Samstag, 23. Januar 2016

Kommerziell: Missing: An Interactive Thriller - Episode 1

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Missing: An Interactive Thriller"?
Genre: Klassisches Adventure, Quicktime-Events, Episodenformat
Vergleichbare Spiele: Star Trek - Borg, Urban Runner
Technische Grundlage: Interaktiver Film (Full Motion Video)
Urheber: Zandel Media
Sprache: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, etc.
Jahr: 2015
Download: Steam

Es ist schon eine merkwürdige Auswahl an Begriffen, die es bei diesem Suchrätsel zu finden gilt.

Story und Schauplatz
In einer Großstadt ereignen sich merkwürdige Zwischenfälle. So zählt etwa Familienvater David Newscastle zu einer Reihe verschollener Personen, nach deren Aufenthalt seit geraumer Zeit gefahndet wird. Auch Detective Lambert tappt bisweilen im Dunkeln und ahnt nichts von jenen Fertigungshallen, in die sein alter Freund Newscastle verschleppt wurde. Es scheint, als stände dieser unter der Kontrolle machtbesessener Sadisten, die ihn mit boshaften Psycho-Spielchen zu peinigen gedenken. Somit wird das Entführungsopfer gewissermaßen zur Flucht aufgefordert, wozu er insbesondere seine Kräfte schonen und seinen Verstand einschalten muss. In den folgenden fünf Kapiteln helfen wir dem verzweifelten Protagonisten, seinem unsichtbaren Feind zu entkommen und schlüpfen mitunter in die Rolle des ermittelnden Detectives.

Wird Lambert herausfinden, was mit seinem Freund geschehen ist?

Puzzles und Gameplay

Es gilt also, diverse Aufgaben zu meistern, damit sich unser gebeutelter Held von seinen Ketten befreien und aus dem ungemütlichen Kellerverlies fortstehlen kann. Doch sobald uns dies gelungen ist, müssen wir schrittweise in weitere Bereiche und Etagen des besagten Gebäudes vordringen. Jede dieser äußerst kurz bemessenen Etappen lässt sich schon als eigenständiges Kapitel verstehen, in dessen Verlauf man nur bedingt gefordert wird. Der Schwierigkeitsgrad der Rätsel scheint vorrangig auf Genre-Einsteiger zugeschnitten zu sein. So dürfen wir etwa Papierschnipsel aufstöbern, um diese zu einem Wortsuchrätsel zusammenzufügen. Letzteres muss mit einem Textmarker absolviert werden, um einen neuen Hinweis zu erlangen. Laufende Filmsequenzen werden manchmal durch Quicktime-Events unterbrochen, die unser Reaktionsvermögen beanspruchen. Hierzu wird ein QTE-Kreis eingeblendet oder sogar mehrere zur Auswahl gestellt. Binnen weniger Sekunden muss der jeweilige Aktionsring angeklickt werden, wodurch zum Beispiel ein Ausweichmanöver eingeleitet wird. Es besteht allerdings kein Grund zur Panik, da unsere Spielfigur nicht sterben kann und versäumte QTEs lediglich leicht abgeänderte Cutscenes zur Folge haben. Der Benutzerkomfort hinter "Missing" lässt sich nicht verachten. Das Adventure speichert den Spielstand stets selbständig und ermöglicht eine reibungslose Steuerung in traditioneller Point and Click-Manier. Mit gedrückter Maustaste können Türen oder Schubladen geöffnet sowie geschlossen werden, wohingegen Items aus der Inventarleiste auf Objekte im Szenenbild gezogen werden.

David irrt durch die staubigen Gänge der geheimnisvollen Fabrik.

