Donnerstag, 3. Januar 2013

Kommerziell: Soul Crystal

Soul Crystal

Zu Beginn der 90er Jahre veröffentlichte ein deutsches Entwicklerteam sein nach wie vor einziges Spiel. Mit "Soul Crystal" leisteten sie einen Beitrag zu einer wichtigen Adventure-Gattung, die vermutlich in den 90ern ihre Blütezeit feierte.

Völlig genervt von der elterlichen Strenge und Fürsorge stößt Dave seine Erziehungsberechtigten vor den Kopf und begibt sich in ein schottisches Dörfchen, in dem der fast erwachsene junge Mann absolut stressfrei seinen ersten unabhängigen Urlaub genießen möchte. Kaum ist er im Mary's Inn, einem rustikalen, aber behaglichen Hotel, eingecheckt, verschafft er sich zunächst einen Eindruck von der fremden Umgebung. Es dauert nicht lange, bis er sich in einer wundersamen Welt wiederfindet, die von Elfen, Orks, Werwölfen, Yetis und den hartnäckigen Kopierschutzgeistern bewohnt wird. Beinahe wäre er bei seiner Erkundungstour auf den Plan des Zauberers Mylgor reingefallen, der im Auftrag des furchterregenden Zargon handelt. Somit kennen wir auch den Namen unseres Widersachers, den es zu besiegen gilt. Dieser nämlich hält die Seelen unschuldiger Menschen in seinem Kristall gefangen.

Einer der größten Pluspunkte von "Soul Crystal" ist die Musik. Besonders der epische Titeltrack hinterlässt positive Erinnerungen. Szenenbilder und Charaktere, die uns auf der Reise durch jenes Land begegnen, sind liebevoll gezeichnet. Die vorwiegend bunten und detailreichen Settings verstärken unsere Abenteuermotivation. Bereits in den ersten Spielmomenten werden wir etwa mit einem hübschen Sonnenuntergang überrascht. Allerdings erscheinen die Hintergründe nur in einem ziemlich winzigen Fenster oberhalb des Bildschirms, dessen Interface nicht wenig Platz für sich beansprucht. Wir begleiten Dave durch vielfältige Regionen, wozu frostige Schneelandschaften sowie finstere Friedhöfe gehören. Die Geschichte wird in erster Linie durch Konversationen mit Feinden und Verbündeten erzählt. Mit Worten wurde nicht gegeizt: In jedem Raum wird man mit Textzeilen überschüttet, die jedoch durch den Humor der Autoren niemals einschläfernd wirken. Die Komik ist von Anfang bis Ende ein zentrales Element des Adventures und die Produzenten haben dieses Ziel keinesfalls verfehlt. Ernüchternd ist lediglich die einfach gestrickte Story. Während wir mit kniffligen Rätseln beschäftigt sind, müssen wir uns stets um das Wohlergehen des Helden sorgen, denn der kann, wenn man Warnungen missachtet, schnell ins Jenseits wandern. Ist Dave einmal unangemessen gekleidet oder einem Gegner schutzlos ausgeliefert, wird man sogleich mit einer amüsanten Todesbeschreibung und der dazu passenden Illustration aus dem laufenden Spiel geworfen. Oftmals sind diese optischen Darstellungen etwas blutig und Dave wird auch mal enthauptet, weshalb "Soul Crystal" nicht für alle Altersklassen geeignet sein dürfte. Die Entwickler haben sich hierbei jedenfalls schön ausgetobt.

Auf den ersten Blick erinnert "Soul Crystal" an ein Textadventure, da ein Parser im Beschreibungsfenster angezeigt wird. Dieser lässt sich aber nicht über die Tastatur steuern, sondern komplett durch das Point and Click-Verfahren. Es sind also vorgegebene Befehle vorhanden, die in ihrer Anzahl und Komplexität wiederum einem Text-Baukastensystem ähneln, wie man es bei Legends Eric The Unready verwendete. Nicht falsch verstehen: Im Vergleich zu diesem Machwerk hält "Soul Crystal" sein Vokabular sparsam. Über Sinn und Unsinn der Steuerung lässt sich allerdings streiten: "Gegenstände", "Manipulieren", "Aktion" und "Umgebung" sind die Benennungen der Hauptgruppen, welche angeklickt werden müssen um die jeweils exakten Tätigkeitswörter aufzurufen. Damit hatte ich nicht nur in meiner "Eingewöhnungsphase" Probleme. So war mir häufig unklar, in welcher der Schubladen das von mir gesuchte Kommando einsortiert war. Teilweise wirken die Formulierungen, die man einzugeben hat, zu künstlich und erschweren den "Bedienkomfort" unnötig mit Konstellationen wie "Wende Dave auf Bett an". Der Umgang mit den Pfeiltasten für Norden, Osten, Süden und Westen sowie "herauf" und "herunter" entpuppt sich als wesentlich einfacher.

Fassen wir zusammen: Die eher durchschnittlich originelle Handlung stellt kein Qualitätskriterium dar. Dagegen machen die ebenso lässigen wie lustigen Sprüche wirklich Spaß. Klassische, humorvolle Fantasy-Adventures, wie "Eric The Unready", "Simon The Sorcerer" oder die "Zork"-Serie, können hierfür nicht als Maßstab herangezogen werden. Dennoch gehört "Soul Crystal" zu den frühsten Vertretern dieser inzwischen etwas ausgelutschten Gattung, macht seine Sache aber schon richtig gut.

Produzent: Avantgardistic Arts, Vertrieb: Starbyte
Jahr: 1991

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