Mittwoch, 4. September 2013

Kommerziell: The 39 Steps

The 39 Steps

Wir sind längst in einer Zeit angekommen, in der meist unbekannte Entwickler die ungeschriebenen Gesetze des Game-Designs verwerfen um ihren Werken ideale Freiräume zu bescheren. Auf diese Weise wird das PC-Spiel mehr denn je zum Kunstobjekt, aber ebenso zum ungewohnt emotionalen Erlebnis - wie etwa an den Storytelling-Experimenten Trauma, Dear Esther und Fibrillation zu erkennen ist. Mit "The 39 Steps" gewinnt das Independence-Game eine komplett neue Sparte, die vom Hersteller The Story Mechanics als "Digital Adaption" bezeichnet wird. Grundlage für den aufregenden Thriller ist der gleichnamige Roman von John Buchan, der schon Meister-Regisseur Alfred Hitchcock zu einem Filmklassiker verhalf.

Ein romantischer Abend verhilft nicht selten zu Nächstenliebe.
Das Vereinigte Königreich im Jahr 1914: Richard Hannay hat sich kaum in London eingelebt, als sein Nachbar Franklin P. Scudder ihn um Unterschlupf bittet. Dieser hat sich nämlich Feinde gemacht, indem er die geheimen Pläne einer politischen Verschwörung aufzudecken versuchte. Um seinen mächtigen Gegnern vorerst Befriedigung zu verschaffen täuschte er sogar mit allen Tricks seinen Tod vor. In den nächsten Tagen jedoch wird dieser Schwindel zur grausamen Realität: Während Hannays Abwesenheit wird sein neuer Untermieter in den eigenen vier Wänden ermordet. Unser Protagonist hat keine Wahl: Er muss fliehen, da die Polizei ihn angesichts der Beweislage als Täter abstempeln wird. Er begibt sich also gezwungenermaßen auf eine lange, aber wenig erholsame Reise. Unsere Hauptaufgabe in "The 39 Steps" ist das Umblättern virtueller Seiten, die eigentlich nur winzige Textfragmente auf dem Monitor sind. Klickt man auf die linke Maustaste, verblasst das jeweilige Original-Buchzitat und ein weiterer Satz manifestiert sich vor unseren Augen. Ab und zu müssen wir Interaktionsszenen durchwandern, welche durch die Schaltfläche "Done" nach Belieben beendet werden können. Wer zuvor fleißig aktuelle Zeitungen, Briefe, Fotos oder sonstige Gegenstände inspiziert, kann einerseits besser in die Geschichte eintauchen und sich andererseits vielleicht einen Award verdienen, der einem Achievement ähnelt und später unter "Extras" einzusehen sein wird. Die einzigen "Rätsel", sofern man sie so zu nennen vermag, bestehen darin Symbole in die Luft zu malen, die das Spiel vorgibt und die somit lediglich imitiert werden müssen. Dabei handelt es sich etwa um die Richtung, in die ein Schlüssel gedreht werden muss, wenn Hannay seine Haustür aufzuschließen gedenkt. Der digital adaptierte Roman ist in 19 Kapitel untergliedert und die Event-Übersicht bietet den Vorteil, dass bereits absolvierte Abschnitte nachträglich jederzeit wiederholt werden können.

Hannay auf der Flucht: In der Mitte der Erzählung verwandelt sich das Abenteuer zunächst in ein Road Movie.
Diverse Effekte bringen Bewegung in die statischen Hintergrundbilder, die in der Gestalt von Aquarellzeichnungen gehalten sind. In manchen Zwischensequenzen werden Hannay und dessen Konversationspartner aus der dritten Person angezeigt, wobei diese Menschen nur als verschwommene Erscheinungen dargestellt werden. Demnach soll eine Identifikation mit den Charakteren wohl allein durch schriftliche Beschreibungen ermöglicht werden. Die Synchronisation der Dialog-Cutscenes kann je nach Einstellung im Hauptmenü variiert werden: Hier kann man sich für Dialekt-Einflüsse entscheiden oder diese zum leichteren Verständnis ausschalten. Ein ungewöhnliches Stilmittel zur lebhaften Illustration des Handlungsverlaufs sind regelmäßige Scherenschnitt-Filmchen, die bestimmte Erzählpassagen in ein spielerisches und beinahe schon kindliches Format versetzen. Auch das Intro wurde mit diesen frühzeitigen Cartoon-Elementen realisiert. Ebenso begeistert der stimmungsvolle Soundtrack mit historischem Charme.

Das "schwierigste" Rätsel im Spiel ist das Bildschirmzeichnen: Hier sind wir dem hungrigen Hannay beim Essen behilflich.
Wer ein handfestes Adventure erwartet, der wird zu "The 39 Steps" keinen Zugang finden. Es ist im Prinzip ein digitales Bilderbuch für Erwachsene, das hin und wieder interaktive Eingriffe des Spielers zulässt. Die Kontrolle über das Geschehen behält jedoch die Geschichte, sodass wir fast ausschließlich die Bildschirmtexte lesen und mitdenken müssen. Dennoch entpuppt sich das ambitionierte Projekt als kurzweiliges Vergnügen und liefert uns eine attraktive und technisch ausgereifte Präsentation.

Produzent:
The Story Mechanics
Jahr: 2013

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