Musik, Grafik, Atmosphäre
In den vergangen Jahren scheint dem FMV-Adventure eine Renaissance vergönnt zu sein. So fühlten sich etwa die Produzenten von "Missing" dazu verpflichtet, ihre Miniserie diesem alten Phänomen anzupassen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, zumal die zahlreichen Filmsequenzen von hoher Qualität zeugen. Es lässt sich nicht bestreiten, dass "Missing" die Interactive Movies der 90er Jahre aus technischer Sicht weit übertrifft. Da der Fokus der Erzählung stets auf die Charaktere gerichtet ist, treten diese mit jeder Cutscene persönlich in Erscheinung. So agieren in Episode 1 nur sehr wenige Schauspieler vor der Kamera, die dort keineswegs negativ auffallen. Zumindest die Darsteller von Newscastle und Lambert konnten ihr Talent eindrucksvoll beweisen. Spielbare Szenen werden aber aus der Egoperspektive gesteuert, wobei wir uns im klassischen Slideshowformat durch einzelne Standbilder klicken. Musikalisch setzen die Leute hinter Zandel Media auf Klänge im Stil des Film Noir, die sich toll in die Atmosphäre einfügen. Insgesamt besticht "Missing" also durch solides Filmhandwerk.

Das Finale lässt keine Action vermissen.

Fazit
Die Debüt-Episode bietet eine Spieldauer von ungefähr 45 Minuten, was sich bei einem Kaufpreis von 3,99 Euro nicht bemängeln lässt. Bedauerlicherweise müssen wir uns wohl noch etwas gedulden, bis sich die Geschichte zufriedenstellend entfalten kann. Innerhalb dieses Ausbruchszenarios bleibt uns keine Zeit, um uns den handelnden Protagonisten anzunähern und Freundschaft mit ihnen zu schließen. Lediglich das große Elend, welches die Akteure glaubhaft vermitteln konnten, schafft ein Mindestmaß an Identifikationspotential. Als Hommage auf das legendäre Interactive Movie der 90er Jahre funktioniert "Missing" bisweilen gut, obgleich nicht auf moderne Eigenschaften verzichtet wurde - sei es das zugrunde liegende Serienformat oder die Einbeziehung von Quicktime-Events. Nun dürfen die Entwickler gerne noch an der Komplexität ihres Thrillers feilen.

Samstag, 16. Januar 2016

Kommerziell: The Beginner's Guide

Allgemeine Grundlagen: Was ist "The Beginner's Guide"?
Genre: Exploration, Interactive Storytelling
Vergleichbare Spiele: The Stanley Parable
Technische Grundlage: Moderne 3D-Umgebung mit 360 Grad-Bewegungsfreiheit
Urheber: Everything Unlimited
Sprache: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch
Jahr: 2015
Download: Steam --- Website

Hier gilt es, eine gigantische Treppe zu erklimmen.

Story und Schauplatz
In dieser Geschichte konfrontiert uns "The Stanley Parable"-Schöpfer Davey Wreden mit einigen persönlichen Ereignissen aus seiner Vergangenheit. Im Mittelpunkt dieser Rückblende steht seine Freundschaft zu einem einzelgängerischen Gamedesigner namens Coda, dessen Spiele niemals einem breiten Publikum vorgestellt wurden. Coda zählt nämlich zu jenen Menschen, die sich mit vielversprechenden Werken befassen, um sie letztlich in der Schublade verschwinden zu lassen - oder in einem stillen, abgeschiedenen Ordner auf der eigenen Festplatte. Einzig Wreden war der Einblick in besagte Fragmente aus Codas Schaffensperiode vergönnt. Jene Welten, die er erkundete, erwiesen sich bald schon als Spiegel der Seele Codas. Im Jahr 2011 geschah es jedoch, dass dieser unverhofft zerbrach. Coda entwickelte plötzlich keine Spiele mehr. Nie wieder. Doch eines Tages erwägte Davey Wreden, der Erfinder von "The Stanley Parable", sämtliche dieser kleinen spielbaren Episoden in Form einer interaktiven Dokumentation zusammenzufassen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. In den folgenden 17 Kapiteln lernen wir also die Stationen der Reise eines Spieleproduzenten kennen, die an Eigensinnigkeit kaum zu überbieten sind. Begleitet wird diese Exkursion von der Stimme des "The Stanley Parable"-Schöpfers Davey Wreden (Ja, ich mag das Spiel wirklich!), welcher die häufig winzigen Spielabschnitte bis ins geringste Detail kommentiert. Der Egoperspektive wurde dabei eine eher ungewöhnliche Funktion zugedacht: Wir schlüpfen weder in die Rolle eines uns bekannten, noch eines anonymen Charakters, sondern agieren als Beobachter auf der Meta-Ebene. Teilweise fühlen wir uns womöglich als unbedeutender Betatester, der sich in einem narrativen Gedankendschungel verirrt.


