Samstag, 14. September 2013

Kommerziell: Dracula 3: Der Pfad des Drachen

Dracula 3: Der Pfad des Drachen

Nach längerer Pause erhielt der Dracula-Zweiteiler aus Frankreich eine Fortsetzung, mit der man vielleicht nicht unbedingt gerechnet hätte. Diese bietet keine schlichte Neubearbeitung von Bram Stokers Vorlage, vielmehr lässt sich das Spiel als eine Hommage an den irischen Schriftsteller verstehen. Wir verabschieden uns also von den Eheleuten Jonathan und Mina, die von den Menschen in diesem historischen Szenario höchstens als fiktive Figuren betrachtet werden.

Der erste Eindruck von Vladoviste stimmt vielleicht etwas traurig.
Vladoviste, 1920. Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen, doch derzeit wirkt alles friedlich in jenem rumänischen Dorf. Trotz ihres Kummers werden die Einwohner durch eine Sache bestärkt: Sie fühlen sich durch den Einfluss der kürzlich verstorbenen Martha Calugarul geschützt - eine Frau, deren tatkräftiges Handeln im Sinne der Nächstenliebe große Wellen schlug. Aus diesem Grund befürworten die Bürger von Vladoviste nun eine Heiligsprechung der Physikerin - eine Bitte, die zuvor von einem Vertreter des Vatikan abgeklärt werden muss. Als solcher wählte man Vater Arno aus, in dessen Rolle wir die stolze Ortschaft besuchen. Schon bald erlangen wir Kenntnis darüber, dass Martha sich mit übernatürlichen Mächten befasst haben soll, da sie die merkwürdigen Symptome todkranker Kinder mit Vampirismus in Verbindung brachte. Ein Zwiespalt also, denn der Standpunkt der Kirche ist nicht mit bloßem Aberglaube vereinbar - nach dieser Beweislage ist eine Kanonisierung Martha Calugaruls ausgeschlossen. Stattdessen wird Vater Arno beauftragt seine persönlichen Ermittlungen in Bezug auf die blutrünstigen Kreaturen zu führen - um am Ende gute Argumente dafür zu liefern, dass die Schauermärchen von Bram Stoker und Konsorten reiner Humbug sind. In den nächsten Tagen und Nächten allerdings werden so manche Morde geschehen, die an der Überzeugung des Priesters rütteln dürften. Der aufregende Thriller wurde auf der Basis ausgezeichneter Recherchen realisiert und baut somit hauptsächlich auf bestehenden Fakten und Legenden auf. Hintergrundinformationen werden uns in Massen aufgetischt, so wurde sogar eine komplette Bibel in lateinischer Sprache integriert. Im Laufe des Spiels leuchten unentwegt in den aktuellen Kontext passende Zitate aus der heiligen Schrift auf, die wir dann nachschlagen dürfen. Die jeweiligen Passagen werden von Arno übersetzt. Außerdem werden wir von der Pharmazeutin Maria eine Original-Ausgabe von Bram Stokers "Dracula" erhalten, die daraufhin ebenfalls im Dokumentenspeicher von der ersten bis zur letzten Seite konsumiert werden kann. Die Zufallszitat-Funktion unterstreicht Sätze aus diesem Werk, die uns von Nutzen sein könnten. Schließlich dürfen wir uns kritische Meinungen zu dem Roman anhören, der nicht von jedem unserer Konversationspartner gebilligt wird.

Journalist Luca war ein guter Freund von Martha. Er will uns von der Existenz der Vampire überzeugen.
Ideal ist zudem die Steuerung des Adventures: So ist das Inventar in mehrere Schubladen aufgeteilt, damit der Spieler je nach Ermessen selbst die Freiheit hat die gesammelten Items thematisch zu sortieren. Fotos, Gemälde, Briefe oder Manuskripte werden dagegen in einer anderen Ablage aufbewahrt und lassen sich dort mit einer Lupe nach winzigen Hinweisen oder Copyrightvermerken absuchen. Somit lässt sich erahnen, in welche Richtung das Rätseldesign von "Dracula 3" verläuft: Detaillierte Nachforschungen sind wesentliches Element unserer Mission. Und in dieser Hinsicht erwarten uns die kniffligsten Puzzles, wobei häufig mit römischen Ziffern oder Buchstaben hantiert werden muss um Tresor-Codes oder zusätzliches Wissen zu ermitteln. Doch für Abwechslung ist gesorgt: In der Apotheke muss sich Arno auch mal eigenhändig Blut abnehmen und sonstige Proben der Einwohner Vladovistes auf Anomalien analysieren. An der Präsentation unseres spannenden Abenteuers lässt sich eigentlich nichts aussetzen. Stimmungsvolle, aber keineswegs aufdringliche Musik wird geboten und die Grafik ist eine Augenweide. Sämtliche Stationen unserer Reise wurden liebevoll gestaltet und mit einer interessanten, meist etwas düster anmutenden Farbgebung ausgestattet. Die regelmäßigen Filmsequenzen fallen nicht weit vom Stamm. In diesen dürfen wir den sympathischen Vater Arno übrigens stets aus der dritten Person beobachten. Eine besondere Erwähnung verdienen die Charaktere: Den Zeichnern ist es einwandfrei gelungen tolle Figuren mit Ecken und Kanten zu schaffen. Die Synchronsprecher leisteten ebenso beachtliche Arbeit.

Vater Arno hält gerne mal ein Mittagsschläfchen im Zug, doch seine Alpträume lassen ihn dabei kaum entspannen.
Es besteht für mich kein Zweifel, dass "Dracula 3" der beste Teil der Serie ist. Die Produzenten von Kheops machten aus dem Dracula-Mythos ihr eigenes Ding und beriefen sich dabei auf Glaube, Literatur, Medizin und Geschichte. Das Ergebnis ist faszinierend und ähnelt im Aufbau stark der großartigen "Gabriel Knight"-Saga. "Der Pfad des Drachen" ist definitiv ein Must-Play.

Produzent: Kheops Studio, Vertrieb: Microids
Jahr: 2008

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