Samstag, 25. April 2015

Freeware: The Tell-Tale Heart

The Tell-Tale Heart

Mord und Irrsinn liegen manchmal nahe beeinander. Dies hat uns die Horrorliteratur bereits anno 1843 gelehrt. Das wohl beste Beispiel stellt nämlich meiner Meinung nach jener Klassiker unter den schaurigen Kurzgeschichten dar: "The Tell-Tale Heart" von Gruselgroßmeister Edgar Allan Poe, hierzulande auch unter dem Titel "Das verräterische Herz" bekannt. In dieser Erzählung, die mich schon in meiner Jugend zu beeindrucken wusste, berichtet uns ein offensichtlicher Mörder von seiner grausamen Handlung und schwört dennoch auf seine geistige Gesundheit. Sein Mitbewohner, ein alter Herr mit einem seiner Auffassung nach widerwärtigen Auge, löste in unserem Protagonisten äußerst negative Gefühle aus. So hadert dieser zunächst mit seinen Absichten, doch letztlich schreitet er zur Tat und versteckt die Überreste des unschuldigen Mannes unter den Dielen des Zimmerbodens. Hätte er bloß zuvor die Folgen seiner Aktion erahnen können: So vermag zwar das abstoßende Auge verschwunden zu sein, doch das Herz des Opfers pocht unter seinen Füßen beständig weiter... und als die Polizisten eintreffen, um Nachforschungen anzustellen, droht es ihn mehr und mehr aus der Fassung zu bringen.

Und niemals vergessen: "For educational use only."
Das Spiel startet kurz vor dem Besuch jener Gesetzeshüter, die unsere Wohnung begutachten möchten und uns mit neugierigen Fragen belästigen. Denn wir schlüpfen - wie könnte es anders sein - in die Rolle keiner geringeren Person, als die des ursprünglichen Ich-Erzählers aus dem Originalschriftstück. Und nun gilt es sämtliche Beweise zu verbergen und überzeugende Antworten zu wählen, um den Verdacht des jüngst eingetroffenen Feindes von uns abzuwenden. Alternativ können wir zu jedem Zeitpunkt ein Geständnis ablegen. "I confess!" - diese Option dringt sich uns in den Dialogen vehement auf, denn das geschwätzige Herz raubt uns zunehmend den Verstand. Während wir uns durch die mit Unity zum Leben erweckte 3D-Umgebung bewegen, spricht stets die Stimme des Verblichenen zu uns, mit strenger, ermahmender Intonation. Und je länger wir uns vor der Wahrheit sträuben, desto mehr beginnen wir zu halluzinieren: Ist es Wahnsinn oder bloßer Alkoholtaumel? Was auch immer es sein mag, wir haben dagegen anzukämpfen - oder uns zu ergeben. In regelmäßigen Abständen ruft uns einer der ungebetenen Gäste herbei, um ein wenig nachzuhaken. Das Gameplay besteht praktisch aus diesen Unterhaltungen sowie im Einsammeln belastender Beweismittel. Die beiden Polizisten erweisen sich nicht unbedingt als Grafikwunder, da sie innerhalb des dreidimensionalen Szenarios eventuell deplatziert wirken - fehlende nostalgische Denkmuster vorausgesetzt. Ich fühle mich etwa an Der Name des Bruders erinnert, dessen Charaktere ebenfalls wie Pappmaché-Figuren anmuten. Die einzigartige Stimmung, welche uns so gnadenlos aufgezwungen wird, beeinträchtigt dies meiner Ansicht nach nicht. Das Adventure verfügt über eine ideale Atmosphäre und Geräuschkulisse. Darüber hinaus kommen grandiose Sprecher zum Einsatz. Allein die Stimme des toten Mannes erzeugt Gänsehaut und gerade dieser Aspekt sollte bei einer interaktiven Umsetzung der literarischen Vorlage eben deutlich hervorstechen.

So schnell wird der hartnäckige Polizist nicht aufgeben. Doch wer gibt sich zuerst geschlagen?
Allein schon der Satz "Can you hear my  heart?" wird sich in unser Gehirn einfressen und uns eine unruhige Nacht bescheren. SO muss Horror sein. "The Tell-Tale Heart" nimmt uns mit auf einen Ausflug in eine besonders düstere viktorianische Epoche und lässt uns in jene Abgründe der menschlichen Seele blicken, die uns einst von Poe skizziert worden waren - schonungslos tiefgründig.

Produzent: OneBlueEye Studios
Sprache: Englisch
Jahr: 2015

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