Samstag, 6. Dezember 2014

Kommerziell: The Moon Sliver

The Moon Sliver

Dear Esther hat zu seiner Zeit nicht nur das Explorationgame revolutioniert, sondern ebenso das Setting der einsamen, düsteren Insel als atmosphärisches Spielszenario in unserer Erinnerung gefestigt. So ließen sich zukünftige Indie-Entwickler möglicherweise inspirieren, weshalb der Markt etwa um Montague's Mount oder auch "The Moon Sliver" bereichert wurde.


Sobald er seine schlichte Behausung verlassen hat, schweifen die Blicke unseres Alter Egos über das weite, im unheilvollen Dunst erstickte Meer. Gleich zu Beginn drängt sich uns die Frage auf, warum wir alleine auf dieser Insel verblieben sind und was mit unseren Artgenossen geschehen sein mag, die kontinuierlich unsere Gedankengänge belasten. Es wäre allerdings eine Schande, wenn ich an dieser Stelle relevante Story-Bestandteile vorwegnehmen würde, da man sich meiner Meinung nach ahnungslos in dieses Abenteuer begeben sollte. "The Moon Sliver" ist wesentlich kompakter gestaltet als ein "Dear Esther", sodass wir stets durch dieselbe triste Wohnsiedlung spazieren, in der wir die einzelnen Hütten nach Hinweisen durchsuchen und später in ein unterirdisches Höhlensystem vordringen. Nach ungefähr 45 Minuten dürfte unsere Reise schon abgeschlossen sein. Der Entwickler hat deswegen darauf verzichtet, eine Speicherfunktion einzubauen. Hierbei mag es sich um einen entbehrlichen Nutzerservice handeln, den ich trotzdem irgendwie vermisst habe. Zwar folgt der Spielverlauf einem eindeutigen Faden, aber dennoch wandelte sich die grundsätzlich grandiose Atmosphäre gegen Ende zum Ärgernis. In der Nacht fühlte ich mich nämlich blind und verloren. Mit Sicherheit wollten die Produzenten exakt diese Wirkung erzielen, doch konnte ich mich aufgrund der zunehmend üblen Wetterverhältnisse innerhalb dieser beklemmenden Dunkelheit kaum mehr orientieren. Insgesamt ist die vom Autor erzeugte Stimmung allerdings bewundernswert - insbesondere die Wanderungen bei Tageslicht erfüllten mich mit Begeisterung. Die dichte Nebelschicht über dem Ozean sowie die tosenden Sandstürme machen das Erkunden der traurigen Einöde zu einem unvergesslichen Erlebnis. Die Geräuschkulisse fügt sich dabei ebenso perfekt in das Geschehen ein wie die gelegentlichen Musikeinspielungen, womit uns "The Moon Sliver" auf subtile, aber beachtliche Weise das Gruseln lehrt - und zwar komplett ohne die Gegenwart jeglicher Schauergestalten.

Bei The Moon Sliver handelt es sich um interaktive Literatur, die der Tradition von Werken wie "Dear Esther" oder "The Novelist" folgt.
Im Großen und Ganzen tritt "The Moon Sliver" in die Spuren des anfangs erwähnten "Klassikers". So handelt es sich um ein literarisches Experiment, das sich nicht mit komplexem Gameplay befassen soll, sondern vielmehr mit der Hintergrundgeschichte, die sich somit eigentlich eher im Vordergrund hält. Während wir uns also von einem Fleck zum anderen bewegen, werden des Öfteren ausführliche oder minder ausführliche Texte eingeblendet, durch die wir grobe Einblicke in die Vergangenheit des Insellebens erhaschen. Außerdem lohnt es sich Bücher, Betten oder sonstige Gegenstände anzuklicken, um Informationen zu erlangen. Damit erringen wir Fortschritte, der Tag verstreicht und die Erzählung fügt sich allmählich zu einem Gesamtbild zusammen. Nur wenige Aufgaben gilt es zwischendurch zu absolvieren: So müssen simple Tastenkombinationen zu Tunneleingängen herausgefunden und einige Schlüssel aufgestöbert werden. Der Rest fällt in die Kategorie "Orientierungsarbeit".

Auch wenn es nicht zur Lösung des Spiels beiträgt, sollte man sich diese Aussicht auf die bedrückende Insel nicht entgehen lassen. Leider kann man die Berge nur bis zu einer bestimmten Höhe besteigen.
"The Moon Sliver" ist ein atmosphärisch und literarisch beeindruckendes sowie bedrückendes Werk, das jedem Liebhaber von Kunst in Adventurespielen uneingeschränkt zu empfehlen ist. Auch der bescheidene Kaufpreis von 3 Euro (Steam, Desura und DRM-frei!) wird wohl niemandem Unbehagen bereiten.

Produzent: David Szymanski
Bislang unterstützte Sprachen: Englisch
Jahr: 2014

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