Dienstag, 16. April 2013

Werbespiel: Der Name des Bruders

Der Name des Bruders

Bei dem österreichischen Adventure "Der Name des Bruders" handelt es sich nicht um ein Werbespiel im herkömmlichen Sinne, denn es wurde nicht geschaffen um etwas anzupreisen. Da allerdings einige Unternehmen und Organisationen als Sponsoren dienten und als solche verkündet wurden, gedenke ich es in besagter Kategorie einzuordnen. Thematisch wandelt es auf den Pfaden von DogDay sowie Normality.

Das Intro: Wir sehen unser Ende gekommen. Um uns herrschen mittelalterliche Zustände. Langsam werden wir zum Schafott geführt. Von allen Seiten prasselt die Verachtung der Schaulustigen auf uns nieder. Schließlich wird die grausame Zeremonie durch das Fiepen eines Raben unterbrochen. Dieses entpuppt sich als das aufdringliche Klingeln unseres Telekoms, das uns aus dem bitteren Schlaf reißt. Unser Held: Alex, Angestellter in der Disco G4. Er ist einer der Personen, die in der Lage sind enorme Veränderungen zugunsten der Menschlichkeit zu verursachen. Momentan leben wir in Novac, einem rechtsextremistischen Staat, regiert und manipuliert von Anton Strömer und seinen Handlangern. Wohin wir auch gehen, werden wir von neugierigen Polizisten kontrolliert. Sie mischen sich in unsere Privatsphäre ein und durchwühlen unser Gepäck. Ihr Auftrag ist es aufständische Bürger aufzuspüren und wegzusperren. Ebenso gilt dies für Minderheiten, die in Novac nicht gern gesehen werden: Homosexuelle, Erwerbslose und alle, die dem System schaden könnten, werden deportiert. Was wir aus dem dritten Reich kennen, wurde von den Autoren fiktiv und modern aufarbeitet. Unsere Aufgabe ist es mit Gleichgesinnten zusammen einen Umbruch zu initiieren: Um Strömer und seinen Machtapparat auszuschalten müssen wir Aufklärung leisten und die Aufsässigkeit des Volkes stärken. Zentrale Anlaufpunkte der im Untergrund agierenden Protagonisten sind das Lokal "Liebe Familie" am Friedhof sowie der Hafenschuppen "Moderne Zeiten". Mit dem Telekom kann jeder Einwohner auf das Freinetz zugreifen. Es ist aber kaum ein Internet, sondern vielmehr ein geschlossenes Intranet für Novac - eine virtuelle Welt, in der wir uns zwischen Avataren anderer User bewegen. Hier können wir telefonieren oder mit Vorsicht Beweismittel in Bezug auf die Machenschaften des Regimes einschleusen. Stecken wir bei Szenenwechseln in der "Warteschlange", liefert uns eine Statistik simulationsartig die aktuellen Zahlen über Wirtschaftswachstum, Veränderungswilligkeit, Stabilität, etc.

Das Rätseldesign besteht darin mit Leuten zu kommunizieren und Materialien zu sammeln. Im Prinzip wäre das kein schwieriges Unterfangen, würde nicht ein kleiner Fehler unserer Vorhaben gefährden. "Der Name des Bruders" ist kein entspannendes Spiel und nichts für schwache Nerven. Bei bestimmten Aktionen dürfen wir uns nicht von den "Faschistenbullen" ertappen lassen und falls sich staatsfeindliche Items in unseren Taschen befinden, werden wir unserer Freiheit beraubt. Und die Verhaftung ist gleichbedeutend mit dem natürlichen Tod, der uns etwa durch Ertrinken oder den Sprung von Hausdächern ereilt. Unsere größte Bedrohung bleiben die allgegenwärtigen Ordnungshüter. Wer nicht allzu früh versteht, wie "Der Name des Bruders" funktioniert, wird schnell frustriert sein. Allgemein ist es notwendig die optimale Reichweite zu erzielen um sich dem Sturz der Diktatur anzunähern. Wählt man eine falsche Methode lassen sich die Informationen nicht zum wiederholten Male verteilen. Dann hängt man irgendwann ratlos fest und ist gezwungen ein altes Savegame zu laden oder neuzustarten. Leider verfügen wir über lediglich 9 Speicherslots, was in Anbetracht dieser Dead Ends zu wenig ist. Als störend empfand ich zudem, dass man mit der Konsumenten-U-Bahn von Station zu Station fahren muss. Jeder Durchgang entspricht demselben Ablauf: Insgesamt neun Haltestellen werden abgeklappert und möchte man vom Friedhof zum Freizeitpark Südwiese gelangen, kann man... wie ich die Pause für einen warmen Tee nutzen.

Während wir mit der Maus im Inventar stöbern oder Dialog-Optionen anklicken, steuert man Alex mit der Tastatur. Die Shift-Taste erlaubt es zu rennen, was ich dauerhaft getan habe. Mich haben dabei nämlich weder Hunde noch Polizisten gebissen, solange ich nicht andersweitig aufgefallen bin. Der Rabe Rajewski, dessen Rolle auch in Hinsicht auf den Traum zu Beginn eher symbolischer Natur zu sein scheint, enthüllt den Sinn spezieller Items und befördert uns ins Hauptmenü. Widmen wir uns der Grafik: Den Produzenten ist eine beachtliche 3D-Umgebung geglückt, der durch propagandistische Poster und Plakatwände Eindruck verliehen wird. Novac wirkt nicht selten unheimlich, nur manchmal steril und detailarm. So wurde auf dem Disco-Klo sogar vergessen die Toiletten einzubauen. Die 2D-Charaktere fügen sich nicht unbedingt ideal ins Spielgeschehen ein. Trotzdem konnte ich mich an diese leichten Stilbrüche gewöhnen. Ein Lob verdienen die düsteren Zeichnungen, mit denen jedes Game Over und insbesondere das im Stummfilm-Format dargestellte Intro verziert wurden. Da hätte ich vom Outro wesentlich mehr erwartet, denn dieses war genauso abrupt wie ein solcher Todes-Screen. Technische Mängel waren leider nicht zu übersehen: Bei einer U-Bahn-Fahrt kann man schon mal inmitten seiner Mitmenschen feststecken und muss das Programm abbrechen. Und wenn wir Freunde gebeten haben uns zu folgen, blockieren diese oft Gänge, weil man absolut nicht an ihnen vorbeikommt.

"Der Name des Bruders" mag nicht das technisch ausgereifteste Exemplar seiner Gattung sein, dennoch kann ich es zu den interessantesten und spannendsten Werbespielen zählen. In "Normality" wurde ein skurriler Polizeistaat gegründet, dessen traurige Stimmung Gesetz ist. Novac dagegen präsentiert sich im Freinetz ironischerweise als Stadt, deren Bürger stets zufrieden sind. Der Unterschied ist offensichtlich, so überträgt das Werk von backbone.interactive historische Ereignisse in eine fiktive Diktatur und erweist sich eher als eine authentische Simulation, die gezielt politisches Wissen und pädagogische Werte vermittelt.

Anmerkung: Die im Internet downloadbare Version, über die ich berichtet habe, enthält leider keine Musik, sodass ich über diese nichts schreiben konnte.

Produzent: backbone.interactive
Jahr: 1997

Download

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen