Sonntag, 10. März 2013

Kommerziell: Lost in Time

Lost in Time

Die französische Spieleschmiede Coktel Vision konnte uns stets mit ihrer individuellen Machart und im liebevollen Sinne etwas verrückten Storylines überzeugen. Zwar wurden auch echte Gurken produziert, doch Werke wie "Lost in Time" sollten dagegen unvergesslich bleiben.

Eine junge Frau namens Doralice erwacht auf dem Unterdeck eines antiken Schiffes und hat nicht die geringste Ahnung, wie sie an diesen Ort gelangt ist. Durch ein Guckloch macht sie Bekanntschaft mit einem Sklaven: Yoruba, der eigentlich als Zauberer tätig war, lässt sich nur schwer von einem geplanten Selbstmord abbringen. Doralice aber ist ein herzensguter Mensch und verspricht ihren dunkelhäutigen Freund nicht im Stich zu lassen. Später trifft sie schließlich auf den ebenfalls seiner Freiheit beraubten Melkior und ab diesem Punkt wird die Geschichte merkwürdig und interessant: Tatsächlich ist Melkior ein Mitglied der Zeitpolizei von 2092. Laut seiner Aussage befinden wir uns im Jahr 1840, obwohl Doralices Kalender zuletzt noch auf 1992 datiert war. Daraufhin folgt eine Rückblende in die Gegenwart, was an sich schon an einem Paradoxon grenzt: Hierbei stehen wir vor Doralices Anwesen, das überraschenderweise von einem Fremden besetzt wurde. Nun gilt es also in dieser Erinnerungssequenz aufzuklären, wodurch der mysteriöse Zeitsprung ausgelöst wurde. Das Abenteuer wechselt zwischen Vergangenheit und Gegenwart ohne in ein charakteristisches Science Fiction-Gewand gekleidet zu sein. Stattdessen herrscht eine Seefahreratmosphäre vor, denn im Mittelteil überqueren wir das Meer, während sich das Finale auf einer einheimischen Insel ereignet. Weniger beeindrucken konnte mich der Sound. In den meisten Abschnitten sollte eine rege Geräuschkulisse die Musik ersetzen, doch diese ist häufig zu einseitig und hat auf Dauer eine eher nervende Wirkung.

Das Gameplay zeichnet sich vorrangig durch logische, aber äußerst anspruchsvolle Inventarrätsel aus. Dabei wird nicht selten Kreativität beim Kombinieren von Gegenständen gefordert, sodass die Hauptdarstellerin gewissermaßen in die Rolle eines weiblichen MacGyver schlüpfen durfte. Im Notfall kann man den "Joker" nutzen, falls man einen in Reserve hat. Dieser gibt nämlich hilfreiche Tipps in Bezug auf das aktuelle Problem des verzweifelten Spielers. Und wer nicht glaubt, dass Doralices wilde Bastelaktionen im echten Leben funktionieren würden, dem wird der Beweis erbracht: Durch kleine Realfilme, die in einem winzigen Fenster ablaufen, wird dem verdutzten Zuschauer vor dem Monitor nahezu jede Tätigkeit unserer Heldin live und in Farbe präsentiert - ein phänomenaler Aufwand also, der "Lost in Time" bereits in ein halbes Interactive Movie verwandelt. Insgesamt liegt ein Mischmasch an unterschiedlichen Grafikstilen vor, sodass man teilweise schon von Stilbruch reden könnte. Neben FMV-Elementen, die vorwiegend auf die Integration der Schauspieler ausgerichtet sind, werden wir mit gezeichneten Bildern sowie 3D-Einflüssen konfrontiert. Abgesehen von derartigen Ungleichheiten bereiten Hintergründe und Cutscenes großes Vergnügen und demonstrieren zudem eine neue Tendenz vom 2D- hin zum FMV-Adventure. Von "Lost in Time" existiert eine Version mit deutschen Untertiteln, wobei die Synchronisation in englischer Sprache belassen ist.

Wer jemals über mehrere Stunden klassische Super 8-Filme aus einer "fernen Zeit" genossen hat, der wird ungefähr nachvollziehen können, welche Gefühle ein "Lost in Time" auszulösen vermag. Es hat den Charme einer längst verflogenen Ära, wohl der des Coktel Vision-Produkts, besonders geprägt durch die Entwicklerin Muriel Tramis. Eine tolle Geschichte und fordernde Rätsel tragen ebenso wie der unverwechselbare Gamestyle dazu bei, dass "Lost in Time" noch immer absolut spielenswert ist.

Produzent: Coktel Vision, Vertrieb: Sierra
Jahr: 1993

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