Donnerstag, 4. Juli 2013

Kommerziell: Under a Killing Moon

Tex Murphy 3: Under a Killing Moon

Nach "Mean Streets" (1989) und "Martian Memorandum" (1991) wurden die Abenteuer des Privatdetektivs Tex Murphy in ein originelleres Gewand gesteckt. "Under a Killing Moon" war sein eigentlicher Durchbruch, mit der sich auch die Ego-Perspektive bei Access etablierte. Der Nachfolge-Konzern Big Finish Games hat inzwischen das Crowfunding-Phänomen genutzt um eine komplett neue Episode zu finanzieren. Somit ist es längst an der Zeit sich diesem Meilenstein zu widmen.

In dieser Straße lebt Tex Murphy - natürlich in seinem Büro.
2042. Nach einem furchtbaren Atomkrieg haben sich die Lebensumstände der Menschen deutlich zum Negativen verändert. Zahlreiche Gegenden sind radioaktiver Strahlung ausgesetzt und Mutationen sind an der Tagesordnung. Der Stadtteil, in dem P.I. Tex Murphy seiner Arbeit nachgeht, zeugt nicht gerade von Modernität. Wenn man sein Büro und seinen Kleidungsstil betrachtet, fühlt man sich vielmehr an die 1930er Jahre erinnert, in denen unser Protagonist noch lange nicht geboren war. Das Klischee des klassischen Film Noir-Detektivs erfüllt er perfekt. So ist er eine traurige Erscheinung, ein depressiver Lebenskünstler, der seine Ermittlungen dem Schlaf vorzieht. Und sobald er in sein fliegendes Automobil einsteigt, wird uns spontan "Blade Runner" ins Gedächtnis gerufen. Das Kennzeichen beinhaltet den Schriftzug "DICK", eine Anspielung auf Philip K. Dick, den Urheber des besagten Werks? In "Under a Killing Moon" ist Murphy bemüht seine Popularität zunächst mit kleinen Aufträgen zu steigern - nicht ganz ohne Erfolg. Denn als er dem Inhaber des Ladens auf der anderen Straßenseite ein gestohlenes Schmuckstück wiederbeschafft, wird eine Dame aus gutem Hause auf ihn aufmerksam. Eine geheimnisvolle Statue gilt es zur Besitzerin zurückzubringen. Aber nur, falls ihm dies innerhalb einer Woche gelingt, darf er mit einer besonders satten Belohnung rechnen. Wie hätte Tex ahnen können, welche Macht von der Skulptur ausgeht? Im Verlauf unserer Mission nämlich erfahren wir, dass eine Gruppe von Fanatikern mit diesem gar nicht so unschuldigen Gegenstand Pläne verfolgt, die verheerende Auswirkungen auf die gesamte Menschheit haben könnten. Ähnlich wie das zuvor erschienene Meisterwerk "Gabriel Knight: Sins of the Fathers" werden die Kapitel von "Under a Killing Moon" in Form von sechs aufeinanderfolgenden Tagen repräsentiert, was sich im Sinne des dramatischen Aufbaus bewährt hat.


