Sonntag, 6. Oktober 2013

Kommerziell: Atlantis - Das sagenhafte Abenteuer

Atlantis - Das sagenhafte Abenteuer

Cryo Interactive war eine Produktionsfirma, die bei der Entwicklung von Adventures gerne neue Akzente setzte. Noch unter dem Namen Exxos bescherten sie uns mit den Klassikern "Captain Blood" und Kult - TheTemple of Flying Saucers zwei Meilensteine des eigensinnigen Spielvergnügens. Beinahe zehn Jahre später befassten sich die fleißigen Franzosen zum ersten Mal mit den Geheimnissen und den politischen Strukturen der mythischen Insel Atlantis.

Hier sehen wir die architektonischen Meisterleistungen der Atlanter.
Es ist ein aufregender Tag für den jungen Eno, denn dieser darf sich heute der erlesenen Gefährtenschaft von Königin Rhea anschließen. Als er jedoch voller Stolz im Thronsaal eintrifft, erhält er die erschütternde Nachricht von der Entführung seiner Majestät. Eno fühlt sich als treuer Staatsdiener natürlich dazu verpflichtet dieser grässlichen Verschwörung auf den Grund zu gehen und die Monarchin aus den Fängen der Verräter zu befreien - keine leichte Mission, wie er bald erkennen muss. In Atlantis ist nämlich längst eine Umwälzung im Gange, die der Prinzgemahl Kreon und seine Anhänger zu verantworten haben. Diese orientieren sich nicht am friedlichen Pfad der Mondgöttin Ammu, sondern befolgen den kriegerischen Pfad des Sonnengottes Sa'at. Somit mehren sich bereits die Todesopfer unter Rheas Gefährten und wir müssen uns mit ganzer Kraft vor unseren Feinden schützen. Es beginnt eine umfangreiche und gefährliche Reise, in deren Verlauf wir auf rätselhafte Charaktere und unbekannte Kulturen stoßen. Auf all seinen Irrwegen verliert Eno sein primäres Ziel aber niemals aus den Augen: Kreons Pläne müssen durchkreuzt werden um die Harmonie im Land wiederherzustellen.

Jede erfolgreiche Flucht vor Kreons Ergebenen endet für uns in einem Höhenflug.
Wir begleiten Eno durch eine 3D-Welt, wie wir sie selten in einem Adventure zu Gesicht bekamen. Schon von unserer Startposition an droht uns die gigantische Stadt zu erdrücken. Cryos Atlantis wurde mit Liebe zum Detail erschaffen und wird allein durch die Optik zum Hochgenuss. Wenn wir im ersten Kapitel über eine Brücke zu den von Kristallen betriebenen Luftschiffen schlendern, dürfen wir uns an der faszinierenden Aussicht erfreuen. In den Cutscenes erleben wir dann regelmäßig aus der dritten Person, wie Eno mit einem Piloten in einem solchen Flugapparat durch die Wolken "segelt". Untermalt werden diese Zwischensequenzen von einem indianischen Gesang, dem ich ewig lauschen könnte. Überhaupt ist der Soundtrack von "Atlantis" ein weiterer Faktor, der die filmreife Präsentation intensiviert. Und wenn die mystischen Klänge mal pausieren, übernimmt die dichte Geräuschkulisse diese Aufgabe ebenso gekonnt. Da die Gespräche zuweilen mit subtilem Humor gewürzt sind, fügen sich die oft skurrilen Synchronstimmen passend ins Bild ein. Sie erinnerten mich lustigerweise an die deutsche Fassung von "Woodruff and the Schnibble of Azimuth", was ich bisher nicht auf Zufall oder Richtigkeit überprüft habe.

Ob die rebellische Anna dem Helden Eno mit ihrem schroffen Gemüt den Kopf verdrehen kann?
Die Steuerung ist simpel: Drehungen um 360 Grad sind jederzeit erlaubt, doch wer einige Schritte vorwärts gehen möchte, muss zunächst auf einen Pfeil klicken, der auf eine zugängliche Strecke aufmerksam macht. Das Inventar lässt sich an der unteren Monitorhälfte einblenden und Dialoge mit Freunden und Fremden laufen über ein spezielles Multiple Choice-System ab. Dieses spart mit Worten und zieht Icons vor, die Figuren oder Dinge zeigen. Erscheinen bei einer Konversation die Symbole "Daumen hoch" und "Daumen herunter", werden wir zu einer Entscheidung aufgefordert. Im Extremfall kann der falsche Entschluss mit dem Tod oder der Gefangenschaft enden. Und dabei sind wir beim häufig belächelten Gameplay-Herzstück von "Atlantis" angelangt. Zwar ist es ein reines Adventure ohne Arcarde-Einlagen, aber trotzdem ist Schnelligkeit und Verstand gefragt um einem von gefühlt 10.000 Toden zu entrinnen. Haben wir verloren, berichtet uns die Erzählerin, welche Konsequenzen unser Versagen zur Folge hatte. Das Spiel legt glücklicherweise automatische Speicherpunkte an, damit wir uns niemals selbst darum kümmern müssen. Der letzte davon wird nach unserem Scheitern aufgegriffen, sodass wir uns direkt wieder im Geschehen befinden. Erwähnte Schleich-, Flucht- oder Geschicklichkeitspassagen machen manchmal Spaß und können zudem auf Dauer frustrieren. Ab und zu werden wir unvermittelt und ohne Vorwarnung von einer Wache verhaftet, weil wir nicht den besten Weg eingeschlagen haben - Fairplay ist also nicht immer gegeben. Einen gesunden Kontrast bilden knifflige Puzzles, mit denen ein geübter Spieler durchaus einige Zeit beschäftigt sein dürfte.

Dieser Eingeborener hat sich die Geschichte seines Volkes auf Bauch, Rücken und Arme tätowiert und lässt Krabben über unser Schicksal entscheiden.
"Atlantis" hat das Genre des 1st person-Adventures neu geprägt, indem es sich komplett von den traditionellen Gameplay-Elementen einer Myst-Generation verabschiedete. Stattdessen bekommen wir eine stets dynamische Umgebung geboten, in der wir von einer riskanten Situation in die nächste geraten. Zwar müssen gelegentlich konventionelle Rätsel absolviert werden, die jedoch kaum die Handlung abbremsen. Während in zahlreichen Adventures erschöpfende Buchtexte mit Informationen und versteckten Hinweisen integriert wurden, erwerben wir unser Wissen hier lediglich durch Dialoge sowie durch visuelle Eindrücke und dürfen am Ende dennoch auf eine epische und schlichtweg großartige Geschichte zurückblicken.

Anleitung: Atlantis 1 unter Windows 7

Produzent: Cryo
Jahr: 1997

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