Samstag, 12. Dezember 2015

Kommerziell: Jazzpunk

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Jazzpunk"?
Genre: Klassisches Adventure
Vergleichbare Spiele: Return to ZorkNormality
Technische Grundlage: Moderne 3D-Umgebung mit 360 Grad-Bewegungsfreiheit
Urheber: Necrophone Games
Sprache: Englisch
Jahr: 2014
Download: Steam --- Website

"It's a new thing, it's a fun thing, it's a Swing Wing... IT'S A WHAT???"

Story und Schauplatz
Nachdem Polyblanks nahezu geigenförmiger Körper im Inneren einer Instrumentenhülle ins Land geschmuggelt wurde, schleicht der gewiefte Geheimagent die Unterführung des Darlington-Bahnhofs entlang. Dort folgt er den energischen Lauten, die von einer hemmungslos herumtippenden Sekretärin verursacht werden. Der schnauzbärtige Direktor hat Polyblanks Ankunft bereits erwartet, wie das Furzkissen auf dem Besucherplatz vermuten lässt. Bevor sich der alte Komiker zur Befriedigung seiner Leidenschaften in den Weinkeller verkriecht, weiht er seinen Untergebenen in die erste von vier Missionen ein. So gilt es, das sowjetische Konsulat zu infiltrieren, was für einen Pionier der Spionagekunst einem Spaziergang gleichkommt. Von nun an begleiten wir Polyblank auf seiner Reise in verschiedene Ecken der Welt und treffen dabei auf zahlreiche zwielichtige Gestalten, die allesamt tölpelhafte Wesenszüge aufweisen. "Jazzpunk" bietet uns absurde Einblicke in eine alternative Realität, die von der Zeit des kalten Krieges geprägt wurde. Unser Protagonist wird folglich mit politischen Verschwörungen konfrontiert, die er durch unkonventionelle Methoden zu vereiteln sucht.


Hier begeben wir uns in mit der Fliegenklatsche auf Mückenjagd und verhalten uns dabei wie der Elefant im Porzellanladen. Selbst wenn jede einzelne Vase dabei zu Bruch geht, werden wir die Quest bestehen.

Puzzles und Gameplay
Das integrierte 3D-Inventar entspricht nicht gerade dem klassischen Genre-Standard und ausgeklügelte Dialogsysteme wurden komplett ignoriert. Nebenfiguren reden stets mit uns, wir aber nicht mit ihnen. Im Idealfall offenbaren sie uns wertvolle Hinweise, wobei vielleicht 60-70 % aller Gesprächspartner bloß der Belustigung dienen. Bei "Jazzpunk" halten sich die Herausforderungen allgemein in Grenzen. Um etwa in die Küche eines Sushi-Lokals vorzudringen, müssen wir einen Angestellten überwältigen, der an einer unheilbaren Arachnophobie leidet. Sobald uns diese Information übermittelt wurde, reichen uns die Entwickler aus dem Nichts heraus ein verschließbares Einmachglas. Daraufhin wird die Zahl der Spinnen eingeblendet, die wir fortan einsammeln und anschließend als Druckmittel verwenden dürfen. Nicht jedes Rätsel ist dermaßen simpel gestrickt, doch meist wird der Schwierigkeitsgrad durch Witz und Kreativität verdrängt. Das sorgfältige Erkunden der großen Areale trägt kaum zur Lösung des Spiels bei, enthüllt allerdings manche Geheimnisse, die man schlichtweg nicht verpassen darf. Alberne Sidequests sowie noch albernere Arcardesequenzen warten darauf, gemeistert zu werden. So müssen wir in einem mit Salamischeiben gepflasterten Wald nach alter Shooter-Tradition die Angriffe einer Gruppe äußerst laktosehaltiger Zombies abwehren, indem wir sie mit flinken Schneidewerkzeugen in ihre Proteine zerlegen. Wer nach dieser Sequenz keinen Heißhunger auf Pizza verspürt, kann sich zudem in "Wedding-Quake" behaupten, indem er die Korken von Champagner-Flaschen gegen die Köpfe seiner Gegner prallen lässt oder das Hochzeitstortengewehr zum Einsatz bringt.


Mit Perücke und Lippenstift ist die Tarnung perfekt: Wir sind undercover als Frau unterwegs und dürfen nebenbei attraktiven Männern ein Küsschen aufdrücken.


Musik, Grafik, Atmosphäre
Grafisch entpuppt sich "Jazzpunk" als ein eher fröhliches Adventure, dessen schrille Farbgebung uns in positive Stimmung versetzt - obgleich Klischees des Film Noir ebenso enthalten sind. Da die Geschichte allerdings recht oberflächlich ausgearbeitet wurde und sich von seelischen Abgründen geschickt distanziert, erachte ich derartige Eigenschaften als nebensächlich. Die 3D-Szenarien wurden in hübscher Cartoon-Manier gestaltet und vermitteln mitunter einen gar paradiesischen Flair. Die Charaktere erinnern an Figürchen aus einem Gesellschaftsspiel und weisen keine erkennbaren Gesichtszüge auf, wohingegen man sie an Merkmalen wie Frisuren, Kleidung, Sonnenbrillen oder aufgetragenem Lippenstift durchaus in gewisse Schubladen einzuordnen vermag. Trotz ihrer starren Erscheinung bleiben sie ständig in Bewegung und verhalten sich scheinbar wie echte Menschen. In Kai Tak tummeln sie sich sogar vor dem Sprungbrett, um nacheinander ins kühle Nass zu hüpfen. Das Open World-Prinzip erlaubt es uns übrigens, dasselbe zu tun und den Punkt der Landung selbst zu bestimmen. An Atmosphäre scheint es niemals zu mangeln, was nicht zuletzt der lebhaften Darstellung dieser Welt zu verdanken ist. Tauben fliegen über uns hinweg, ein Schwein auf Rädern rollt den Asphalt entlang und die Rufe der Passanten vermischen sich mit der eher schlichten Musikuntermalung, die sich mit ihren irrwitzigen und mechanischen Klängen aber perfekt in die Absurdität von "Jazzpunk" einfügt. Oftmals werden diese Melodien durch die rege Geräuschkulisse übertönt, wobei das Zusammenspiel der akustischen Elemente stets wunderbar gelingt. Die Sprachausgabe wird häufig dahingenuschelt, was wohl beabsichtigt scheint. Eine Übersetzung in Form von exakten Untertiteln wird uns darüber hinaus verweigert. Als Alternative dient ein verkürzter Text in großen Lettern, der manchmal nur die grobe Aussage eines Satzes erläutert. Obwohl auf diese Weise auch Gags untergraben werden, bleiben diese sparsamen Schriftzüge urkomisch und sind selbst bei geringen Englischkenntnissen gut verständlich. Besonders ist jedoch die herrliche Synchronisation hervorzuheben, die gleichermaßen auf stereotypen Vorstellungen basiert. Junge Damen plaudern meist mit der Stimme eines Kosmetikpüppchens, während der Redeschwall männlicher Agenten einem nach außen gekehrten Magengrummeln ähnelt. In einem Kinosaal werden wir zudem mit Original-Filmmaterial aus den 60er Jahren beglückt. Dieser furchtbar bizarre Vintage-Werbeclip hätte wirklich aus dem Ideenarsenal von Necrophone Games stammen können - aber nein, ein Kinderspielzeug namens Swing-Wing ist tatsächlich innerhalb unserer Zeitlinie entstanden.


Ob Pediküre oder Kissenschlacht: Im Penthaus müssen wir uns um das Wohlergehen junger Damen kümmern.

Fazit
Es funktioniert einfach nicht! Es funktioniert nicht, eine halbe Stunde "Jazzpunk" zu spielen, ohne sich dabei vor Lachen auf dem Boden zu wälzen. Der ebenso infantile wie geniale Humor ist die Essenz, welche dem schrägen Adventure seine Unnachahmlichkeit verleiht. Obgleich die vereinzelten Abschnitte eher wie eine Aneinanderreihung unabhängiger Episoden anmuten, machen die Entwickler von Necrophone Games doch alles richtig. "Jazzpunk" ist einfach grandios bescheuert - ich liebe es.

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