Mit diesem Zeitgenossen ist nicht gut Kirschen essen. Auch wenn diese Kinoszene schon fast romantisch wirkt.
"Under a Killing Moon" ist eine cineastische Produktion, die durch Cartoon-Elemente gerne mal gezielt ins Lächerliche gezogen wird. So rennt etwa ein Gangster gegen eine Backsteinmauer und hinterlässt darin tiefe Eindrücke - ein Gag, den wir alle aus uralten Walt Disney-Filmen kennen. Die gekonnte Mischung aus intelligenten Geschichten und grenzenloser Komik macht letztlich den Charme der Tex Murphy-Saga aus. Die Charaktere sind jedoch keineswegs Comic-Figuren, sondern waschechte Schauspieler. Murphy selbst wird von seinem Erfinder, Chris Jones, höchstpersönlich verkörpert. In regelmäßigen Zwischensequenzen dürfen wir ihn bei seinem großartigen Schauspiel bewundern und sobald wir einen Dialog beginnen, wechselt das Spiel grundsätzlich seine Perspektive. Das Adventure hätte wohl kaum einen solchen Kultfaktor erlangt, wäre da nicht ein Dutzend skurriler Haupt- und Nebendarsteller beteiligt gewesen, deren aberwitzige Maskerade manchmal schon eine Sensation für sich ist. Neben dem Einsatz von Full Motion Video dürfte "Under a Killing Moon" weitere neue Maßstäbe gesetzt haben. Wir steuern unseren Helden mit Maus und Tastatur durch eine beachtliche 3D-Umgebung. Wer sich die Tastenbelegung verinnerlicht hat, vermag seine futuristische Umwelt aus den Augen von Tex in vollem Umfang wahrzunehmen. Wir dürfen uns nach Belieben auftürmen oder in die Hocke gehen und unseren Kopf zudem in jede erdenkliche Richtung drehen. Die Mausempfindlichkeit sollte allerdings nicht unterschätzt werden. Durch das Drücken der Leertaste lässt man den Bildschirm kurzerhand einfrieren. Und erst dann können Items eingesammelt, Schubladen inspiziert oder Leute befragt werden. Denn diese verkleinerte Version des Szenenbildes stellt die Interaktionsebene dar. Sie repräsentiert das eigentliche Interface und erlaubt uns überhaupt erst einen Nutzen aus sichtbaren Objekten zu ziehen. Die verfügbaren Befehle werden automatisch anvisiert. Vorab wird der Hotspot kommentiert und anschließend muss Tex mit Mund oder Händen zur Tat schreiten, falls möglich. Außerdem kann in diesem Fenster auf Inventar und Reisefunktion zugegriffen werden. Letztere lässt uns direkt zur Orientierungskarte springen, die sogar einzelne Räume oder Läden innerhalb eines Standortes mit lediglich zwei Klicks zugänglich macht. Bei Dialogen bestimmt der Spieler, mit welcher Laune, Intention oder Art von Humor Tex die Konversation vorantreiben soll. Zusätzlich steht dauerhaft eine Hinweis-Sektion zur Verfügung, die uns den Blick in die Komplettlösung weitestgehend erspart. Damit dieses Feature nicht zu verlockend wird, droht es uns mit dem Abzug von jeweils vier Spielpunkten pro Ratschlag.

Ein Klavier. Ob Tex Murphy da lange widerstehen kann?
Das Rätseldesign umfasst primär Dialog- und Inventarrätsel sowie fleißige Spurensuche. Ab und zu gilt es einen Tresor zu knacken oder zerrissene Botschaften wieder lesbar zu machen. Leider konnten es sich die Produzenten nicht verkneifen die weitläufige 3D-Umgebung für qualvolle Pixelhunting-Passagen zu verwenden. Wer den Schlüssel in einem Konferenzraum ohne Hilfestellung aufstöbern konnte, verdient jedenfalls meinen Respekt. Da Tex Murphy auch sterben kann, sollte man sich früh genug mit dem Speichermenü anfreunden. Häufig sind rasche Reaktionen gefragt, doch derartige Gefahrensituationen habe ich nie als unfair empfunden.

Im Laufe des Spiels sammeln wir Informationen, nach denen wir sämtliche Dialogpartner befragen dürfen.
Kann postapokalyptischer Film Noir funktionieren? "Under a Killing Moon" liefert den Beweis. Mit einer kreativen Hintergrundgeschichte und überzeichneten Figuren schuf Chris Jones einen zeitlosen Klassiker des 1st person-Adventures. Und dabei spielt es keine Rolle, wenn wir im Jahr 2013 schon mal darüber lachen, dass im fiktiven 2042 noch Farbnegativfilme entwickelt werden.

Produzent: Access Software (Indie Built)
Jahr: 1994

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