Donnerstag, 14. November 2013

Kommerziell: The Stanley Parable

The Stanley Parable

Sobald sich die Idee einer Half Life 2-Modifikation bewährt hat, kann diese ja nachträglich zu einem eigenständigen Spiel ausgearbeitet werden. Diese Regel hat bereits Dear Esther zum Durchbruch verholfen und auch die neue Erfolgssensation "The Stanley Parable" hat diese Chance ergriffen. Nachdem das Explorationgame 2011 nur für Egoshooter-Freunde zugänglich war, lässt sich das rundum aufpolierte HD-Remake jetzt über Steam erwerben. Aber was genau verbirgt sich hinter diesem Independence-Kult?

Wir haben die Wahl: Schicken wir Stanley in den Konferenzsaal oder entziehen wir uns den Weisungen des Erzählers?
Man könnte meinen, dass Stanleys Berufsleben leicht farblos sei. Immerzu sitzt er an seinem Schreibtisch und folgt den Anweisungen auf dem Bildschirm, die wohl aus der Chefetage stammen. Kontinuierlich drückt er dieselben Ziffern oder Buchstaben auf seiner Tastatur - in exakt jener Reihenfolge, in der sie zuvor auf dem Monitor aufleuchten. Für uns mag diese Beschäftigung wenig erstrebenswert klingen, doch unseren Stanley macht dieser Job glücklich. Es erfüllt ihn als 427. Angestellter dieser gigantischen Firma monotone Tätigkeiten auszuüben. Bis eines Tages etwas Verstörendes passiert: Er erhält keine neuen Instruktionen auf seinen Bürocomputer und von seinen Mitarbeitern fehlt jede Spur. An eine Erholungspause ist noch längst nicht zu denken und so bahnt sich unser Protagonist mittleren Alters seinen Weg zum Konferenzsaal, denn ihm könnte ja die Einladung zu einem wichtigen Meeting entgangen sein.

Der ganz offizielle Lösungsweg führt uns durch die Mind Control Facility - was immer das nun sein mag.
Durch die Geschichte leitet uns ein Erzähler, der grundsätzlich die Richtung vorgibt. Er schildert an einer Kreuzung, ob Stanley sich für die linke oder die rechte Tür entscheidet, sodass das komplette Geschehen vorprogrammiert scheint. Irgendwann wird allerdings jeder Spieler zum Rebell und wendet sich gegen die dominierende Stimme. "The Stanley Parable" lehrt uns eigene Entschlüsse zu treffen und macht uns zudem schonungslos bewusst, inwiefern diese sich auf unsere Existenz oder die Story auswirken werden. Hierin offenbart sich der Kern dieser interaktiven Demonstration: Oberflächlich gesehen müssen wir keine Rätsel absolvieren - vorausgesetzt man vermag das wahllose Drücken von Knöpfen nicht als solche zu benennen. Das komplexe Handlungskonstrukt dagegen entpuppt sich schnell als ordentliche Herausforderung, die uns zumindest zwei Tage oder länger an das Spiel fesseln kann. Somit gilt es mehrere Endsequenzen zu enthüllen, die uns die Bedeutung des nichtlinearen Abenteuers aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten lassen. Außerdem empfiehlt es sich nach kleinen Geheimnissen oder Eastereggs Ausschau zu halten und sogar in den Achievements zeigt sich der grandiose Humor der Produzenten.

Schon wieder auf die schiefe Bahn geraten? Dann abonnieren Sie JETZT die Stanley Parable Adventure Line (TM) und lassen Sie sich den rechten Weg weisen!
"The Stanley Parable" zeichnet sich nicht allein durch ein brillantes Dialog- bzw. Monologdesign aus, sondern darüber hinaus durch die wundervoll pointierte Stimme von Kevan Brighting, den wir im Verlauf der Geschichte in allen Gemütsverfassungen erleben dürfen. So ist der sympathische Erzähler mit den zweifelhaften Absichten stets bemüht uns in die Irre zu führen und ärgert uns eventuell über viele Neustarts hinweg, indem er der Architektur der Korridore hin und wieder eine bisher fremde bizarre Gestalt verleiht. Seit der Modifikation haben sich die grafischen Verhältnisse enorm verbessert. Daher erwartet uns nun eine liebevoll realisierte und detailreiche 3D-Umgebung. Hinzu kommen hübsche und flüssig animierte Intro- und Outro-Filme, in denen wir Stanley aus der dritten Person begutachten können. Ansonsten hat mir gefallen, dass uns das Spiel selbst über die Verwendung fundamentaler Optionen entscheiden lässt, sodass wir die Speicherfunktion im Hauptmenü zuvor aktivieren müssen. Nützlich ist sie definitiv, doch in Anbetracht der Überschaubarkeit jeglicher Lösungspfade wird man sie durchaus entbehren können.

Nach diesem wundervollen Button-Punktesystem verdient "The Stanley Parable" ohne Zweifel eine Fünf!
"The Stanley Parable" lässt sich nur schwer als Adventure einstufen und distanziert sich allgemein vom Gameplay etablierter Genres. Das erleichtert es den Machern die Anhänger unterschiedlichster Spielegattungen und somit eine breite Zielgruppe zu erreichen - eine sinnvolle Strategie, denn echte Kunst muss dort ausgestellt werden, wo sie wahrgenommen wird. Außerdem wurde die philosophische Parabel rund um die Individualität des Menschen und die Freiheit des eigenen Willens publikumswirksam inszeniert und regt mit seinen begnadeten Albernheiten auch stark zum Nachdenken an. Normalerweise wird in diesem Blog auf Punktwertungen verzichtet, aber was "The Stanley Parable" betrifft, möchte ich wenigstens auf den fünften von fünf großen, roten Knöpfen hauen (siehe Screenshot!). Vielen Dank, Galactic Cafe!

Anmerkung: Deutsche Untertitel können folgendermaßen aktiviert werden: Steambibliothek -> Rechtsklick auf "The Stanley Parable" -> Eigenschaften -> Sprache.

Website // Ich empfehle einen Blick auf die Demo zu werfen, die sich nicht mit Inhalten der Vollversion schmückt, sondern ein davon unabhängiges Szenario und zusätzliche Gags bietet.

Produzent: Galactic Cafe
Jahr: 2013

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