Montag, 31. Oktober 2016

Freeware: Blameless

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Blameless"?
Genre: Klassisches Adventure, Interactive Storytelling
Vergleichbare Spiele: Fingerbones, The Mask Reveals Disgusting Face
Technische Grundlage: Moderne 3D-Umgebung mit 360 Grad-Bewegungsfreiheit
Urheber: Vaclav Hudec
Sprache: Deutsch, Englisch, Tschechisch, Russisch, Polnisch
Jahr: 2016
Download: Steam

Diese "Zelle" lässt doch einen gewissen Komfort vermissen.

Story und Schauplatz
Unser Protagonist, von Berufs wegen ein freiberuflicher Architekt, hat nach einer schier endlosen Dürreperiode einen neuen Auftrag erhalten. Das Objekt seiner Begierde ist ein Haus am Rande der Stadt, welches sich bereits im Aufbau befindet, von der Fertigstellung jedoch noch weit entfernt scheint. So gedachte der Besitzer, welcher bislang lieber selbst Hand anlegte, die Meinung eines erfahrenen Baumeisters einzuholen. Als sich dieser also auf dem Grundstück einfindet, wird ihm allerdings kaum die Gelegenheit geboten, mit Fachkenntnissen zu überzeugen. Als Willkommensgeschenk verpasst ihm der Eigentümer nämlich einen Schlag auf den Hinterkopf. Einige Minuten später erlangt der betrogene Architekt in einem abgesperrten Raum sein Bewusstsein wieder und ärgert sich über seine Naivität. Als er kurz darauf die Blutspuren entdeckt, welche den ohnehin schmutzigen Boden zieren, vergisst er schnell, welcher Zunft er angehört. Womöglich hat der Ganove, in dessen Falle er geriet, einen oder mehrere Morde begangen, welche bisher ungesühnt blieben. Und so schlüpft unser Held zum ersten Mal in seinem Leben in die Rolle eines Privatdetektivs, den wir fortan bei seiner nächtlichen Ermittlung unterstützen dürfen. "Blameless" bringt zwangsläufig Abwechslung in ein schauriges Genre, welches ja meist mit viktorianischen Herrenhäusern und ähnlichen Klischee-Schauplätzen aufwartet. So gilt es, im Rahmen der etwa dreißigminütigen Spielzeit die "Rohfassung" eines Gebäudes zu erkunden - quasi Urban Exploring, nur eben... umgekehrt.


Immerhin wurden die Wände im unteren Stockwerk bereits gestrichen.


Puzzles und Gameplay
Inmitten jener ungemütlichen Schutthalde müssen wir zunächst nach hilfreichen Werkzeugen Ausschau halten, die sich mit einem Mausklick einsammeln oder zumindest anpacken lassen. Einige Items werden somit unmittelbar in unser Gepäck aufgenommen, welches bloß sechs Item-Slots zur Verfügung stellt - mehr werden im gesamten Spielverlauf nicht benötigt. Sämtliche Gegenstände, die das Fassungsvermögen unserer Hosentaschen übersteigen, muss der Protagonist wohl oder übel mit den Fingern festhalten und auf diese Weise von A nach B transportieren. Diese Fundstücke können anschließend an jedem beliebigen Plätzchen abgelegt und später ebenso problemlos wieder aufgehoben werden. Damit eine gewisse Übersichtlichkeit gewährleistet bleibt, müssen die sperrigen Weggefährten jedoch niemals über weite Strecken hinweg mitgeschleift werden. Sobald nämlich ein großes B aufleuchtet, haben wir einen automatischen Speicherpunkt und zugleich einen neuen Schauplatz erreicht. Die Rätsel verlangen meist ein Mindestmaß an handwerklicher Begabung: So muss die namenlose Hauptfigur häufig mit den Gerätschaften hantieren, welche im Überfluss in der Gegend verstreut liegen. Diese Instrumente sind etwa förderlich, um störende Türschlösser zu beseitigen oder alternative Fluchtrouten zu erschließen. Derartige Knobeleien fordern aber lediglich am Rande, sodass "Blameless" besonders Anfängern und Gelegenheitsspielern entgegenkommt. Nebenbei darf auf Notizen und Hinweise geachtet werden, die unser detektivisches Gespür anregen, und eventuell sogar zu einem zweiten oder dritten Spieldurchlauf animieren. Mit der Tastenkombination WASD (ich werde langsam müde, es zu erwähnen!) erkundet man die 3D-Areale, wohingegen Drehungen und sonstige Interaktionen bequem per Maus durchgeführt werden können.


