Donnerstag, 13. Dezember 2012

Kommerziell: Fibrillation

Fibrillation

In Zeiten des kunstvollen Indie-Adventures wird das traditionelle Gameplay zunehmend verworfen, damit der Spieler ohne größere Interaktionen auf eine Reise gehen und diese intensiv auskosten kann. Das philosophische Dear Esther war ein Vorreiter dieser Gattung. Nun folgt mit "Fibrillation" ein ähnlich tiefgründiges Story Telling-Experiment, das uns in ein psychologisches Horrorszenario versetzt. Ein Adventure im gewohnten Sinne mag es nicht unbedingt sein, dennoch bin ich der Meinung, dass es einen Platz in diesem Blog verdient hat.

"Fibrillation" bedeutet übersetzt "Herzflimmern" und tatsächlich flimmert unser Herz in diesem Spiel nur so vor sich hin. Das Thema ist heikel, denn das Indie-Game handelt von einer grausigen Nahtoderfahrung. Warum Ewan, unser Hauptcharakter, im Sterben liegt, ist uns unbekannt. Doch er ringt am laufenden Band mit seinem Leben, mit dem ihn nur noch ein schwaches Seil zu verbinden scheint. Was genau erwartet uns in diesen seltsamen Traumsequenzen oder als was man sie zu bezeichnen vermag? Zunächst einmal wird uns weiß vor Augen. Vorne errichtet sich aus dem Nichts ein Gebäude, ebenfalls weiß. Es erinnert mich an Faiths "Puppenhaus" im Schnee bei "Dreamfall". Kaum haben wir uns zu diesem Turm vorgewagt, finden wir uns in einer Lagerhalle wieder. Plötzlich ist alles ganz düster. Von nun an müssen wir uns durch mehrere Etagen quälen, ein riesiges Labyrinth bewältigen und weitere gruselige Situationen überstehen. Oft kommen uns schwarze Raben oder ein dunkler Rauch in die Quere, manchmal auch Motten oder wurmartige Lebewesen. Allerdings müssen diese nicht vernichtet werden, unser einziger Feind nämlich ist die Angst.

Wie schon bei "Dear Esther" agieren wir innerhalb einer 3D-Umgebung, die hier ein sehr unruhiges Bild repräsentiert. Alles ist überfrachtet mit Effekten, die uns ein Gefühl von Irrealität verleihen. Unsere Sicht ist stets behindert, die Räume und Landschaften verzerrt. Halluzinationen sind an der Tagesordnung. Häufig werden etwa die Lichter des OP-Saals eingeblendet. Der Spieler wird durch solche Einlagen bewusst irritiert. Ebenso wild ist die Geräuschkulisse. Besonders Ewans Atem ist allgegenwärtig und gelegentlich kommentiert er das Geschehen mit furchterfüllter Stimme. Die Steuerung lässt sich selbst konfigurieren. Ansonsten können wir mit den Tasten W, S, A und D laufen und mit einem gleichzeitigen Druck auf Shift unsere Geschwindigkeit erhöhen. Ewan kommt aber irgendwann aus der Puste und muss seine Beine schonen. Sprünge werden durch die Leertaste getätigt. Die Richtung geben wir durch das Bewegen der Maus an und mit der rechten Maustaste lassen sich sogar unsere Augen schließen. Dieses biologische Feature offenbart der Ego-Perspektive komplett neue Möglichkeiten. So kann man die körperlichen Funktionen seines Alter Ego miterleben, wie selten zuvor. Außerdem wird die alptraumhafte Erfahrung dadurch intensiviert. Trotz aller Stärken haben mich einige Faktoren gestört. Zwar verspricht der Produzent eine Spieldauer von 40 Minuten, doch sitzt man in der Regel länger daran. Das kann ich in diesem Fall nicht so positiv sehen, da ich in zu groß angelegten Abschnitten eher ratlos und frustriert herumirren musste.

"Fibrillation" ist eine innovative Grenzerfahrung, die mit Vorsicht zu genießen ist. Was ist erschreckender, als die Vorstellung mit dem eigenen Tod zu kämpfen? Der russische Entwickler gibt uns eine Antwort, die sich gewaschen hat. Aus den Schwächen im "Gameplay" sollte man ihm deshalb keinen Strick drehen. Was hier entstanden ist, ist für mich ein Meilenstein der Indepence-History. Unglaublich, dass der Autor dafür nicht einmal zwei Dollar verlangt.

Produzent: Mechanical Starling
Jahr: 2012

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