Samstag, 26. Dezember 2015

Kommerziell: Weird Island

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Weird Island"?
Genre: Klassisches Adventure
Vergleichbare Spiele: Monday Adventure, Shadowgate
Technische Grundlage: Slideshow-Format
Urheber: Kevin A. Lee
Sprache: Englisch
Jahr: 1992
Download: dosgames.com (Shareware)


Gut... dieser offensichtliche Tippfehler im Titelscreen hätte nicht passieren müssen.

Story und Schauplatz
Bei seiner morgendlichen Zeitungslektüre stolpert unser Alter Ego über einen Artikel, der für ihn von großer Bedeutung ist. Dieser handelt nämlich von einem Tropenparadies, das nach einem Zeitraum von 100 Jahren stets den Besitzer wechselt. Da sich unter den Begründern des besagten Inselreiches auch Urahnen unseres Protagonisten befinden, darf dieser nun die verheißungsvolle Erbschaft antreten. Zuvor müssen jedoch einige Hindernisse beseitigt werden. Zunächst einmal scheint der bisherige Eigentümer spurlos verschwunden zu sein, sodass der Nachfolger wohl persönlich nach dem Rechten sehen muss. Kaum aber hat dieser den einheimischen Hafen erreicht, wird ihm der Ernst der Lage umso mehr bewusst: Ein herrschsüchtiger Tyrann, der den passenden Namen Hemorroides trägt, hat die Insel gewaltsam an sich gerissen. Somit muss unser Held seine neue Heimat vor dem Untergang bewahren und sich fortan mit einem wilden Bären, den Bewohnern eines Eingeborenendorfes oder dem infantilen König eines gigantischen Sandschlosses befassen.


Der Angler kann sich zwar keine eigene Matrjoschka leisten, findet aber in seinen Schachteln einen guten Ersatz.

Puzzles und Gameplay
Die etwas umständliche Steuerung wird durch die parallele Verwendung von Maus und Tastatur ermöglicht. Es existiert ein Verben-Interface, das nach Belieben allein durch Tastenkürzel kontrolliert werden kann. Um eine gebildete Befehlskette zu bestätigen, muss leider jedes Mal die Eingabetaste gedrückt werden. Trotz der Abwesenheit eines Parsers erinnert "Weird Island" in mechanischer Hinsicht an klassische Textadventures. Die Kapazität des Inventars ist begrenzt, obgleich dieses unerwartet viele Gegenstände aufnehmen kann. In jedem Szenenbild dürfen Items durch einen Klick auf "Drop" nach Lust und Laune abgelegt werden. Allerdings wird auch eine Menge Unfug mit unnützen Items betrieben, sodass etwa ein Eimer mit Loch (Karl-Otto, Karl-Otto...) eingesackt werden kann, obwohl er keinen Zweck erfüllt. Solche "Red Herrings" sorgen jedoch im Sinne eines Running Gags für zusätzliche Komik, wie man schon beim Angler erkennt, der uns mit ineinandergesteckten Schachteln zum Narren hält. Pixelhunting wird zumindest geschickt verhindert, da wir die Hintergrundgrafik selbst nicht nach Details absuchen können. "Räume" werden durch Richtungspfeile gewechselt, die von einem Inventar- sowie einem Objektfenster umgeben sind. Zwischen diesen Interface-Bestandteilen erfolgt ein reger Austausch. Beide werden als Listen dargestellt, wobei "Take" ein Fundstück im linken Fenster (Gepäckablage) und "Drop" ein ausgedientes Sammelobjekt im rechten Fenster (jeweiliger Raum) erscheinen lässt. Letzteres erlaubt zudem Interaktionen mit Personen, Türen, Statuen oder Palmen, wodurch "Weird Island" äußerst übersichtlich bleibt. Die Dialoge mit Nebenfiguren erläutern zwar die wesentlichen Elemente der Geschichte, sind an Kürze und Oberflächlichkeit aber kaum zu überbieten. Um die Handlung komplett nachvollziehen zu können, muss also zwangsläufig die anno 1992 standardgemäße Readme-Datei konsultiert werden. Der Schwierigkeitsgrad kann als ausgewogen betrachtet werden: Neben relativ offensichtlichen Inventarrätseln mangelt es dem Spiel keineswegs an kniffligeren Aufgaben, die absolute Konzentration erfordern.

Ein Farben-Puzzle in einem praktisch farblosen Spiel? Das ist beinahe ein Geniestreich.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Das leicht unheimlich anmutende Titelbild wird von einem PC Speaker-Gequietsche begleitet, auf das ich gerne verzichtet hätte. Glücklicherweise handelt es sich dabei auch um das einzige "Musikstück" im Spiel, sofern man dieses akustische Grauen tatsächlich als solches bezeichnen möchte. Fortan lassen sich lediglich noch vereinzelte Geräusche vernehmen. Darüber hinaus ist "Weird Island" fast ebenso stumm wie statisch und präsentiert sich damit vielmehr als später Textadventure-Verschnitt. Einen besonderen Charme erlangt es hingegen durch seine düsteren, aber detailreich gestalteten Sepia-Grafiken, obgleich diese manchen Spieler in eine schwere Depression zu stürzen vermögen. Somit kommt es zu einer interessanten Verfremdung der tropischen Einblicke, was in einem eher lustigen Abenteuer vielleicht fehl am Platze scheint. So streng möchte ich allerdings nicht urteilen, da mich der Flair dieser Bilder durchaus beeindruckt.

Der König des Sandschlosses sucht nach einem spannenden Spielzeug.

This program is shareware
Das Spiel wurde zu seiner Zeit als Shareware-Produkt veröffentlicht und kursiert als solches nach wie vor im Internet. Dennoch ist es vollständig spielbar und nicht mit einer Demoversion zu verwechseln. Kevin A. Lee bittet uns jedoch darum, die Registrierung durchzuführen. Im Gegenzug verspricht er diverse Bonus-Features, unter anderem ein zweites und besseres Adventure namens "Downtown".

Fazit
"Weird Island" kenne ich nun bereits seit etwa 15 Jahren und krame es heute noch gerne hervor. Es mag auf viele Leute abstoßend wirken und man muss bekennender Nostalgiker sein, um sich auf das schräge Inselerlebnis einzulassen. Zudem hinterlässt vor allem das abrupte Ende einen faden Nachgeschmack. Trotzdem weist das Adventure eine ordentliche Erzählstruktur auf, die fast schon von ICOMs "Shadowgate" inspiriert sein könnte, und die humorvolle Geschichte ist von originellen Ideen geprägt.

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