Samstag, 16. Januar 2016

Kommerziell: The Beginner's Guide

Allgemeine Grundlagen: Was ist "The Beginner's Guide"?
Genre: Exploration, Interactive Storytelling
Vergleichbare Spiele: The Stanley Parable
Technische Grundlage: Moderne 3D-Umgebung mit 360 Grad-Bewegungsfreiheit
Urheber: Everything Unlimited
Sprache: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Russisch
Jahr: 2015
Download: Steam --- Website

Hier gilt es, eine gigantische Treppe zu erklimmen.

Story und Schauplatz
In dieser Geschichte konfrontiert uns "The Stanley Parable"-Schöpfer Davey Wreden mit einigen persönlichen Ereignissen aus seiner Vergangenheit. Im Mittelpunkt dieser Rückblende steht seine Freundschaft zu einem einzelgängerischen Gamedesigner namens Coda, dessen Spiele niemals einem breiten Publikum vorgestellt wurden. Coda zählt nämlich zu jenen Menschen, die sich mit vielversprechenden Werken befassen, um sie letztlich in der Schublade verschwinden zu lassen - oder in einem stillen, abgeschiedenen Ordner auf der eigenen Festplatte. Einzig Wreden war der Einblick in besagte Fragmente aus Codas Schaffensperiode vergönnt. Jene Welten, die er erkundete, erwiesen sich bald schon als Spiegel der Seele Codas. Im Jahr 2011 geschah es jedoch, dass dieser unverhofft zerbrach. Coda entwickelte plötzlich keine Spiele mehr. Nie wieder. Doch eines Tages erwägte Davey Wreden, der Erfinder von "The Stanley Parable", sämtliche dieser kleinen spielbaren Episoden in Form einer interaktiven Dokumentation zusammenzufassen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. In den folgenden 17 Kapiteln lernen wir also die Stationen der Reise eines Spieleproduzenten kennen, die an Eigensinnigkeit kaum zu überbieten sind. Begleitet wird diese Exkursion von der Stimme des "The Stanley Parable"-Schöpfers Davey Wreden (Ja, ich mag das Spiel wirklich!), welcher die häufig winzigen Spielabschnitte bis ins geringste Detail kommentiert. Der Egoperspektive wurde dabei eine eher ungewöhnliche Funktion zugedacht: Wir schlüpfen weder in die Rolle eines uns bekannten, noch eines anonymen Charakters, sondern agieren als Beobachter auf der Meta-Ebene. Teilweise fühlen wir uns womöglich als unbedeutender Betatester, der sich in einem narrativen Gedankendschungel verirrt.


In diesem Haus begegnen wir einer Person, die uns das Putzen und Aufräumen lehren wird.

Puzzles und Gameplay
"The Beginner's Guide" entpuppt sich rasch als reines Explorationgame, das nicht den Ansatz einer Herausforderung bietet. So gilt es lediglich, Wredens Anordnungen zu befolgen, die eindeutiger nicht sein könnten. Manchmal blockiert ein simples Schalterrätsel unseren Weg, das sich auf die immer gleiche Weise bewältigen lässt. Warten wir eine Weile, wird uns selbst hierzu die Lösung aufgedrängt. Etwas origineller wirken dagegen die Multiple Choice-Dialoge in Chatroom-Manier, die skurrile Konversationen mit anonymisierten Protagonisten ermöglichen. Die Auswahl einer Textzeile beeinflusst allerdings niemals den Spielverlauf. Während wir bei "The Stanley Parable" ständig Entscheidungen fällen mussten, handelt es sich bei "The Beginner's Guide" um ein durchweg lineares Vergnügen, das sogar Steam-Achievements vermissen lässt.


Eine riesige Tür steuert auf das Raumschiff zu. Können wir die Kollision verhindern?

Musik, Grafik, Atmosphäre
Die jeweiligen Abschnitte wurden mit unterschiedlichen Grafikstilen in Szene gesetzt. Anfangs sind diese Areale von einer äußerst minimalistischen Machart geprägt, doch im späteren Verlauf wird die Coda'sche Ästhetik einer Wandlung unterzogen. Nach einiger Zeit weisen seine Landschaften und Inneneinrichtungen einen deutlich höheren Detailgrad auf und knüpfen damit umso mehr an die grafische Qualität von "The Stanley Parable" an. Die stets geheimnisvolle Atmosphäre vermittelt trotz Anwesenheit des Erzählers ein Gefühl von Einsamkeit, was der Intention des Spiels zuträglich ist. Ebenso ideal fügen sich die rege Geräuschkulisse sowie die unregelmäßig einsetzende Musikuntermalung ins Geschehen ein. Besondere Erwähnung verdient zudem die englische Synchronisation, die sich wohl tatsächlich dem wahren Davey Wreden zuordnen lässt. Dieser meistert also auch seine Aufgabe als Sprecher mit Bravour. Deutsche Untertitel lassen sich übrigens nach Belieben einblenden.


Das beängstigende Ausmaß dieser makellosen Hallen erfüllt uns mit Einsamkeit.

Fazit
So legendär "The Stanley Parable" auch gewesen sein mag, war es nur der erste Streich eines unermüdlichen und schlichtweg grandiosen Spieleproduzenten. Mit "The Beginner's Guide" liefert Wreden ganz souverän einen weiteren Meilenstein ab, der überraschenderweise einen komplett anderen Pfad einschlägt. Der nicht minder ausgereifte Nachfolger besticht ebenso durch unnachahmliche Situationskomik der Marke Stanley, ohne es damit jedoch auf die Spitze zu treiben. Während ich zu Beginn noch häufig lachen konnte, erschien mir die Wanderung durch das finale Kapitel schier unerträglich. An einem gewissen Punkt wird uns nämlich bewusst, dass wir nicht bloß das Werk eines kreativen Verstandes in Augenschein genommen haben, sondern zudem in die Untiefen einer erkrankten Seele vorgedrungen sind. Durch die aberwitzige Thematisierung zahlreicher Fragen des modernen Gamedesigns wird "The Beginner's Guide" zugleich zum bedeutsamen Zeugnis einer Generation von Spieleschaffenden, die Gameplay-Experimenten und narrativen Erlebnissen gegenüber aufgeschlossen ist.

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