Mittwoch, 18. September 2013

Kommerziell: Dracula 4: The Shadow of the Dragon

Dracula 4: The Shadow of the Dragon

14 Jahre sind vergangen, seit sich eine bekannte französische Spieleschmiede zum ersten Mal an einer interaktiven Ausarbeitung des "Dracula"-Themas versuchte. Und diesen Sommer wurde bereits eine dritte Fortsetzung nachgelegt.

Kunstrestauratorin Ellen Cross in der Tutorial-Sequenz: Aus ihrer Perspektive erleben wir das vor uns liegende Abenteuer.
Kunstrestauratorin Ellen Cross leidet an einer unheilbaren Krankheit, welche ihr laut Aussage der Ärztin keine allzu lange Lebensdauer mehr zu gönnen vermag. Mit dieser grausamen Erkenntnis begibt sich unsere Heldin nicht etwa in eine Klinik, sondern auf ihre vielleicht letzte Reise. Die Vorgeschichte zu ihrer jüngsten Mission ist schnell erzählt: Ein Frachtschiff des Metropolitan-Museums geriet in einen Sturm und für die wertvollen Gemälde, die sich an Bord befanden, kam vermutlich jede Hilfe zu spät. In Ungarn soll nun allerdings eines dieser Kunstwerke entdeckt worden sein, sodass Ellen dieses vor Ort einer Identifikation unterzieht. Wer dieses Kapitel nicht nur als Teil des Intros erleben möchte, der sollte zuerst das Tutorial spielen, das eher einen fest ins Geschehen eingebundenen Prolog mit Erläuterungen zur Steuerung darstellt. Warum man dieses nicht direkt in das Adventure integriert hat, bleibt mir unverständlich. Danach führen uns die Ermittlungen zu Professor Vamberys Herrenhaus in London, wo Ellen auf dessen Assistenten Adam Stoker trifft, der tatsächlich ein Nachkomme des Dracula-Erfinders ist. Andererseits wissen wir ja bereits aus Dracula 3, dass der Vampirfürst gar keine so fiktive Gestalt gewesen sein kann, und diese Episode versteht sich zweifellos als inhaltlicher Nachfolger des genannten Spiels. Bald werden wir Zeuge eines Mordes und können zumindest geringfügige Spuren zur Existenz eines Vampir-Ordens ausmachen. Weitere Informationen werden uns vorenthalten. "Dracula 4" ist nämlich nicht nur äußerst knapp bemessen, es scheitert zudem an der Fortentwicklung seiner Handlung. Da die Sichtung paranormaler Kreaturen bis zum Ende eine Wunschvorstellung bleibt, kann ich es auch nur widerwillig als Vertreter des Horror-Genres einstufen. Letztlich grasen wir lediglich London und Istanbul nach Indizien ab und werden schließlich mit einem abrupten und unspannenden Cliffhanger enttäuscht.

Eine düstere Landschaft, ein viktorianisches Herrenhaus und ein modernes Motorrad.
Das Rätseldesign besteht im Wesentlichen in kleinen, durchaus kniffligen Puzzle-Einlagen. Diese dürfen sogar übersprungen werden, sofern man sich zu Beginn für den Freizeitspieler-Modus entscheidet. Dieser aktiviert außerdem praktische Hotspot-Einblendungen, die jedoch nicht abgeschaltet werden können. Wer beim Knobeln gerne intensiv um die Ecke denken und unzählige Dokument-Hinweise verknüpfen möchte, der war mit "Dracula 3" noch gut beraten. Der neueste Beitrag zur Serie kann solche Erwartungen nicht erfüllen. Stattdessen wurden Bonus-Features für Adventure-Anfänger eingebaut. Neben dem Inventar und Ellens Tagebuch wurde eine Energieleiste platziert, die sich je nach Anstrengungen und Schockerlebnissen reduzieren kann. Für jegliche Notfälle steht ein Gesundheits-Tab zur Verfügung, in dem man Vitamine, Obst und Pillen miteinander kombinieren kann um sie Ellen zu verabreichen. Medikamente trägt Ellen grundsätzlich mit sich und Äpfel oder Birnen sind stets leicht aufzutreiben. Dadurch fühlt man sich an ein RPG erinnert, wobei dieses Gameplay-Element keine Schwierigkeiten bereitet und nicht den Spielfluss hemmt. Die Grafik ist sehr hübsch, kann aber nicht denselben Charme vermitteln wie die des Vorgängers. Ausgesprochen schade fand ich dagegen, dass die Menschen optisch zu blass und nichtssagend wirken, obwohl die Dracula-Reihe zuvor immer ein extravagantes Charakter-Design repräsentierte. Adam Stoker konnte ich zum Beispiel eher mit einem schmierigen Motorradliebhaber assoziieren. Wie alle anderen Figuren erscheint er mir zu ausdruckslos und zeugt kaum von Persönlichkeit.

In der Türkei hängt man scheinbar gerne Teppiche an die Wäscheleine.
"Dracula 4" wird seinem Platz in dieser legendären Saga nicht gerecht. Die Autoren erzählen nicht einmal eine halbe Geschichte, sondern höchstens einen Prolog. Anuman hätte dieses Machwerk wenigstens im Sinne eines Episodenprinzips vermarkten können, sodass man sich für eine einzelne Episode nicht in Unkosten stürzt. Leider ist das Preis-Leistungs-Verhältnis unter den gegebenen Umständen geradezu unfair. Als begeisterter Fan der früheren Teile setze ich dennoch eine gewisse Hoffnung in das zum Jahresende angekündigte "Dracula 5: The Blood Legacy".

Produzent: Anuman (Microids)
Jahr: 2013

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