Samstag, 9. April 2016

Kommerziell: Californium

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Californium"?
Genre: Exploration, Interactive Storytelling (kostenlos in 4 Episoden)
Vergleichbare Spiele: Trauma
Technische Grundlage: Moderne 3D-Umgebung mit 360 Grad-Bewegungsfreiheit
Urheber: Darjeeling, Nova Production
Sprache: Deutsch, Englisch, Französisch
Jahr: 2016
Download: Steam (kostenpflichtig) --- GOG (kostenpflichtig) --- arte.tv (einzelne Kapitel, Freeware)

Episode 1: In Elvins Wohnung schaltet sich plötzlich der Fernseher ein und ein seltsames Symbol erscheint auf dem Bildschirm.

Story und Schauplatz
Wir befinden uns im Berkeley des Jahres 1967. Hier lebt der drogensüchtige Schriftsteller Elvin Green - augenscheinlich eine gescheiterte Existenz. Jener Tag verläuft zumindest äußerst unerfreulich für unseren Protagonisten. Soeben noch der Hoffnung nahe, seine Schreibblockade endgültig überwinden zu können, lässt ihn nun der unheilverkündende Klang der Türklingel von seinem Arbeitsplatz aufschrecken. Die im Treppenhaus verweilende Person verhält sich distanziert und verschwindet wieder, bevor der durchnächtigte Green zur Eingangspforte seiner Wohnung eilen kann. Dort findet er lediglich einen Brief vor, der die Fassade seines kläglichen Daseins vollends zum Einsturz zwingen dürfte. Ehefrau Thea hat den Entschluss gefasst, das gemeinsame Bündnis aufzuheben und ihrer Wege zu ziehen. Und dies ist keineswegs das einzige Schicksal, mit dem sich Green an diesem Tage konfrontiert sieht. So wendet sich zudem sein langjähriger Verleger von ihm ab, da er des Wartens überdrüssig geworden ist. Unserem Antihelden bleibt bloß der Ausbruch aus dieser unerträglichen Realität vergönnt. Letztlich fordert ihn nämlich eine zynische Stimme, die aus verschiedenen Fernsehgeräten ertönt, zur Suche nach alternativen Wirklichkeiten auf. Und tatsächlich: Bald schon gelingt es Green, seine eigene Welt aus den Angeln zu heben und neue Aussichten auf ein womöglich besseres Leben zu erhaschen. Von nun an dürfen wir in jedem der vier Kapitel eine weitere Realität erkunden, welche jeweils mit Anekdoten auf das Werk des populären Science Fiction-Schriftstellers Philip K. Dick gespickt ist. Diese mehr oder minder verborgenen Verweise richten sich natürlich vorrangig an solche Spieler, die mit der Materie seiner Romane sowie der Biografie des Autors vertraut sind. Derartige Vorkenntnisse sind zum Verständnis der Geschichte jedoch nicht erforderlich.


Episode 2: Der gute alte Stavros ändert sich scheinbar nie. Allerdings hat Elvin schon die ersten Risse in diesem Realitätsgefüge verursacht.

Puzzles und Gameplay
Als klassisches Adventures lässt sich "Californium" kaum einstufen. Ebenso würde ich es nur bedingt als Walking-Simulator identifizieren. So durchforsten wir stets dieselben Ecken der kalifornischen Stadt und betreten hin und wieder ein Gebäude. Darüber hinaus treffen wir auf Charaktere, die dem Protagonisten in der Regel bekannt sind - im positiven sowie im negativen Sinne. In den meisten Fällen entpuppen sie sich als mitteilsame Genossen. Sofern man sich ihnen nähert, beginnen sie zu plaudern oder stoßen im schlimmsten Fall üble Beleidigungen aus. Unser Hauptaugenmerk sollte allerdings den Schauplätzen gelten. Schier überall verbergen sich nämlich jene "Realityspots", sozusagen Risse innerhalb unserer Realität. Sobald wir ein Fernsehgerät geortet und eingeschaltet haben, dürfen wir entsprechende Nachforschungen anstellen. Tatsächlich haben die Produzenten keine Mühen gescheut, ihre Realityspots auf tückische Weise zu verstecken. Da lohnt es sich etwa, einen Blick unter den unscheinbar positionierten Lampenschirm zu werfen. Somit wird man zwar einerseits gefordert, andererseits wurde die Gameplay-Schmerzgrenze manchmal schon leicht überschritten. Frustmomente sind mir in nahezu jeder Episode untergekommen. Zudem flackern die verdächtigen Symbole teilweise nur kurz auf und müssen häufig aus bestimmter Entfernung angeschubst werden. Die Idee ist zwar nicht schlecht, erscheint mir aber insgesamt nicht richtig ausgereift. Das finale Kapitel hingegen mutet wie ein Epilog an, der jegliches Gameplay vermissen lässt. Da uns die Stimme nun ständig begleitet, erinnern diese Szenen ein wenig an die dramatische Struktur von The Beginner's Guide. Mit diesem Exploration-Part gelingt es den Entwicklern, das Niveau der Erzählweise zum Abschluss nochmal deutlich anzuheben.


Episode 3: Diese Realität erscheint uns besonders skurril. Dieser Großkammerherr scheint Elvin als seinen Herrscher wahrzunehmen.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Das in verschiedene Realitäten aufgeschichtete Universum wird dem Werk von Philip K. Dick auf beeindruckende Weise gerecht. So wurde eine psychedelisch angehauchte Welt erschaffen, die den Lebensstil der 60er Jahre wie in Szene gesetzte Pop Art-Kunst abbildet. Die warmen Farben bilden einen Kontrast zur düsteren Hintergrundstimmung, wodurch die Dick'sche Paranoia, welche uns in den Erzählungen des Schriftstellers oft ins Bewusstsein dringt, ideal eingefangen wird. Die reglosen, zweidimensional eingefügten Figuren vermitteln umso mehr den Eindruck einer interaktiven Graphic Novel, wobei schon die Umgebung in gediegener Cartoon-Manier gestaltet wurde. Die musikalische Interpretation des Dick-Themas kann sich ebenso behaupten. Jene weltfremden, teils mystischen Klänge offenbaren zwar selten einen Ohrwurm-Charakter, lassen sich aber durchaus mit einem Drogenrausch in Verbindung bringen. Der dramatische Höhepunkt von "Californium" (Episode 4) wird unter Verwendung einer imposanten Gänsehaut-Musik erzielt. Gute Arbeit haben zudem die Sprecher geleistet, wie ich anhand der deutschen Synchronisation zu beurteilen vermag. Hierbei bleibt uns natürlich vorrangig der geheimnisvolle Erzähler im Gedächtnis, doch auch die zunehmend emotionalen Äußerungen des neurologischen Implantats Alice aus Episode 3 bleiben unvergessen.


Episode 4: Die Realitäten vermischen sich. Wird Elvin Green das Gleichgewicht seines Lebens wiederherstellen können?

Fazit
In Zusammenarbeit mit dem Kultursender ARTE folgte die französische Produktionsfirma Darjeeling dem Ziel, eine interaktive Hommage an Philip K. Dick zu entwerfen. Als großer Fan seiner Romane und Erzählungen kann ich bestätigen, dass dieses Vorhaben geglückt ist. Vielleicht wurde zu viel Energie auf das Gameplay verwendet, welches bei dieser wundervoll inszenierten Geschichte doch eigentlich so nebensächlich ist. In dieser Hinsicht wirkt die abschließende Episode umso versöhnlicher, da wir nun unentwegt den brillanten Monologen des Erzählers lauschen und uns umfassend auf das mitreißende Finale konzentrieren können.

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