innovative Grenzerfahrung, die mit Vorsicht zu genießen ist. Was ist erschreckender, als die Vorstellung mit dem eigenen Tod zu kämpfen? Der russische Entwickler gibt uns eine Antwort, die sich gewaschen hat. Aus den Schwächen im "Gameplay" sollte man ihm deshalb keinen Strick drehen. Was hier entstanden ist, ist für mich ein Meilenstein der Indepence-History. Unglaublich, dass der Autor dafür nicht einmal zwei Dollar verlangt.

Produzent: Mechanical Starling
Jahr: 2012

In der Indie-DB kaufen oder Demo herunterladen

Sonntag, 9. Dezember 2012

Kommerziell: Eric The Unready

Eric The Unready

Die Spiele von Legend Entertainment begeisterten stets mit aufregenden Settings, innovativen Interfaces, liebevollen Grafiken und gelegentlich auch mit einem unvergleichlichen Humor. "Eric The Unready" war 1993 der direkten Konkurrenz eines berühmten 3rd person-Zauberers ausgesetzt. Unbekannt ist sein unvergessliches Abenteuer dennoch nicht geblieben.

Vielleicht ist Ritter Eric einer der letzten Helden jener Zeit. Das mag natürlich daran liegen, dass es in dieser Hinsicht keine allzu große Auswahl gibt. Eher zufällig wurden ihm Ruhm und Ehre zuteil, wenngleich er nach wie vor nur ein unglaublicher Tollpatsch ist. Prinzessin Lorealle jedenfalls ist von seinen Taten überzeugt. Dass ihr Vertrauen in unseren Hauptcharakter keine Fehlinvestition ist, dürfen wir ihr nun beweisen. Denn um die von einer furchterregenden Hexe entführte Königstochter zu retten begeben wir uns mit Eric auf eine haarsträubende Reise durch eine vollkommen ausgeflippte Fantasy-Welt, in der wir Elfen, Einhörnern, Göttern und Göttinnen sowie vierköpfigen Affen begegnen. Wie verrückt "Eric The Unready" ist, wird dem aufmerksamen Spieler sofort bewusst. So muss unser Held eine Dame küssen, die in ein Schwein verwandelt wurde, oder die magische Banane aus dem Stein ziehen, nachdem so mancher Edelmann an diesem Vorhaben gescheitert war. Und dann waren da noch die gnadenlosen Schildkröten, welche die Hintertür des Schlosses bewachen. Ich hatte zeitweise das Bedürfnis mich an den Stuhl zu fesseln um nicht lachend auf den Boden zu stürzen. Der Humor der Autoren schreckt vor Anspielungen am laufenden Band keineswegs zurück. So wird sich etwa auf Zork, Monkey Island oder Star Trek eingeschossen, was auf eine Weise geschieht, die weitaus mehr als ein müdes Grinsen hervorruft.

Begutachten wir zunächst die Steuerung. "Eric The Unready" mag ein Textadventure sein, solange man es als solches nutzt. Eigentlich ist es jedoch vielmehr Point and Click. Jeder Befehl kann mit der Tastatur eingegeben werden. Oftmals dürfte diese Methode sogar schneller funktionieren. Ein Kompass ermöglicht es durch bequemes Klicken in alle vorhandenen Himmelsrichtungen abzubiegen. Über "Map" kann man sich die Orientierungskarte des jeweiligen Ortes anzeigen lassen und "Inventory" listet auf, was Eric bislang in seinen Taschen angehäuft hat. Wesentlicher Bestandteil des Interfaces ist das ausgeklügelte Baukastensystem. Es umfasst nicht nur grundlegende Befehle, sondern eine umfangreiche Ansammlung von Verben, die mit Inhalten der Objekt-Spalte kombiniert werden können. Diese Spielerei gestattet es Wortketten von 2-3 englischen Vokabeln zu bilden und nach Belieben auch längere Sätze. Auf diese Weise wird die Tastatur ersetzt und der Parser mit Point and Click gesteuert. Mit "Talk to Character" wird ein Multiple Choice-Menü geöffnet, das zur Lösung meist unnötig ist, aber dennoch mit lustigen Dialogen aufwartet. Insgesamt werden uns Rätsel gestellt, die sich gewaschen haben. Dazu zählen zudem Minispiele, wie etwa ein Memory gegen einen Elf oder eine urkomische Jeopardy-Variante.

Doch nun zu den angenehmen Begleiterscheinungen: Grafik und Musik sind absolut hochwertig. Der märchenhafte Stil des im kleinen Fenster abgebildeten Backgrounds lenkt vom Interface ab, denn man kann seinen Blick kaum davon abwenden. Spiele wie "Eric The Unready" stellen optisch so manche Genre-Konkurrenten in den Schatten. Und es etabliert sich in allen Belangen als modernes Textadventure. So werden wir zwischen den Kapiteln mit etlichen Cutscenes beliefert, die den ganzen Monitor ausfüllen, während das Interface ausgeschaltet ist. Hübsche Animationen sind bei "Eric The Unready" an der Tagesordnung und tauchen ebenso in einigen Szenenbildern auf. Mit bloßer Statik wollte Legend nichts zu tun haben. Die überall anwesenden Melodien sind einprägsam und zeugen von immenser Qualität. Außerdem wurde hier andauernd variiert, sodass uns die Musik niemals langweilt.

Zum Schreien komisch? Tatsächlich steht "Eric The Unready" seinem Kollegen "Simon The Sorcerer", der im selben Jahr als Neuling die Magier-Bühne betrat, in nichts nach. Legends Gameplay mag etwas traditioneller sein und dennoch löst es sich von Zeiten des staubtrockenen Parser-Spiels los und demonstriert eindrucksvoll, wer der wahre König im Reich des fantastischen Ego-Adventures ist.

Produzent: Legend Entertainment
Jahr: 1993