In diesem Haus begegnen wir einer Person, die uns das Putzen und Aufräumen lehren wird.

Puzzles und Gameplay
"The Beginner's Guide" entpuppt sich rasch als reines Explorationgame, das nicht den Ansatz einer Herausforderung bietet. So gilt es lediglich, Wredens Anordnungen zu befolgen, die eindeutiger nicht sein könnten. Manchmal blockiert ein simples Schalterrätsel unseren Weg, das sich auf die immer gleiche Weise bewältigen lässt. Warten wir eine Weile, wird uns selbst hierzu die Lösung aufgedrängt. Etwas origineller wirken dagegen die Multiple Choice-Dialoge in Chatroom-Manier, die skurrile Konversationen mit anonymisierten Protagonisten ermöglichen. Die Auswahl einer Textzeile beeinflusst allerdings niemals den Spielverlauf. Während wir bei "The Stanley Parable" ständig Entscheidungen fällen mussten, handelt es sich bei "The Beginner's Guide" um ein durchweg lineares Vergnügen, das sogar Steam-Achievements vermissen lässt.


Eine riesige Tür steuert auf das Raumschiff zu. Können wir die Kollision verhindern?

Musik, Grafik, Atmosphäre
Die jeweiligen Abschnitte wurden mit unterschiedlichen Grafikstilen in Szene gesetzt. Anfangs sind diese Areale von einer äußerst minimalistischen Machart geprägt, doch im späteren Verlauf wird die Coda'sche Ästhetik einer Wandlung unterzogen. Nach einiger Zeit weisen seine Landschaften und Inneneinrichtungen einen deutlich höheren Detailgrad auf und knüpfen damit umso mehr an die grafische Qualität von "The Stanley Parable" an. Die stets geheimnisvolle Atmosphäre vermittelt trotz Anwesenheit des Erzählers ein Gefühl von Einsamkeit, was der Intention des Spiels zuträglich ist. Ebenso ideal fügen sich die rege Geräuschkulisse sowie die unregelmäßig einsetzende Musikuntermalung ins Geschehen ein. Besondere Erwähnung verdient zudem die englische Synchronisation, die sich wohl tatsächlich dem wahren Davey Wreden zuordnen lässt. Dieser meistert also auch seine Aufgabe als Sprecher mit Bravour. Deutsche Untertitel lassen sich übrigens nach Belieben einblenden.


Das beängstigende Ausmaß dieser makellosen Hallen erfüllt uns mit Einsamkeit.

Fazit
So legendär "The Stanley Parable" auch gewesen sein mag, war es nur der erste Streich eines unermüdlichen und schlichtweg grandiosen Spieleproduzenten. Mit "The Beginner's Guide" liefert Wreden ganz souverän einen weiteren Meilenstein ab, der überraschenderweise einen komplett anderen Pfad einschlägt. Der nicht minder ausgereifte Nachfolger besticht ebenso durch unnachahmliche Situationskomik der Marke Stanley, ohne es damit jedoch auf die Spitze zu treiben. Während ich zu Beginn noch häufig lachen konnte, erschien mir die Wanderung durch das finale Kapitel schier unerträglich. An einem gewissen Punkt wird uns nämlich bewusst, dass wir nicht bloß das Werk eines kreativen Verstandes in Augenschein genommen haben, sondern zudem in die Untiefen einer erkrankten Seele vorgedrungen sind. Durch die aberwitzige Thematisierung zahlreicher Fragen des modernen Gamedesigns wird "The Beginner's Guide" zugleich zum bedeutsamen Zeugnis einer Generation von Spieleschaffenden, die Gameplay-Experimenten und narrativen Erlebnissen gegenüber aufgeschlossen ist.