Samstag, 16. April 2016

Kommerziell: The 11th Hour

Allgemeine Grundlagen: Was ist "The 11th Hour"?
Genre: Puzzle-Game, interaktiver Film
Vergleichbare Spiele: The 7th Guest, Urban Runner
Technische Grundlage: Slideshow-Format mit 3D-Übergängen
Urheber: Trilobyte
Sprache: Deutsch, Englisch
Jahr: 1995
Download: Steam (nur englische Version!) --- GOG (englische und deutsche Version!)

Die Landstraße zur Stauf-Villa wird gerne auch liebevoll als "Highway to Hell" bezeichnet.

Story und Schauplatz
Es scheint, als hätte sie ihr Schicksal herausgefordert: Seit geraumer Zeit ist die junge Journalistin Robin Morales spurlos verschwunden - zum Leidwesen ihres Bettgenossen, dem TV-Produzenten Carl Denning. Offenbar hatte sich Morales zuletzt mit den grausamen Zwischenfällen in dieser Kleinstadt befasst, um ihre populäre Fernsehsendung "Ungelöste Fälle" mit spannenden Inhalten zu versorgen. Eines Tages jedoch überbringt ein Postbote dem verzweifelten Carl ein merkwürdiges Paket, in dem sich ein kleines, unscheinbares Gerät befindet. Das sogenannte "Gamebook" bringt allmählich Licht ins Dunkel und verleiht den Gehirnzellen, dem Herzen sowie eventuell tiefer gelegenen Körperregionen unseres Helden neuen Antrieb. Es beinhaltet nämlich eine Videobotschaft seiner Geliebten, welche eindeutig als Hilferuf zu verstehen ist. Auch einen Hinweis auf den Aufenthaltsort der Entführten kann Carl dem treuen Taschencomputer entnehmen. Carls Retterinstinkt ist geweckt und so entschließt er sich kurzerhand, das zu tun, was Männer in schwarzen Lederjacken Mitte der 90er Jahre eben tun, sofern eine Dame um ihr Leben bangen muss: Er schwingt seinen Hintern auf den Sitz seines geschätzten Motorrads und begibt sich damit nicht etwa zum nächsten Polizeipräsidium (Polizisten sind in Carls Weltvorstellung überbewertet!), sondern auf direktem Wege zum Hort des Bösen. In süßen Erinnerungen schwelgend lässt sich der einsame Wolf über die Landstraße treiben und ignoriert dabei jede Geschwindigkeitsbegrenzung. Eine unüberschaubare Menge an Adrenalin dürfte inzwischen verschüttet sein, als Carl das Ziel seiner Reise erreicht: Die alte Villa des wahnsinnigen Spielwarenhändlers Henry Stauf. Fortan werden wir Carl durch das unheimliche Landhaus begleiten, welches wir schon zwei Jahre zuvor im Vorgänger "The 7th Guest" erkunden durften. Mittlerweile macht sich in den einstigen Gästequartieren der Zerfall bemerkbar, sodass wir uns eher an ein Lost Places-Szenario erinnert fühlen.

In einem Geheimraum verbirgt sich Henry Staufs Bildergalerie.