Wenn man dringend mal muss, ist ein unfertiges Badezimmer eher kontraproduktiv.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen durchkämmen wir detailreich und realitätsnah ausgestaltete 3D-Szenarien und erfreuen uns am Vorteil einer unbeschränkten Bewegungsfreiheit. Darüber hinaus dringen dämonisch anmutende Klänge beharrlich in unsere Gehörgänge ein und lassen in unseren Köpfen großes Unbehagen aufkeimen. Jede von uns getätigte Aktion ruft zudem ganz selbstverständlich den passenden Laut hervor, wodurch eine authentische Geräuschkulisse ensteht. Damit wurde eine beklemmende Atmosphäre geschaffen, die dem ausgeprägten Wirklichkeitssinn des Autors zweifellos gerecht wird. Auch englische Sprachausgabe wurde integriert, sodass der Architekt seine grausigen Entdeckungen stets kommentiert und in der Eingangs- sowie Ausgangssequenz als Erzähler fungiert. Besagte Synchronisation wirkt äußerst professionell und fügt sich folglich ideal in eine grandiose Gesamtpräsentation ein, welche man einem kostenlosen Adventure besonders hoch anrechnen sollte.


Sobald wir den Hof erreicht haben, können wir auch die Nebengebäude nach Hinweisen durchforsten.

Fazit
"Blameless" demonstriert eindrucksvoll, dass subtile Horroradventures in der heutigen Zeit nach wie vor funktionieren. Es bedarf keiner plumpen Jump-Scares und ebenso wirkt sich der Verzicht auf frustrierende Survival-Elemente positiv auf Gameplay und Atmosphäre aus. Somit entpuppt sich jener minimalistische Freeware-Titel aus der Independent-Szene rasch als ein etwas anspruchsvolleres Spielvergnügen, das uns auch ohne Slender-Männer, blutdürstige Mädchen oder sonstige Monster einen düsteren Halloween-Abend beschert.

Samstag, 8. Oktober 2016

Freeware: The Endless Express

Allgemeine Grundlagen: Was ist "The Endless Express"?
Genre: Exploration, Interactive Storytelling
Vergleichbare Spiele: Subway Adventure
Technische Grundlage: Moderne 3D-Umgebung mit 360 Grad-Bewegungsfreiheit
Urheber: Florian Veltman u.a.
Sprache: Englisch
Jahr: 2016
Download: itch.io

Der kleine Stephane wird vermisst. Können wir den verzweifelten Eltern bei der Suche behilflich sein?

Story und Schauplatz
Seit Längerem nehmen wir schon die Erschütterungen des Schienenverkehrs und den ausgeprägten Krampf in der Rückengegend wahr. Dennoch siegt letztlich die Müdigkeit über das Unwohlbefinden und so beobachten wir, wie uns allmählich das Bewusstsein entgleitet. Kaum sind wir wieder bei Sinnen, scheint der vertraute Zielbahnhof um Stunden verfehlt. Unsere Augen erfassen nun eine Welt abseits der uns bekannten Umgebung. Damit erwacht zudem unsere eingestaubte Abenteuerlust zu neuem Leben. Kurzerhand beschließen wir also, die Heimreise auf Umwegen anzutreten, indem wir das Ungewisse bestreiten. Unsere Expedition beläuft sich auf etwa sechs äußerst ungleiche Etappen, die uns das Träumen lehren werden.


Kaum sind wir bei strömendem Regen aus dem Zug gestiegen, können wir aus der Ferne eine gigantische Wasserschildkröte vernehmen.

