Mittwoch, 31. Dezember 2014

Werbespiel: Sex Komplex

Sex Komplex

Zum Jahresabschluss möchte ich mich mit einem Thema befassen, das in diesem Blog bisher viel zu stark vernachlässigt wurde: Sex! Beschäftigen wir uns also erneut mit Aufklärung im Werbespielbereich! Die Stammleser werden sich vermutlich noch an meinen Bericht über Let's Talk about... Liebe, Lust und Aids erinnern, das sich zumindest alle Mühe gab, negative Reviews einzuheimsen. Tatsächlich ist dieser Werbetitel dermaßen schlecht, dass man es nicht oft genug erwähnen kann. ;-) In dieser Ära folgte mit "Tim und Nina" zudem der Release eines klassischen 3rd person-Adventures, das sich mit dem populären Promotion Software-Grafikstil schmückte und jüngere Zielgruppen ansprechen sollte. Trotzdem wirkt "Let's Talk about" im Gegensatz zu diesem Machwerk absolut prüde. Kein Wunder, das man nach knapp drei Jahren eine jugendlichere Fortsetzung zu "Tim und Nina" anstrebte, die uns demonstrieren soll, welchen Reifeprozess die Charaktere von damals durchlaufen haben. "Sex Komplex" erschien im Auftrag der Aids Info Docu Schweiz, dem Bundesverband Pro Familia sowie der Deutschen AIDS-Hilfe und widmet sich den Gefahren durch AIDS und Drogen.

Eine Silvesterparty unter Freunden: Wir gelten zwar noch als Außenseiter, haben jedoch den VIP-Pass.
Es ist der 31. Dezember, kurz vor Mitternacht. Zu diesem Ereignis haben einige Jugendliche ihre ehemalige WG belagert, die in naher Zukunft der Abrissbirne zum Opfer fallen soll. Auf der privaten Abschiedsfeier haben sich Nina, Tim, Baba, Kiko, Lukas und Tati eingefunden. Wir schlüpfen allerdings nicht in eine dieser Rollen, sondern müssen uns mit der Rolle des ahnungslosen Außenseiters begnügen, der sich schlichtweg "hier reindigitalisiert" hat. Unsere Gastgeber schenken uns dennoch ihr volles Vertrauen und bieten uns einen exklusiven Einblick in ihre "Experiences" der vergangenen Monate, welche irgendwo zwischen "total super" und "heavy beschissen" angesiedelt waren. Nun stehen uns zwei Tageszeiten zur Wahl, zwischen denen wir nach Belieben wechseln dürfen, aber unabhängig von Breakfast- oder Party-Modus treffen wir in der Küche stets unsere neuen Freunde an. Erst nach einer Weile begriff ich, dass sich die Art der Dialogführung dabei deutlich unterscheidet. Morgens dürfen wir nämlich jeden einzelnen Protagonisten zum Live-Interview bitten, wobei wir detaillierte Auskünfte über dessen Persönlichkeit erhaschen: Hobbys, Sternzeichen, sexuelle Fantasien, und vieles andere mehr.

Nun befinden wir uns im Gespräch mit Nina, die im ersten Teil als weibliche Hauptrolle fungierte.
Am Party-Abend plaudern wir etwas ungehemmter mit den Beteiligten und lassen diese ein Fazit aus ihren Erlebnissen ziehen. Vorab empfiehlt es sich jedoch, eigene Recherchen zu betreiben. Rasch wandeln wir uns zum rücksichtslosen Datenschutzverbrecher und erforschen sämtliche Zimmer dieser mehrstöckigen Villa. Wir durchstöbern die Quartiere nach Schweinkram und Geheimkram und stoßen überall auf umfangreiche Tagebücher, in denen die Ereignisse des gesamten Jahres festgehalten wurden. Jeder WG-Bewohner verfügt also über ein solches Journal - als wäre die Sache abgesprochen gewesen. Klicken wir in der Nahansicht auf einzelne Stichpunkte innerhalb eines Monats, dürfen wir der Stimme des Tagebuchbesitzers lauschen und werden mit dessen Emotionen, Problemen und Verwirrungen konfrontiert. Schnell erkennen wir, dass zudem jeder Person eine eigene Ausdrucksweise verliehen wurde. So amüsieren wir uns etwa über freche Vokabeln aus dem einstigen Raver-Wortschatz. Darüber hinaus umfasst "Sex Komplex" ein breit gefächertes Aufklärungslexikon, das ebenso von jugendlichem Schreibstil (Beispiel "Pimmelstreik"!) zeugt und sich durch seinen ungenierten Umgang mit dem Thema auszeichnet. Im Prinzip ist das Gameplay hiermit schon erläutert. Trotz integrierter Adventure-Elemente entpuppt sich "Sex Komplex" als ein frühes Explorationgame, das keine Rätsel oder Lösungswege beinhaltet. Stattdessen werden pädogogische Werte vermittelt und jegliche Unterhaltungseffekte basieren auf dem Innenleben und der Entwicklung der Hauptakteure. Eventuell könnte man bemängeln, dass die Grafik eher simpel und zweckmäßig scheint und nicht mit dem Vorbild von "Tim und Nina" mitzuhalten vermag. Verglichen mit "Let's talk about..." (Ich kann einfach nicht anders! ;-) ) muten die Charaktere und Hintergründe allerdings wie ein malerisches Kunstwerk an.

Wir stöbern in Babas Tagebuch und dürfen nachempfinden, wie es dem homosexuellen WG-Mitglied in den vergangenen 12 Monaten ergangen ist.
"Sex Komplex" wurde als "Die wahre Soap über Liebe, Lust und safer Sex" angepriesen und tatsächlich wirkt das Spiel wie eine minimalistische Seifenoper der 90er Jahre, welche Mode und Lebensgefühl dieser Zeit repräsentiert. Die Geschichten bleiben stets bodenständig, doch letztlich werden uns typische Fälle von homo- und heterosexueller Liebe, Beziehungskrisen, Freund- und Feindschaften sowie Fremdgehen serviert. Das Besondere ist, dass wir hiervon keine Filme oder Cutscenes zu sehen bekommen, sondern ausführliche Informationen in uns aufnehmen müssen, die wir schließlich automatisch zu einem Gesamtgefüge zusammenreimen. Vermutlich wollte man durch die Synchronisation ein wenig darüber hinwegtäuschen, dass es sich eigentlich um ein überaus textlastiges Spiel handelt. Aber auch das Zuhören erfordert bedingungslose Geduld, die bestimmt nicht jeder aufbringen kann oder will. Somit ist das Format an sich als "Geschmackssache" einzuordnen. Ich persönlich möchte definitiv eine Empfehlung aussprechen, da "Sex Komplex" ein toll inszeniertes und geschriebenes Werbeprodukt darstellt.

Produzent: Bidule 4 AG
Bislang unterstützte Sprachen: Deutsch
Jahr: 1998

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