Donnerstag, 27. März 2014

Kommerziell: Year Walk

Year Walk

Bei Year Walk handelt es sich um ein Adventure, welches ursprünglich für iOS-Geräte produziert wurde. Vor einigen Tagen wurde allerdings eine überarbeitete Version als günstige Steam-App bereitgestellt, die von Nutzern der Vertriebsplattform als normale Windows-Anwendung installiert werden kann. Diese Variante habe ich mir näher angesehen.

Mit warmen Worten versucht uns diese junge Frau vom Year Walk abzuhalten.
Es mag sich inzwischen bewährt haben, dass ich meine Reviews mit einer möglichst spoilerfreien Inhaltsbeschreibung einleite. Bei diesem Werk des unabhängigen Entwicklerteams Simogo mache ich eine Ausnahme, da die Geschichte hinter den kryptischen Bildern das wohl größte Geheimnis darstellt. "Year Walk" wird nämlich weniger mit Worten, als vielmehr durch Sinneseindrücke erzählt. Entscheidend ist lediglich, dass wir uns innerhalb einer schwedischen Einöde auf eine spirituelle Reise begeben, die im Volksmund als Year Walk bekannt ist. Im Prolog jedoch rät uns ein scheinbar vertrautes Mädchen von dieser Expedition ab, da es sich offensichtlich nicht nur um unsere kalten Ohren sorgt. Und kurz darauf stehen wir ziemlich verloren in jener Eiswüste und als einziger Anhaltspunkt dient eine Enzyklopädie in unserem Gepäck, die sich mit der nordischen Mythologie befasst. Die Story wird hiermit selbstverständlich nicht erklärt. Diese müssen wir schon auf eigene Faust enträtseln.

Die Hudra rückt ihren Schlüssel erst dann raus, wenn wir ihren Liedern die absolute Aufmerksamkeit gewidmet haben.
Bald stellt sich das Aufstöbern eines Schlüssels als unsere Hauptaufgabe heraus. Dieser wird uns das Tor zur Kirche öffnen, wo wir dem Kyrkogrimen (Church Grim) gegenübertreten müssen. Doch zunächst folgen wir der Huldra, der Wächterin des Waldes. Dieser kommen wir auf die Schliche, indem wir ihren Gesängen lauschen. Später beauftragt uns das Bachpferd die Geister vierer misshandelter Babys einzusammeln, deren Aufenthaltsort sich anhand von Blutspuren in der zuvor so unberührten Schneedecke lokalisieren lässt - eine gnadenlos makabere und ebenso traurige Mission, die uns dem Schlüssel wiederum einen Schritt näherbringt. So ist das Rätseldesign optimal in die Handlung eingebettet und stellt uns zumindest vor die eine oder andere härtere Herausforderung. Wer fleißig notiert, wird aber vermutlich jeden Hänger nach etwa einer halben Stunde bewältigt haben. Insgesamt bewegt sich der Schwierigkeitsgrad auf Anfänger-Niveau, weshalb ich auch empfehle sich der verführerischen Hint-Option zu widersetzen. Immerhin lässt "Year Walk" keinen Service vermissen. Und haben wir einmal unser Ziel erreicht, erhalten wir Zugriff auf das geheimnisvolle Journal - ein elektronisches Tagebuch, das uns letztlich eine neue, weitaus textlastigere Seite des Spiels demonstriert und zudem den Pfad zu einem alternativen Ende ebnet.

Das Bachpferd (brook horse) ist das einzige mir bekannte Wesen, das im Anzug baden geht.
Die Steuerung wurde nicht gerade an die Bedürfnisse von Spielern traditioneller 1st person-Adventures ausgerichtet. Vielmehr ist sie das Zeugnis einer Smartphone- und Touchscreen-Generation. Natürlich scrollen wir am PC nicht mit den Fingern, sondern nutzen dazu die Tastenkombination WASD oder vorwiegend A und D. Meistens müssen wir nämlich die horizontal in die Breite verlaufenden Szenenbilder durchwandern. Die übrigen beiden Tasten helfen uns die aktuelle Position nach Norden oder Süden zu verlassen, falls sich unter oder über uns ein Ausgang bemerkbar macht. In der Regel gelten solche scrollenden Bildschirme bei Ego-Adventures als unliebsames Gameplay-Element. In "Year Walk" konnte ich mich jedoch schnell damit anfreunden. Hinter der Winterlandschaft verbirgt sich ein übersichtlich gehaltenes Labyrinth, über das wir uns durch die mitgelieferte Orientierungskarte einen idealen Überblick verschaffen können. Die grafischen und atmosphärischen Verhältnisse bedienen den Kunstfaktor so konsequent, wie kaum ein anderes Spiel dieser Gattung. Die Figuren wurden in Gestalt und mit der Motorik konventioneller Papiermarionetten zum Leben erweckt und die 2D-Umgebung wirkt wie eine märchenhafte und manchmal schaurige Theaterkulisse, die dem Adventure eine besonders surreale Note verleiht. Darüber hinaus erinnern die permanent vom Himmel fallenden Schneeflocken an kleine Wattebäuschen. Der klassische Stil wird durch Monologe in Form von Stummfilm-Einblendungen wunderbar untermalt. Außerdem wurde nicht auf gelegentliche Schockeffekte verzichtet, sodass man seine Nerven rechtzeitig darauf vorbereiten sollte. Gleichermaßen begeisterten mich die stimmungsvolle mystische Hintergrundmusik sowie der bezaubernde Soundtrack "Oh the Joy", in dessen Genuss wir während des Outros gelangen.

Ein letztes Rätsel: Nach den Credits gibt das Spiel einen ersten Hinweis, der zu einem alternativen Spielausgang führen soll.
Das tiefgründige und facettenreiche "Year Walk" mag eine kurze Spieldauer haben, dennoch ist jede Minute, die wir damit verbringen, sinnvoll investiert - ebenso wie der geringe Preis von 4,99 Euro. Es erweist sich ohne Zweifel als Geheimtipp unter den Smartphone-Adventures, weshalb eine PC-Veröffentlichung definitiv überfällig war.

Produzent: Simogo
Jahr: 2013 (iOS), 2014 (PC)

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