Samstag, 28. November 2015

Kommerziell: Payroll

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Payroll"?
Genre: Exploration, Simulation
Vergleichbare Spiele: The Stanley Parable
Technische Grundlage: Moderne 3D-Umgebung mit 360 Grad-Bewegungsfreiheit
Urheber: Astrojone, GZ Storm
Sprache: universal, keine Texte vorhanden
Jahr: 2015
Download: itch.io

In den 90ern hing man sich Fotos von Katzenbabys noch ins Büro, heute sucht man sie im Internet.

Story und Schauplatz
Mit unerschöpflichem Ehrgeiz nähen wir uns jenem Wolkenkratzer, in dessen Geschäftsräumen wir uns eine neue Lebensgrundlage aufbauen werden. Wir sind bereit, den ersten Tag im Unternehmen unserer Träume zu bestreiten und so gleicht die Fahrt mit dem Aufzug einem Aufstieg in höhere Sphären des Universums. Kaum haben wir die elysischen Gefilde erreicht, stürmen wir unserem hinreißenden Arbeitsplatz entgegen, um diesen zunächst einmal nach Belieben einzurichten. Sobald dieser erste Schritt vollzogen ist, streben wir erwartungsvoll nach neuen Herausforderungen. Folglich lassen wir wichtige Dokumente durch den Kopierer gleiten oder "reparieren" den defekten Süßwarenautomaten, indem wir einige meisterhafte Fußtritte anwenden. Dank unserer einsatzfreudigen Art erfahren wir eine Menge Zuspruch von unseren Kollegen. In jenen jungen Jahren scheint unsere Fehlerquote makellos. Allmählich treten jedoch andere Zeiten an uns heran und die Computermonitore von einst werden durch schlanke Flachbildschirme ersetzt. Auch unsere Sehkraft lässt nach, sodass uns der Optiker eine Brille verordnet. Außerdem müssen wir uns langsam an den Gedanken gewöhnen, dass jede Ära eines Tages vorüberstreicht und dass Menschen, unabhängig von ihrem Talent und Eifer, letzten Endes austauschbar sind.


Sobald man sich Erleichterung verschafft hat, kann man seinen Arbeitstag wesentlich entspannter angehen.

Puzzles und Gameplay
Das Gameplay basiert in erster Linie auf simplen Anweisungen, die wir strikt zu befolgen haben. Hierzu müssen wir bloß beachten, welches Gesicht oder welcher Gegenstand auf dem Monitor in unserer Büroecke aufleuchtet. Dieser signalisiert uns etwa, dass wir einen Botengang erledigen müssen. Auf unserem Tisch wurde dann meist schon ein Item hinterlegt, beispielsweise eine Diskette, deren Inhalt für eine bestimmte Person von Interesse ist. Zum Aufgabenspektrum zählt allerdings auch die fachgerechte Entleerung der Blase sowie die morgendliche Kaffeesession. Was immer auf der To-Do-Liste des Windows 95-Operating Systems aufflackert, gilt ordnungsgemäß absolviert zu werden. Und sobald wir die Aufzugstüren auf dem Bildschirm erhaschen, dürfen wir endlich den Heimweg antreten. Die von uns durchlebten Tage erstrecken sich über mehrere Generationen, bis schließlich der Ruhestand sowie das "Retirement Ending" droht. Eine Übersichtstafel zeigt nun an, welchen Eindruck wir innerhalb unserer Amtsperiode hinterlassen haben. Jegliche Formen des Fehlverhaltens werden mit Punktabzügen bestraft und korrektes Betragen mit Pluspunkten belohnt. Somit wird "Payroll" in den Deckmantel einer Simulation gehüllt. Die Macher hingegen versprechen außerdem Eastereggs und alternative Lösungswege - oder allgemein die Chance, den geordneten Verhältnissen zu entfliehen. Und damit wandeln sie umso mehr auf den Spuren von "The Stanley Parable". Wir müssen hierzu den Regeln trotzen und das eigene Gehirn bemühen, indem wir etwa verborgene Items aufspüren und diese an geeigneter Stelle zur Anwendung bringen. Diese integrierten Geheimnisse treiben unseren Forscherdrang an und verleihen "Payroll" im Rahmen seiner 20minütigen Spielzeit eine zusätzliche Komik.


Wer die Geburtstagsparty des Chefs versäumt, kann kein guter Mitarbeiter sein.

Musik, Grafik, Atmosphäre
In "Payroll" unternehmen wir eine Zeitreise, die authentischer nicht sein könnte. Man könnte es wahrhaftig mit einem Spiel aus den 90ern verwechseln. Der Grafikstil bewegt sich irgendwo zwischen "Ken's Labyrinth" und Normality - eine antiquierte, grobklötzige 3D-Umgebung also, die weniger auf Details bedacht ist. Sofern man die vergangenen zwanzig Jahre nicht im Tiefschlaf zugebracht hat, fallen einem die schäbigen Farbverläufe der Wände, Teppiche oder Badezimmerfliesen sofort ins Auge. Mit dem Anblick der Figuren muss man sich eventuell eine Weile vertraut machen, doch lassen sich hinter diesen überpixelten Gestalten durchaus verschiedene Typen von Büroangestellten erkennen. Die Musik beruht auf  einer eintönigen Midi-Komposition, welche stets gemächlich dahinträllert. Mit der Geräuschkulisse haben die Autoren ein ebenso albernes wie geniales Spiel getrieben. Überall begegnen uns diese äußerst bizarren Sounds, deren Laute uns heute eher kryptisch anmuten. Besonders lustig erscheint dieser Aspekt im Dialog mit Kollegen, der natürlich komplett unverständlich bleibt und niemals übersetzt wird. Sämtliche Konversationen erinnern vielmehr an die Lagebesprechung zweier Braunbären, die sich in Kürze auf Beutefang begeben werden. Wer der englischen Sprache nicht mächtig ist, muss demnach keine Bedenken hegen: "Payroll" läuft gewissermaßen stumm ab - von der erwähnten Punktetafel am Spielende einmal abgesehen.


Das Ergebnis meines ersten Spieldurchlaufs. Kein Mitleid bitte!

Fazit
Mit "Payroll" ist den Entwicklern eine liebenswerte Parodie auf das Büroleben anno 1995 gelungen, die von realitätsnahem Zynismus geprägt ist. Die ständige Verschwiegenheit der Charaktere regt zudem die Interpretationsfreudigkeit des Spielers an, wohingegen Synchronisation oder Bildschirmtexte garantiert so manche Botschaft vernichtet hätten. Somit handelt es sich um ein Semi-Explorationgame, desssen Sprache jeder verstehen kann und dessen Motive vermutlich die meisten Leute nachvollziehen können. Darüber hinaus beträgt der Kaufpreis lediglich einen winzigen Dollar, sodass man sich über das Preis-Leistungsverhältnis wirklich nicht den Kopf zerbrechen muss. Und wer "Payroll" zukünftig gerne auf Steam erwerben möchte, sollte bei Greenlight seine Stimme abgeben.

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