Freitag, 3. Oktober 2014

Kommerziell: 4PM

4PM

Ein weiteres Independence-Game, das bereits im Vorfeld mein Interesse erregte, wurde nach erfolgreicher Bewältigung des Greenlight-Prozesses im Steam-Shop veröffentlicht. Das nach der englischen Zeitangabe benannte Machwerk präsentiert sich nicht gerade als waschechtes Adventure, sondern entpuppt sich als Kurzfilm im interaktiven Gewand. Damit richtet es sich in erster Linie an Leute, die ein ausgeprägtes Verhältnis zu den Kultursendern arte und 3sat pflegen. 4PM ist für einen geringen Preis von 3,99 € zu erwerben und wurde auch mit deutschen Untertiteln ausgestattet.


Irgendetwas läuft offensichtlich falsch in Carolines Leben: Sie hat wieder einmal verschlafen und kann sich nicht entsinnen, von welchem Mann die Visitenkarte in ihrer Tasche stammt. Es scheint, als hätte sie diese Partynacht bis zum letzten nüchternen Atemzug - und darüber hinaus - ausgekostet. Und zu allem Überfluss hat ihre Mutter auf den Anrufbeantworter gesprochen, die sich vermutlich um eine Aussöhnung bemüht. Weniger freundlich ertönt die Stimme ihres Vorgesetzten, der auf ihrem Handy mit der Kündigung droht. Es sieht so aus, als müsste sie schleunigst ihren Job retten - wenn da nur nicht diese störenden Erinnerungsfetzen wären. 4PM ist eindeutig in die Exploration-Sparte einzuordnen, da auf ein Gameplay im weitesten Sinne verzichtet wurde. Der Ablauf der Story ist manchmal von arg begrenzten Entscheidungsmöglichkeiten abhängig. Man darf also der Treppe in das entgegengesetzte Stockwerk folgen, um zu einer zusätzlichen Finalsequenz zu gelangen. Andererseits kann man den abschließenden Dialog durch jeweils zwei verfügbare Auswahloptionen beeinflussen, was die Geschichte immerhin auf unterschiedliche Weise enden lässt. Zuvor müssen wir aus dem eigenen Büro flüchten, während Carolines unausstehlicher Chef telefonierend den Flur entlangschleicht. Dabei benötigen wir zumindest eine gewisse Taktik, die im Prinzip aber rasch zu erkennen ist. Noch einfacher wird es, wenn Caroline sich in der Disco übergeben muss und wir sie innerhalb von 50 Sekunden zur Damentoilette führen müssen.

In dieser Disco hat Caroline richtig viel Spaß - bis sie es irgendwann nur noch zum Kotzen findet - wortwörtlich.
All das ist tatsächlich nicht banaler, als es klingt und kann lediglich als scherzhaftes sowie auflockerndes Füllmaterial bezeichnet werden. Ansonsten müssen nur relevante Gegenstände angeklickt werden, welche eventuell Visionen aus Carolines Vergangenheit auslösen oder uns in ihre Erinnerungen abtauchen lassen. So springen wir ab und zu in der Zeit zurück und nähern uns schrittweise dem Geheimnis an, das unser Alter Ego mit sich herumträgt. Auf dem Startscreen dürfen wir sogar nach persönlichem Ermessen zu drei Zeitpunkten des Geschehens in die Handlung einsteigen, was wohl dem Hauptmenü einer Film-DVD nachempfunden ist. Insgesamt beträgt die Spieldauer ohnehin maximal 15-20 Minuten, sodass 4PM keine langfristige Alternative für unterbeschäftigte Steam-User darstellt. Die 3D-Umgebung wurde mit der Unity-Engine realisiert und erzeugt durch die weichgezeichneten Räume sowie die ständigen Bildschirmschwankungen eine geradezu wilde Atmosphäre. Die Grafik verliert hiermit an Ästhetik, doch wäre eine detailverliebte und perfekte Optik dem düsteren, auf Partynächten und Alkoholkonsum aufbauenden Werk schlichtweg abträglich gewesen. Ebenso wurde für stimmungsvolle Musikuntermalung gesorgt.

Kann sich Caroline erinnern? Wir treffen die Entscheidung - aber es muss nicht immer die richtige sein.
Ich glaube daran, dass noch einige motivierte Künstler, die gerne Filme produzieren würden, ihren Fokus auf interaktives Drama umlenken werden. Ein Verlust für die Kulturfilmbranche? Eher nicht. Vielmehr handelt es sich bei derartigen Genre-Experimenten um eine neue Chance für den teilweise eingestaubten Spielemarkt. Als leidenschaftlicher Kurzfilmzuschauer weiß mir diese Entwicklung zu gefallen. So sollte 4PM nicht an den Maßstäben traditioneller Spiele gemessen, sondern von Beginn an als reines Kunstprojekt verstanden werden. Als solches bleibt es auf Inszenierung, Atmosphäre und Erzählstruktur reduziert und erzielt in diesen Bereichen eine zufriedenstellende Wirkung.

Produzent: Bojan Brbora
Jahr: 2014

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