Samstag, 19. September 2015

Kommerziell: Neue Abenteuer auf der Schatzinsel

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Neue Abenteuer auf der Schatzinsel"?
Genre: Klassisches Adventure
Vergleichbare Spiele: Redjack - Die Rache der Bruderschaft, Atlantis Evolution
Technische Grundlage: 360 Grad-Bewegungsfreiheit, keine vollständige 3D-Umgebung
Urheber: Kheops Studio
Sprache: Deutsch
Jahr: 2007
Download: Big Fish Games
Kauf der DVD-Box: amazon

Ein Papagei als Fremdenführer? In Adventures klappt das immer!

Story und Schauplatz
Vier Jahre später: Aus dem blutjungen Jim Hawkins, dem als solchem unlängst ein fester Platz in der Protagonistenriege der Weltliteratur zugeordnet wurde, ist inzwischen ein gestandener Mann geworden. Als Kapitän eines Dreimasters segelt er seit jeher über die sieben Weltmeere. Und dennoch scheint ihn das große Abenteuer seiner Jugendtage wieder einzuholen. So wird sein Schiff in unmittelbarer Nähe der Smaragdinsel von einer Gruppe rachsüchtiger Piraten gekapert, die ihm ganz offensichtlich bislang nicht verziehen haben, dass er sie damals erbarmungslos auf der Schatzinsel zurückgelassen hatte. Die Rettung naht schließlich in Gestalt eines farbenprächtigen Papageis, der als treuer Kumpane des lange vermissten Long John Silver auch ein gutes Repertoire an Seemannsliedern beherrscht. Der redselige Genosse hinterlässt ihm einige Hinweise auf einen Schatz, sodass unser Held rasch die Flucht aus der von außen bewachten Kajüte antritt. Jims Reiseziel ist das Kap der Angst, wo er vielleicht schon bald auf alte sowie neue Bekannte treffen und die eine oder andere Truhe aus dem Sand heben wird. Auf diese Weise setzen die Autoren von Kheops das legendäre Werk des unvergessenen Stevenson fort.


Wenn man es nicht besser wüsste... Könnte das nicht ebenso Riven sein?

Puzzles und Gameplay
Im Prinzip lässt sich das Spiel als ein einziges Rätsel verstehen, welches auf mehreren Teilen eines Gedichtes basiert. Um also Puzzles zu absolvieren oder auf bestimmte Items aufmerksam gemacht zu werden, müssen wir uns ständig der Lektüre dieser geheimnisvollen Worte widmen. Haben wir Fragmente dieser Aufgabenstellung bewältigt, werden die entsprechenden Zeilen jener Piratenlyrik automatisch durchgestrichen. Schade nur, dass insbesondere diese ambitionierte Idee die Geschichte zunehmend ad absurdum führt. Immerhin sind die einzelnen Knobeleien stets logisch und vor allem überaus herausfordernd. Die Kombination von Inventargegenständen nimmt dabei keine minder entscheidende Rolle ein, sodass sich das Spiel bald schon als das reine Vergnügen für MacGyver-Heimwerker offenbart. Die Entwickler bezeichnen diese Bastelstränge als "Do it yourself!"-Ketten. Hierbei lassen sich etwa Werkzeuge erzeugen, indem man meist drei Items nacheinander in eine Reihe stellt. Sofern die Abfolge Sinn ergibt, erhalten wir ein neues Objekt. Ein nettes Feature sind zudem die regelmäßigen Knotentricks, die allerdings einfach zu lösen sind. Dabei lernen wir sogar außerhalb des Pfadfinderkurses, wie man etwa einen Franziskanerknoten oder einen Schotstek ordnungsgemäß umsetzt. Gelegentlich unterhalten wir uns mit Nebenfiguren, wozu uns traditionelle Multiple Choice-Dialoge zur Verfügung stehen.

Wer dieses Adventure gespielt hat, kann seine Seefahrerkarriere beginnen.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Die Präsentation lässt sich keineswegs verachten. Kheops gelang es, eine authentische Inselatmosphäre zu schaffen, die sich durch passende Sounduntermalung auszeichnet. Diese lässt uns auch verschmerzen, dass nur selten Musik eingespielt wird. Die idyllische Darstellung der Pirateninsel löste in meinem Kopf ausgeprägte Fernwehgedanken aus, sodass sich das Adventure vor allem als Augenweide entpuppt. Außerdem wurden die ohnehin hinreißenden Hintergrundgrafiken um wunderschöne Animationen bereichert. Da sieht man unvermutet einen winzigen Leguan durch die Szenerie huschen oder darf den Tanz der Insekten beäugen. Der Ozean sowie kleinere Flüsse auf dem Plateau des Eilands erfreuen sich ebenso ständiger Bewegung. Weniger gefiel mir hingegen das menschliche Charakterdesign, wobei es sich dennoch recht gut in die Gesamtumgebung einfügt. Leider vermochte mich ausgerechnet unser Alter Ego Jim Hawkins, dessen Gesicht bei jedem von ihm ausgesprochenen Kommentar auf dem Monitor erscheint, in seinen Grundzügen eher an eine Frau zu erinnern. 3D-Filmsequenzen wurden in nahezu allen Fällen vermieden. Stattdessen wurden Illustrationen auf antikem Pergamentpapier eingeblendet, die das Geschehen statisch demonstrieren - ein konsequentes Stilmittel, zumal es sich bei "Neue Abenteuer auf der Schatzinsel" um eine Hommage an ein literarisches Schriftstück handelt.


Auf einer einsamen Insel kann sogar eine berühmte Romanfigur herumknutschen, ohne dass die Tratschmagazine Wind davon bekommen.

Fazit
Tatsächlich schürt das Spiel zu Beginn noch gewisse Erwartungen, die danach jedoch allmählich verpuffen. Je mehr ich mich dem Finale näherte, desto weniger erhoffte ich mir von dieser lieblos konstruierten Fortsetzung eines literarischen Klassikers. Von den agierenden Charakteren konnte mich lediglich der Papagei überzeugen, der zumindest etwas Wortwitz ins Spiel brachte - ansonsten blieben die zahlreichen Dialoge unmotiviert und ließen zudem kaum Humor anklingen. Tiefgründigkeit sucht man ohnehin vergeblich und auch die anfangs recht hübsch eingefädelten Gesangseinlagen ("Hohoho, and a bottle of rum!") gingen mir irgendwann gewaltig auf die Nerven. Dass Piratengeschichten dem Genre des 3rd person-Adventures vorbehalten sind, scheint Kheops eindeutig belegen zu wollen. Dabei hat Cyberflix mit der Veröffentlichung von "Redjack" bewiesen, dass dieser Vorurteil nicht zwangsläufig zutreffen muss. "Neue Abenteuer auf der Schatzinsel" empfehle ich hingegen nur Leuten, die sich gerne mit kniffligen Rätselketten befassen und die verbleibenden Aspekte auch mal ignorieren können.

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