Sonntag, 5. Januar 2014

Kommerziell: The Novelist

The Novelist

Nach Gone Home und The Stanley Parable steht aktuell ein weiteres Explorationgame im Fokus der Aufmerksamkeit vieler Steam-User. Bei Kent Hudsons "The Novelist" handelt es sich um ein interaktives Familiendrama, bei dem der Spieler mit den agierenden Charakteren Kompromisse eingehen muss, ohne dass diese seine Anwesenheit erahnen.

Der erste Brief: Im Laufe unserer Erkundungen müssen wir unzählige Korrespondenzen, sogenannte Clues, unserer Lektüre unterziehen.
Es war Sommer, als die Kaplans ihre Flucht aus dem Alltag wagten - ein Sommer, der ihr gemeinsames Leben festigen oder grundlegend verändern sollte. In der Hoffnung einer langfristigen Ehekrise entrinnen zu können, zogen sie sich also in ein traumhaftes Ferienhaus an der Küste zurück. Die Rede ist von Dan, Linda und Sohn Thommy - uns absolut fremde Charaktere, die wir bald vielleicht besser kennen werden, als sie sich selbst. Denn wir schlüpfen in die Rolle eines ungebetenen Besuchers, der schamlos in die Gedanken und Erinnerungen dieser Menschen eindringt und Einfluss auf deren Entscheidungen nimmt. Dan ist freiberuflicher Schriftsteller, sehnt sich nach Erfolg und bangt um seine Existenz. Dasselbe gilt für Linda, die sich mit der Malerei ihre Brötchen verdient. Beide Elternteile müssen die Instabilität ihrer Verhältnisse im Auge behalten und darüber hinaus das Wohl ihres Kindes, das ohne deren Liebe und den Kontakt zu neuen gleichaltrigen Freunden zu vereinsamen droht. Zu Beginn dürfen wir einen Gameplay-Modus wählen: "Stealth" ist mit einem höheren Schwierigkeitsgrad verbunden. Hierbei sind wir nicht einhundertprozentig unsichtbar und die Kaplans werden uns als Gefahr wahrnehmen, wenn wir zu unbedacht vorgehen und uns enttarnen lassen. In diesem Fall können wir mit dem Familienmitglied, das uns geortet hat, vorerst keine Kompromisse mehr vereinbaren. Vollkommene Freiheit bietet dagegen der Story-Modus, den ich persönlich favorisiere. Kein Bewohner des Hauses wird uns dann erblicken und wir können in aller Seelenruhe mit unserer Umgebung interagieren. Dazu durchforsten wir die wenigen Räume auf den zwei überschaubaren Etagen, die im Wesentlichen Schlaf-, Arbeits- und Aufenthaltszimmer sowie eine Küche umfassen.

Auch Thommy leidet unter den Eheproblemen seiner Eltern und der mangelnden Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwird. Aber es liegt in unserer Hand diese Umstände zu verbessern.
Die Außenwelt dürfen wir nur durch geschlossene Scheiben bestaunen, sodass wir dieses Gefühl der Abgeschiedenheit besser nachvollziehen können. Um schneller von einem Fleck zum anderen zu gelangen, müssen wir lediglich einen der weißen Lichtpunkte anvisieren, die uns einige Meter weit teleportieren und selbst die kleinsten Laufwege abkürzen können. Fixieren wir einen beliebigen Hauptcharakter aus größerer Entfernung mit Druck auf die Leertaste, werden dessen Gedanken in Textform eingeblendet. Um uns in ein Erinnerungsszenario zu versetzen, müssen wir direkt vor oder hinter der Person stehen, bevor wir sie anwählen. In der anknüpfenden Sequenz gilt es bestimmte Ereignisse aus dem Gedächtnis der Figur zu filtern, während wir in der Gegenwart nach Bildern und Schriftstücken Ausschau halten müssen - zum Beispiel Briefe, die an einen unserer Protagonisten adressiert sind und meist als "Clue" fungieren. Hat man nun etwa alle Clues entdeckt, die Linda betreffen, und ebenso ihre Erinnerungsfragmente begutachtet, werden uns ihre Gedanken verraten, welches Objekt wir auftreiben müssen um mit ihr eine Übereinkunft zu schließen. Am Ende eines Tages folgt nämlich jeder seinem eigenen Kopf und wir müssen beurteilen, wessen Wunsch es wert ist unterstützt zu werden. Diese Wahl beeinflusst die Richtung der Geschichte, dessen Ausgang laut Aussage des Autors von uns geschrieben wird. Im Verlauf der Handlung wird zudem einiges geschehen. So erfahren wir von einem Todesfall in der Verwandtschaft und sonstigen positiven oder negativen Nachrichten, die das Feriendomizil der Kaplans erreichen. Jedes Kapitel endet mit einer Zusammenfassung der Events, die abhängig von den durch uns getroffenen Kompromissen variieren. Spätestens im Outro erkennen wir, was wir mit unserem Zutun bewirkt haben: Werden Dan und Linda als Liebespaar eine Zukunft haben? Konnten sie sich als namhafte Künstler profilieren? Und welche Folgen ergaben sich in Bezug auf Thommys Entwicklung?

Eines der schönsten und beachtenswertesten Zitate aus dem Spiel: "The entire world's out there."
Mit schlichten Grafiken, aber umso lebhafteren Figuren wurde ein literarisches Experiment realisiert, das uns in aller Deutlichkeit aufzeigt, inwiefern einzelne Entscheidungen die bestehenden Verhältnisse verändern können. Allzu aufregend wurde "The Novelist" nicht gestaltet, vielmehr ist es ein äußerst subtiles Vergnügen mit klarer Botschaft, das erst durch seine unterschiedlichen Story-Auflösungen nachhaltiges Interesse erzeugen kann. Doch unabhängig vom erzielten Endergebnis, wird Dan Kaplan letztlich stets die Vermutung hegen ein Protagonist im Roman eines fremden Schriftstellers zu sein.

Website

Produzent: Orthogonal Games
Jahr: 2013

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