Freitag, 19. Juli 2013

Kommerziell: Overseer

Tex Murphy 5: Overseer

Das Tex Murphy-Abenteuer, mit dem Chris Jones und Aaron Conners 1998 an den Start gingen, sollte die Reihe eigentlich nicht abschließen. Leider kam dann alles ganz anders. Was heute als unbestrittener Klassiker des Genres gilt, war damals zunächst ein finanzieller Misserfolg. "Overseer" bot keine komplett neue Story, sondern war vielmehr ein Remake des ersten Tex Murphy-Case "Mean Streets", in dem man den Hauptcharakter aus der dritten Perspektive steuerte.

Über so mancher Kiste verbirgt sich auch mal ein kniffliges Rätsel.
"Overseer" beginnt nach den spektakulären Geschehnissen von The Pandora Directive. Tex Murphy hat eine Verabredung mit seiner Traumfrau Chelsee. Doch diese ist sich noch unsicher, ob das Private Eye im Inneren seines Herzens wirklich bereit ist den Grundstein für eine Liebesbeziehung zu legen. Das mögliche Hindernis trägt den Namen Sylvia Linsky und war einige Zeit mit Tex Murphy verheiratet. Um ihren potentiellen Partner auf seine Gefühle gegenüber der Verflossenen zu testen, lässt sich Chelsee von ihm eine alte Geschichte schildern, die uns zurück ins Jahr 2037 führt. Dort sucht jene Frau Linsky das Büro des Privatdetektivs auf und betraut ihn mit dem angeblichen Suizid ihres Vaters, hinter dem die junge Dame einen durchdachten Mord vermutet. Da die Polizei sich nicht weiter mit dem Fall befasst hat, liegt es nun an Murphy die Wahrheit ans Licht zu bringen. Wie üblich entwickelt sich diese augenscheinlich kleine Aufgabe zu einer Mission von globalem Ausmaß. Was hat es mit dem Projekt "Overlord" auf sich, in das diverse Wissenschaftler, inklusive Carl Linsky, involviert waren? Zum wiederholten Mal beschäftigen sich die Autoren mit den tiefsten Abgründen der Menschheit und reißen im Verlauf dieser spannenden Geschichte interessante ethische Fragestellungen an.

Hier durchkämmen wir die Ruinen einer alten Anasazi-Kultur nach Hinweisen.
Selten kam ein FMV-Adventure mit solch faszinierenden und brillant verkörperten Charakteren daher. Allerdings beinhaltet der Cast auch renommierte Gesichter, wie etwa Michael York, der mich als Weltverbesserer J. Saint Gideon stark beeindruckt hat. Auf der anderen Seite amüsierte mich Richard Norton als stets belustigter Auftragskiller Jim Slade. In seiner Rolle als gnadenloser Fiesling ist er schlichtweg umwerfend... oder eher umlegend? Zumindest ereignen sich in seiner Gegenwart wohl die meisten Todesszenen im Spiel. "Overseer" ist vollgepackt mit aufwendigen Filmsequenzen, die sich nicht vor Kinoproduktionen verstecken müssen. Diese liefern uns nämlich fesselndes Schauspiel und Action, gelungene Atmosphäre und mit Humor gewürzte Dialoge. Darüber hinaus basiert diese Episode auf einer verbesserten Engine. Es ist ein 3D-Adventure wie seine Vorgänger, doch die Räume lassen sich benutzerfreundlicher durchsuchen. Die Unterscheidung zwischen Erkundungs- und Interaktionsebene wurde abgeschafft. Wer mit dem Mauscursor an den unteren Bildschirmrand fährt, macht ein leicht zu bedienendes Navigationsfeld sichtbar, mit dem man sich problemlos in alle Ecken bewegen, sich aufrichten oder den Kopf beliebig nach oben oder unten drehen kann. Das Inventar findet man am rechten, die Reisefunktion am linken Rand des Monitors. Ganz oben verbirgt sich das Hauptmenü, das neben unverzichtbaren Optionen, wie dem Speichern, wieder die obligatorischen Lösungshinweise anbietet. So kann man sich bei jedem Hänger aushelfen lassen, sofern man dafür ein paar Punkte opfert. Die Gespräche laufen nach herkömmlichem "Tex Murphy"-Muster ab, wobei die normale Konversation durch Multiple Choice-Antworten gesteuert wird. Sobald wir die Schaltfläche "Ask about" angeklickt haben, werden auf einem Notizblock sämtliche bisher gesammelte Namen und Begriffe aufgelistet, mit denen wir unseren Gegenüber behelligen können.

Starbesetzung: Michael York als Weltverbesserer Gideon.
Das Gameplay besteht im Einholen von Informationen, im Aufspüren von Items und besonders auch im Absolvieren schwieriger Puzzles. Hierbei müssen häufig Codes dechiffriert oder Tresore geknackt werden. In diesem Spiel wurde der Anspruch des Rätseldesigns erneut angehoben und für meinen Geschmack war es insgesamt eine Portion zu knifflig. Immerhin sind die Puzzles überspringbar, indem man eine Zahlenfolge eintippt, die in der Hint-Sektion verraten wird. Wer sich davon nicht verleiten lassen will, sollte zu Beginn den Player-Modus auswählen, der sich an erfahrene Spieler richtet. Beim Betreten unbefugter Gelände sollte man stets vorsichtig sein. In der Wohnung von Jim Slade dürfen uns keine Fehler unterlaufen. Dieser steht vermutlich nackt unter der Dusche, scheint seine Pistole allerdings selbst dort griffbereit zu haben. Schnell gerät man in das Visier des Ganoven und muss einen alten Spielstand laden. Zwar handelt es sich um eine erzählte Vergangenheit, in der Murphy nie gestorben sein kann, aber trotzdem folgt danach keine Wiederholungsschleife, die es uns nochmal probieren lässt. Zum Abschluss hören wir lediglich, wie Tex zu Chelsee sagt, dass es sich natürlich in Wirklichkeit anders zugetragen habe.

Richard Norton in der Rolle des Killers Slade: Sein hämisches Grinsen ist fast noch beängstigender als seine Pistole.
Ich fasse mich kurz: "Overseer" ist ein Meisterwerk und eines der wichtigsten Interactive Movies überhaupt. Die letzte Szene jedoch, die sich mit Chelsee im Jahr 2043 abspielt, wurde mit einem packenden Cliffhanger versehen. Lange Zeit hatten die Fans nun die Hoffnung auf eine verdiente Fortsetzung des Tex Murphy-Abenteuers aufgegeben, bis 2012 schließlich die überraschende Meldung eintraf: Ein weiterer "Tex Murphy" soll durch Crowfunding finanziert werden. Das Vorhaben ist geglückt und somit dürfen wir uns auf eine Wiederbelebung von FMV mit "Tesla Effect" freuen.

Produzent: Access Software (Indie Built)
Jahr: 1998

Kommentare:

  1. In der Tat ein sehr cooles Spiel, obwohl ich die Vorgänger noch etwas lieber mochte. Hat aber auf jeden Fall die bisher besten Filmsequenzen der Serie! Leider ist es arg linear und es geht nach hinten etwas die Luft raus.

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  2. Ja, Filmsequenzen und Schauspielleistung haben mich beim letzten Teil am meisten begeistert, aber auch die Story. Ist letzten Endes natürlich Geschmackssache. Ansonsten hast du natürlich Recht, es ist viel linearer als zum Beispiel "The Pandora Directive".

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