Puzzles und Gameplay

Die unwirklich anmutenden Stationen erinnern unweigerlich an Stephen Lavelles "Subway Adventure", das tatsächlich eine recht ähnliche Richtung fährt. Florian Veltman, der Autor von "The Endless Express", nimmt sich hingegen mehr Zeit, um überzeugende Erzählstrukturen zu schaffen. Somit steht nicht einzig die Erkundung im Vordergrund, sondern ebenso die zufälligen Begegnungen, welche die soziale Komponente des Gameplays fördern. Konversationen in Multiple Choice-Manier, die keineswegs zu umfangreich ausfallen, ringen uns auch mal ein Schmunzeln ab oder verleihen dem Explorationgame einen leicht spirituellen Charme. Ansonsten wandern wir umher und müssen meist einige Minuten warten, bis der gewünschte Zug oder ein eher unkonventionelles Verkehrsmittel eintrifft. Besonders gut ist zudem die Integration des Hauptmenüs gelungen. So lässt sich mit Druck auf die Escape-Taste jederzeit und überall ein Froschmaul herbeizaubern, das uns Eintritt in eine behagliche Eingangshalle gewährt. Hier kann man das Spiel beenden, die Grafikeinstellungen verändern oder ein Badezimmer aufsuchen, welches das Inventar darstellen soll. Leider findet sich dort niemals ein Item ein, da dieses Gameplay-Element nicht ernsthaft einbezogen wurde. Ursprünglich sollte "The Endless Express" nämlich besser ausgearbeitet werden. Vermutlich wäre dann noch das eine oder andere Sidequest entstanden und jener dialoglastige Walking-Simulator hätte sich mehr dem klassischen 3D-Adventure angenähert. Kann man diesen Verlust jedoch akzeptieren, bekommt man ein hübsches Erlebnis geboten, das über einen Anfang und ein Ende verfügt. (Diese Information geht aus der oben verlinkten Projektseite nicht deutlich hervor.) Dennoch kann man gelegentlich auf einen unschönen Bug stoßen.


Bevor der nächste Zug eintrifft, können wir noch rasch den Leuchtturm erklimmen.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Die Grafiker haben sich scheinbar konsequent den Gesetzen des Minimalismus verpflichtet, sodass "The Endless Express" einen recht nostalgischen Flair versprüht. Wer sich damit anfreunden kann wird das Spiel bestimmt genießen können - zumal der surreale Touch durch die vermeintlich unendlichen Weiten des optisch nicht identifizierbaren Horizonts wunderbar unterstrichen wird. Sämtliche Kreaturen, die unseren Weg kreuzen, könnten einem schrägen Traum entflohen sein. Das skurrile und häufig putzige Erscheinungsbild dieser Figuren, die manchmal sogar quer durch das Szenario spazieren, vermag diese eigenartige Welt noch mehr zu verfremden. Darüber hinaus wurde eine schier atemberaubende Geräuschkulisse geschaffen, die im Zusammenspiel mit sichtbaren Wettereffekten wie Windböen und Regentropfen ein positives Gesamtbild entwirft. Die teils düsteren und teils idyllischen Orte wurden mit herrlichen Musikstücken unterlegt, welche grundsätzlich die passende Stimmung erzeugen und stets mit den Klängen der Natur harmonieren.


Lebhafte Flora und Fauna: Hyperaktive Frösche sowie lustige Vögel mit schiefen Köpfen sind in diesem Szenario allgegenwärtig.

Fazit
Letztlich lässt sich lediglich bemängeln, dass gewisse Zusatzaufgaben in Dialogen nur angedeutet bleiben und das Inventar keinen Nutzen erfüllt. Sidequests existieren bloß in der Theorie. Trotzdem sollte man sich daran erfreuen, dass solche Spiele kostenlos erhältlich sind. "The Endless Express" lädt uns nämlich zu einem kleinen, aber überaus faszinierenden Abenteuer ein. Es entpuppt sich als sonderbares Werk, das zum Sinnieren anregt und eventuell ein wenig Fernweh verursacht.