Freitag, 27. Dezember 2013

Werbespiel: Enrica Corsarella

Enrica Corsarella

Münchner Bloganzeiger vom 27.12.1997: Enrica Corsarella - Ein Nachruf.
(Achtung: Der folgende Text kann Spuren von Ironie und Satire enthalten.)

Als ich in München meine Suche nach Enrica Corsarella begann, war ich ganz hingerissen von dieser genialen Collage aus Fotografien, Zeichnungen und Werbebotschaften, die man mir als Spielhintergründe in einem Ego-Adventure zu verkaufen versuchte.

Oh, Corsarella! Du Koryphäe der stimmlichen Stimmigkeit - seit wir von deinem Verschwinden erfuhren, befindet sich die Stadt in Aufruhr: Selbst der konservative Autohersteller Opel musste aus dem stilvollen Rüsselsheim seinen Ruin vermelden. Als die Verantwortlichen der Staatsoper zu München werden wir durch deine Abwesenheit unweigerlich zu Stümpern und Taugenichtsen degradiert. Es scheint, als würden sich die Pforten zu unseren goldenen Hallen vehement gegen unsere Handgriffe zu Wehr setzen, seit wir deine sanftmütige Gestalt nicht mehr dahinter erspähen dürfen. Doch der Gräuel an jener Entwicklung, den du - aufgrund deiner herzensguten Gesinning absolut unbeabsichtigt - in diesem Land hervorgerufen hast, bezieht sich besonders auf den Niedergang einer vornehmen Trinkkultur. Einst stießen wir in manierlicher Gesellschaft deiner Anhänger zu feinstem Champagner und prickelndem Prosecco an. Heute hingegen marschieren sie wie die Banausen zu jener rustikalen Festivität - sogar die Touristen von fernab, die sich stets an der Faszination deines Schauspiels und deiner Gesänge ergötzten. Nun befüllen sie ihre gierigen Mägen mit diesem ordinären Gebräu, das in unseren kultivierten Regionen eigentlich verboten werden sollte. Und zu allem Überfluss tragen sie dabei diese aufreizenden und bauerntölpelhaften Kostüme, die für jeden Kenner der Etikette eine regelrechte Beleidigung darstellen. Ohne dich, Enrica, wäre es nicht so weit gekommen. Die Medien nennen deinen Namen mit Bestürzung. Man munkelt, ein wilder Bär habe dich aus deiner Garderobe gerissen, in der du dich auf deinen nächsten Auftritt vorzubereiten gedachtest. Doch thematisieren wir rasch die Fotografie: Vergnüglich beobachteten wir, wie sich die Tagesblätter um dich stritten. Für dich erfand man das Feuilleton, denn du hast dich auf alle Zeit als Sinnbild deutscher Kultur profiliert. Jene Momentaufnahmen wurden mit der unzweifelhaften Perfektion aus dem Hause Agfa angefertigt. Oh, Corsarella! Warum hast du uns verlassen, du Würdenträgerin großer Metropolen, wie Rom, Paris, St. Moritz und selbstverständlich München? Hoffen wir auf plausible Gründe für dein plötzliches Entrinnen aus dem öffentlichen Leben in Europa, welches ohne dich dem Untergang geweiht ist.
Meine Reise durch die europäische Kulturszene bot zwar kaum Rätsel-Elemente oder gar sinnvolle Dialoge, doch hätten derartige Qualitäten die Suche nach der ruhmbehafteten Operndiva ohnehin nur behindert.

Gezeichnet: Intendant Karl Oberbauer.

Produktion: Scholz und Volkmer
Jahr: 1997

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