Puzzles und Gameplay
Das Gameplay wurde ebenfalls von "The 7th Guest" inspiriert. Somit ergründen wir die Geheimnisse des düsteren Anwesens und stoßen unentwegt auf mehr oder minder knifflige Puzzle- und Minispielsequenzen, die sich vielleicht in einem Kuchen, einem Schmuckkästchen oder in Bienenwaben verbergen können. Gelegentlich muss man auch gegen den Hausherrn persönlich antreten, der uns etwa zu einem "Vier gewinnt"-Duell herausfordert und dessen Fähigkeiten nicht zu unterschätzen sind. Glücklicherweise bleiben wir stets mit Robin in Kontakt, die uns so manchen Rat erteilt und auf Wunsch sogar das Denken für uns übernimmt. Hierzu bewegen wir die Maus zum oberen Bildschirmrand, um die Hilfefunktion des Gamebooks zu konsultieren. Robin wird uns zunächst das Spiel erklären und uns nach Belieben zusätzliche Tipps übermitteln. Schließlich unterbreitet sie uns das verlockende Angebot, das gesamte Puzzle für uns zu lösen oder bei einem "Brettspiel" den jeweils nächsten Zug zu tätigen. Leider wird uns aber im Endkampf gegen Stauf, einem Minispiel im Inneren eines Puppenhauses, keine Unterstützung mehr gewährt - obgleich es sich um eine äußerst lästige Partie mit hohem Frustfaktor handelt. Und zu allem Überfluss muss man dieses dreifach bewältigen, um in den Genuss jeder einzelnen Schlusssequenz zu gelangen. Bei Trilobyte sind alternative Spielausgänge also eher Fluch als Segen. Das wahre Grauen offenbart sich jedoch in Gestalt kryptisch anmutender Textpassagen, die regelmäßig auf unserem Gamebook aufleuchten. Kleines Beispiel: "Ein Autonickerchen als Lebensretter." Oder: "Der alte Sack Opa Runkens verkauft wieder brüchige Eier fürs Eiertanzballet." Diese ungewollt komischen, kaum nachvollziehbaren und teils miserabel übersetzten Umschreibungen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Adventure. Sie lassen sich allerdings leicht überspringen, indem wir Robin um Auflösung des Sachverhalts bitten. Aufspüren müssen wir das gesuchte Objekt hingegen auf eigene Faust. Es kann der Ausschnitt eines Gemäldes, eine Figur oder ein simpler Haushaltsgegenstand gemeint sein - alles muss beachtet werden. Im Falle eines Erfolges werden wir mit einem neuen Rätselspruch bestraft oder dürfen uns stattdessen mit einem Puzzle begnügen. Hin und wieder beglücken uns die Entwickler mit kleinen Videoschnipseln, deren inhaltliche Bedeutung ich unter "Musik, Grafik, Atmosphäre"  näher darlegen werde. Diese aus dem Kontext gerissenen Mini-Episoden sorgen für perfekte Verwirrung. Sobald ein Spielabschnitt abgeschlossen wurde, werden sämtliche Fragmente zu einem ausführlichen Film zusammengefügt, der ein weiteres Kapitel der Vorgeschichte erzählt und uns im Idealfall zum Einschlafen zwingt.


In diesem Bett hat wohl schon recht lange niemand mehr geschlafen.


Musik, Grafik, Atmosphäre
Seit den Geschehnissen aus "The 7th Guest" sind nunmehr sechs Dekaden verstrichen. Somit wagten die Entwickler einen großen Sprung und ließen uns die Fortsetzung nun aus der Gegenwart erleben. Die Räume sollten also vertraut wirken, aber dennoch die Einkehr von Tod und Einsamkeit repräsentieren. Durch den Einsatz vorgerenderter 3D-Grafiken blieb Trilobyte dem Stil des Vorgängers treu. Ebenso wurden weiterhin Transitionseffekte genutzt, um ansprechende Kamerafahrten zu simulieren. Die Atmosphäre leidet allerdings darunter, dass die Full Motion Video-Sequenzen nicht unmittelbar in die 3D-Umgebung integriert wurden. Stattdessen drehten die Produzenten gleich ihren eigenen Spielfilm, dessen Bruchstücke wir nach und nach auf unserem Gamebook-Monitor erhaschen dürfen. Tatsächlich umfasst "The 11th Hour" über 60 Minuten Videomaterial, von dem man jedoch nicht viel erwarten sollte - zumindest nicht mehr als eine reine Trashproduktion. In gewisser Hinsicht vermag uns diese sogar zu gruseln. Als gruselig kann man jedenfalls die Machart der pseudo-schaurigen Effekte oder das Schauspiel der Akteure bezeichnen. Obgleich es sich dabei um recht bekannte Gesichter handelt, agieren sie meist wie die Protagonisten eines verklemmten Softporno-Streifens. Die vollkommen absurde und lächerlich inszenierte Mystery-Story lässt uns dann eher vor jenen Menschen erschaudern, die solch einen Nonsens zustande gebracht haben. Immerhin darf man auch im zweiten Teil den musikalischen Ergüssen eines George Alistair Sanger lauschen. Jener legendäre Spielekomponist konnte bereits "The 7th Guest" zu einem exzellenten Soundtrack verhelfen. Obwohl die unheimlichen Melodien nach wie vor von bester Qualität zeugen, lässt sich ein dermaßen verkorkster Titel wie "The 11th Hour" hierdurch aber nur geringfügig aufwerten.

Im Schmuckkästchen wartet ein herrlich frustrierendes Rätsel auf uns: Identische Farben müssen nebeneinander angeordnet werden.

Fazit

Während "The 7th Guest" noch seinen eigenen Charme vermitteln konnte, entpuppt sich dessen Nachfolger bloß als interaktives B-Movie, das die ursprüngliche, wesentlich intelligentere Geschichte um den Spielwarenhändler Henry Stauf nun vollends in den Schmutz zieht. Ein beschämendes Machwerk also, das sich lediglich im Rahmen eines heiteren FMV-Trash-Marathons verwerten lässt. Ansonsten dürfte einzig der grandiose Soundtrack des unschlagbaren George Alistair Sanger den Kauf dieses entsetzlichen Klassikers rechtfertigen.

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