Donnerstag, 22. August 2013

Kommerziell: Anna - Extended Edition

Anna - Extended Edition

Nachdem das italienische Entwicklerteam Dreampainters nach dem Release von "Anna" harte Kritik einstecken musste, bescherte es uns im nachfolgenden Jahr eine an allen Ecken und Kanten überarbeitete Version. Man hätte es vielleicht "Director's Cut" nennen können, doch das wäre dem Aufwand vermutlich nicht gerecht geworden. So wurde aus "Anna" eine "Anna - Extended Edition". Wer die Original-Fassung begutachten möchte, kann dies trotzdem tun, da auch diese im neuen Paket enthalten ist. Die Screenshots und das Review beruhen auf der "Extended Edition".

Kaum hat man das Spiel begonnen, lässt es sich auch schon abschließen. Denn das erste Ende erreicht man, wenn man die Scheune direkt wieder verlässt.
Der Ausgangspunkt unseres Abenteuers ist eine alte Mühle, die hinter den Bergen an einem malerischen Bach gelegen ist. Ist es reine Anziehungskraft, die den psychisch belasteten Universitätsprofessor an diesen zunächst so harmlos wirkenden Ort entführt hat? Oder sind die Ursachen seines Besuchs eher die merkwürdigen Traumvisionen und die zufällig entdeckten Fotos, die auf das idyllische Aostatal verweisen? Unserer Aufgabe werden wir uns schnell bewusst: Wir müssen dem verstörten Mann, den scheinbar enorme Erinnerungslücken plagen, bei der Suche nach Antworten unterstützen. Die tiefgründig in Szene gesetzte Horror-Lovestory ließ sich im Original-"Anna" schwer nachvollziehen, sodass Dreampainters in der "Extended Edition" durch den verstärkten Einsatz von Schriftstücken Licht ins Dunkel brachte. Die Geschichte ist in erster Linie durch den Notizblock unseres Protagonisten verständlicher geworden. Zu den "Extensions" (auf Deutsch: Erweiterungen!) zählt eine Aufwertung des Grafikstils, logischere und plausiblere Rätsel sowie zusätzliche Räume und ein "Extended Gameplay", also eine ausgedehnte Spielzeit. Als weniger produktiv empfand ich die übertriebene Textlastigkeit. Die zahlreichen in der Mühle verborgenen Bücher beschäftigen sich mit Märchen, Kulten und Bräuchen. Zwar enthalten sie nicht selten wichtige Lösungshinweise, doch die Dokumente bremsen auf Dauer den Spielfluss und wurden von mir aus Desinteresse irgendwann nur noch grob überflogen. Wenn wir von "Verschlimmbesserungen" sprechen, darf der neue "Energiebalken" nicht unerwähnt bleiben: Erschrickt sich der Hauptcharakter, wird ein riesiges Auge eingeblendet, das uns über den Verlust an Durchhaltekraft aufklärt. Und dabei wissen wir nie vorher, wo wieder einmal eine dieser grauenhaften, regungslosen Puppen platziert sein könnte, die unsere Psyche angreifen. In einem Grafikadventure möchte ich aber die Gegend bewundern und ihr nicht ausweichen müssen. Deshalb kann ich dieses Feature lediglich als nutzlosen Frustfaktor bezeichnen, denn sobald die Anzeige unserer Schockenergie am Boden ist, wird sich der Professor aus eigenem Willen aus dem Staub machen, womit eine von insgesamt acht alternativen Endsequenzen erreicht wäre. Leider blieb mir der Weg zum offiziellen Finale versperrt, weil ich nicht alle notwendigen Informationen aufgespürt hatte. Da ich dieses Ende bereits aus dem ursprünglichen "Anna" kannte, habe ich an dieser Stelle entnervt aufgegeben.

Keine Unauffälligkeiten, sondern nur ein alter Ofen. Aber wir sind ja gerade erst angekommen.
Beim Start von "Anna" werden unsere Ohren sogleich von einem erstklassigen, mystischen Soundtrack erfüllt, der sich mit dem fröhlichen Vogelgezwitscher und dem Rauschen des Baches vermischt. Wenn wir also zu Beginn um die Mühle schlendern, bleibt die bedrohliche Stimmung zunächst aus, doch die ideal eingefädelte Musik bereitet uns darauf vor, dass hinter den verschlossenen Türen geheimnisvolle Dinge auf uns warten. Mit einer 3D-Umgebung und 360°-Beweglichkeit entspricht "Anna" dem Standard des modernen Ego-Adventures. Die Grafik kann sich sehen lassen und die schaurigen Effekte sorgen für eine beeindruckende Gruselatmosphäre. Der Horror entfaltet sich langsam und schrittweise, sodass Räume häufig in einem späteren Part eine neue, weitaus beklemmendere Gestalt annehmen. Faszinierend ist zudem die Symbolik hinter "Anna". Diese erkennen wir in düsteren Zeichen und Bildern, die an den Wänden aufleuchten, und ebenso in den einzelnen Aufgaben, die wir bewältigen müssen. Das anspruchsvolle Rätseldesign lässt uns dazu stets um die Ecke denken. Außerdem ist das Praktizieren bestimmter Rituale an der Tagesordnung, die uns durch die Lektüre von Büchern vermittelt werden. Darüber hinaus dauerte es eine Weile, bis ich das Interface durchschaut hatte. Neben dem Inventar werden in zwei weiteren Leisten Dokumente und Ahnungen gesammelt. Letztere werden dem Gedächtnis des Alter Ego nach ausschlaggebenden Ereignissen zugefügt.

Wer den Mond durch das offene Dach beobachtet, muss wenigstens nicht mit Energieverlusten rechnen.
Bei all dem emotionalen Horror-Wahnsinn war die Schlusssequenz für mich die beste Szene im Spiel - ein überzeugendes Ende für eine toll erzählte Geschichte. Mein Gesamturteil aber ist ernüchternd, da mich "Anna" über weite Strecken nicht wirklich packen konnte und das Gameplay zu viele Schwächen aufweist. Die Stärken von Dreampainters zeigen sich dennoch in Sachen Storyboard und Präsentation. Ein guter Grund nach "Anna" ein neues Adventure zu produzieren.

Produzent: Dreampainters, Vertrieb: Kalypso
Jahr: 2012, 2013

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