Montag, 1. Juli 2013

Kommerziell: The 7th Guest

The 7th Guest

Mit "The 7th Guest" produzierte Trilobyte 1993 ein 1st person-Adventure, das Geschichte schrieb. Als besonders ungewöhnlich erwies sich zu dieser Zeit die Tatsache, dass es auf 2 CD-ROMs ausgeliefert wurde. Die Ära des CD-ROM-Laufwerks brach an.

Henry Stauf ist ganz hingerissen von dieser Puppe.
Die Karriere des Bösewichts Henry Stauf begann recht unspektakulär. So verdiente er sich zunächst den Lebensunterhalt, indem er im Wald hilflose Menschen überfiel. Eines Tages empfing er eine Vision, in der sich ihm eine seltsame Puppe vorstellte. Aus dem Gedächtnis heraus schnitzte er dieses Prachtexemplar nach und brachte es unter die Leute. Bald darauf ergänzte der angehende Spielwarenhändler sein Sortiment um spezielle Puzzles, die ihm in weiteren Visionen erschienen waren. Staufs lukratives Geschäft hatte allerdings einen Nebeneffekt, von dem die Bürger seines Städtchens nichts ahnen konnten: Sie bescherten ihren Kindern den Tod und zu allem Überfluss eignete sich Stauf sogar ihre unschuldigen Seelen an. Letzten Endes bezog der Schurke ein Landhaus, das auf einem Hügel gelegen war, um sich dort in aller Ruhe seiner Spielzeugproduktion zu widmen. Hier findet nun unser Abenteuer statt: Sieben Gäste, darunter ein kleiner Junge, wurden in diesen unheilvollen Gemäuern einquartiert. Irgendwann begreifen die ersten Besucher, dass ihr jüngster Angehöriger in Gefahr schwebt.

Es wird Zeit den Puzzle-Kuchen anzuschneiden.
Das ausführliche Intro wurde mit FMV-Filmchen in der Gestalt von Bildern in einem Fotoalbum aufbereitet. Diese Darbietung erinnerte mich direkt an die Seiten der Verbindungsbücher in Myst, das demselben Jahrgang zuzuordnen ist. Und einige Ähnlichkeiten lassen sich zwischen diesen Klassikern zweifellos erkennen. So wurden die Charaktere hier ebenfalls von realen Akteuren verkörpert, die wir bei "The 7th Guest" jedoch in regelmäßigen Cutscenes beobachten dürfen. Besagte Nebendarsteller konnten mich mit ihrem überzeichneten Schauspiel beeindrucken und zum Lachen animieren. Die Räume bestehen hingegen aus vorgerenderten 3D-Grafiken, die in Kombination mit den Video-Sequenzen ein stimmiges Gesamtbild erzeugen. Kurz und gut: Die Präsentation ist gelungen, nicht zuletzt auch durch die wunderbaren, einprägsamen Musikstücke, die sich ideal in die schaurige Atmosphäre einfügen. Zu verdanken haben wir derartige Kompositionen übrigens George Alistair Sanger alias "The Fat Man", den man fast schon als den Jerry Goldsmith des PC-Spiels bezeichnen kann. Seine frühesten musikalischen Ergüsse sind etwa im "Maniac Mansion" für das Nintendo Entertainment System sowie in "Loom" zu vernehmen. Aus technischer Sicht lässt sich nur bemängeln, dass "The 7th Guest" keine Untertitel anbietet. Die hohe Lautstärke der Hintergrundmelodien erschwert das Verständnis, insbesondere bei der englischsprachigen Version.

In den Gastquartieren im Obergeschoss machen wir uns zunächst mit Staufs Gästen vertraut.
Ein typisches Adventure sollte man sich bei "The 7th Guest" nicht erhoffen, denn oberflächlich betrachtet handelt es sich dabei um ein Sammelsurium von Puzzles. Wir führen keine Multiple Choice-Dialoge und besitzen kein Inventar. Die Hotspots halten sich in Grenzen und die Erscheinungsform des Cursors signalisiert sofort, ob uns eine Cutscene oder ein Rätsel erwartet. Durch das Symbol eines Schädels mit aktiver Hirntätigkeit werden wir auf eine Puzzle-Einlage aufmerksam gemacht. Auf diesem Gebiet haben die Entwickler beachtliche Kreativität bewiesen. Um unser Ziel zu erreichen müssen wir Blut durch die Venen leiten, Tortenstücke korrekt abschneiden oder die Positionen von Schachfiguren austauschen. Somit wurden diverse traditionelle Brettspiele und Puzzles der Gruselumgebung angepasst. Einige davon entpuppen sich als langwierige und teils frustrierende Knobeleien, andere sind simpel und fordern schlimmstenfalls etwas Geduld. Als Zumutung empfand ich die Klavierszene, welche sich wohl nur lösen lässt, indem man kleine Merkzettelchen auf den Monitor klebt - es sei denn, man ist ein Genie oder hat einfach ein unglaublich gutes Erinnerungsvermögen. Darüber hinaus haben mich die Bakterien unter dem Mikroskop in den Wahnsinn getrieben. Aber es blieb das einzige Übel in Form eines gemeinen Minispiels, das ich nicht erfolgreich absolvieren konnte. In solchen Fällen lässt sich der wütende Spieler durch ein Buch in der Bibliothek besänftigen. Dieses wird uns zunächst nützliche Hinweise auf das aktuelle Rätsel liefern und uns automatisch zurück in das entsprechende Zimmer befördern. Konsultiert man die Lektüre ein drittes Mal, wird die schwierige Aufgabe schlichtweg übersprungen. Haben wir eines oder mehrere Spielchen erledigt (oder sie uns?) öffnen sich uns zuvor verschlossene Türen. Im Gegensatz zum Museumsgelände in Shivers wirkt Staufs Villa relativ winzig. In der Regel wechseln wir zwischen zwei Etagen, die durch eine imposante Treppe verbunden sind. Außerdem existieren ein Keller und ein Dachboden, während auf Außen-Locations komplett verzichtet wurde. Da Henry Staufs Handwerk allerdings nicht die Gartenpflege ist, dürfte uns damit nichts entgangen sein. Lange Laufwege bleiben uns allgemein erspart. Dafür sorgen zudem versteckte Geheimpfade. Sie ermöglichen es uns zum Beispiel in der Toilette im Obergeschoss durch die Rohre des Waschbeckens zu kriechen um irgendwo anders wieder herauszukommen. Diese meist etwas absurden Abkürzungen bringen weitere tolle Filmsequenzen mit sich und sollten unbedingt ausprobiert werden.

"Which way should I go now?" - Diese Frage dürfen wir noch oft hören, bevor wir dieses Rätsel bestanden haben.
Trilobyte wagte sich mit "The 7th Guest" in eine neue Richtung vor. Sie setzten auf 3D, reale Schauspieler und eine komplexe Bandbreite von Rätseln, an denen sowohl Adventure-Anfänger, als auch Fortgeschrittene ihre Freude hatten. Atmosphäre und Machart sind grandios und allein die Musik lässt uns geradezu darin versinken. Es ist also nicht zu Unrecht zu einem Meilenstein des Genres geworden.

Produzent: Trilobyte, Vertrieb: Virgin Interactive
Jahr: 1993

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