Samstag, 12. November 2016

Freeware: The Monster in Me

Allgemeine Grundlagen: Was ist "The Monster in Me"?
Genre: Visual Novel, Interactive Storytelling
Technische Grundlage: Slideshow-Format
Urheber: Alice Rendell
Sprache: Englisch
Jahr: 2016
Download: itch.io

Auch ein ansprechender Titelbildschirm trägt zu einem positiven Gesamteindruck bei.

Story und Schauplatz

Ein vertrautes wie gefürchtetes Szenario: Nach einem Atomkrieg ist es um die menschliche Zivilisation geschehen. Einzig die Gesetze der Natur beherrschen nunmehr den Alltag der Überlebenden, das eigene Wohlbefinden und das ihrer Angehörigen steht im Vordergrund. Ihr Handeln wird durch Angst bestimmt und manch einer geht über Leichen. Um solche Jäger auf Abstand zu halten, beziehen drei junge Menschen mit einem bescheidenen Dosenvorrat eine einsame Lagerhalle. Teilnehmer jener unbeholfenen Selbsthilfegruppe sind Ana, Jakob sowie ein namenloser Alter Ego, dessen Geschlecht nicht festgelegt scheint und dessen Charakter von uns alleine geformt werden soll. Das neue Quartier ist also eingeweiht, der Zusammenhalt scheint beständig, doch die ersten Konflikte sind absehbar. Bald muss man sich unweigerlich die Frage stellen: Wird diese Freundschaft die kommenden fünf Wochen überdauern können?


Fun Fact: In Cormac McCarthys SF-Roman "Die Straße" zählen Dosenpfirsiche ebenfalls zum Proviant der Protagonisten. Ob es sich dabei um eine bewusst integrierte Parallele handelt?


Puzzles und Gameplay
In der Vergangenheit hat es bereits Bestrebungen gegeben, das Genre der Visual Novel in die "Welt" zu integrieren. Die Premiere ist nun "The Monster in Me" vergönnt, welches man unter Berücksichtigung des Umfangs und der offenen Enden ebenso als "Visual Shortstory" einstufen könnte. Im Grunde besteht das Spiel also nur aus Dialogen, die wir in bekannter Multiple Choice-Manier beeinflussen können. So müssen wir uns in vielen Fällen entscheiden, wessen Meinung und Vorgehensweise wir unterstützen: Trifft es Jakob, der stets auf rationales Handeln bedacht ist, oder die gutmütige Ana? Insgesamt können sich aus unserem Choice and Consequence-Verhalten vierundzwanzig(!!!) verschiedene Endsequenzen ergeben. Einige davon sind allerdings gut versteckt - ich habe bislang 19 freigeschaltet, wie sich übrigens anhand der Komplettierungsübersicht im Hauptmenü überprüfen lässt.


Eine Frau und ihr vierjähriger Sohn wurden in unsere Gemeinschaft aufgenommen und entrinnen damit vielleicht ihrem Tod - man kann allerdings auch anders entscheiden.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Der leicht verschwommene Grafikstil zeugt von künstlerischer Begabung und lässt trotz seiner Unschärfe keine Details vermissen. Obgleich wir im Spiel nur wenige Szenenbilder zu Gesicht bekommen, wird uns eine recht lebhafte Vorstellung von einer dystopischen Welt vermittelt, die sich ideal in die erzählte Geschichte einfügt. Natürlich regt die geringe Zahl an Einblicken unsere Fantasie noch zusätzlich an, sodass einige von uns wohl dazu neigen, die häufig offene Ausgangssituation im Kopf fortzuspinnen. Ebenso ist für Animationen gesorgt: Sei es das vor sich hin brodelnde Feuer oder die Mimik der Figuren, welche schon mal resigniert auf den Boden starren und uns erwartungsvoll mustern, wenn eine Antwort gefordert wird. Eine eingängige, äußerst traurig gestimmte Titelmelodie, welche im Hauptmenü sowie in jeder Schlusssequenz erklingt, verleiht der Visual Novel zudem ihren akustischen Wiedererkennungswert. Im Spielverlauf wird das Musikstück jedoch ausgeblendet, damit wir uns vollends auf Gespräche und Geräuschkulisse konzentrieren können. Die allgegenwärtige Stille wird meist nur durch das Knistern der Flammen unterbrochen, die unseren Protagonisten zumindest ein Mindestmaß an Wärme bescheren. Hingegen lassen uns im Hintergrund vernehmbare Laute rasch aufhorchen: Unerwarteter wie ungebetener Besuch kündigt sich nicht selten mit einem aufdringlichen Klopfen an und gelegentlich bringen bedrohliche Gewehrsalven unsere Nerven zum Erliegen. Auch das verzweifelte Jammern eines Kleinkindes trägt zur bedrückenden Atmosphäre bei.


Besucher bringen stets Konflikte mit sich. Werden wir die richtige Wahl treffen?

Fazit
"The Monster in Me" ist ein mitreißendes Science Fiction-Drama, das uns ein Geflecht verschiedener Schicksale darbietet und uns dessen Fäden selbst weben lässt. Der Spieler agiert nach eigenem Gewissen und erwischt sich vielleicht dabei, wie er sich den unethischen Sitten jener unglücklichen Zukunft fügt - wenngleich es dem Wohl der Gruppe dienen mag. Somit entlarvt die Visual Novel das Monster, das womöglich jedem Menschen innewohnt, und verheddert sich hierbei nicht in Beschönigungen.

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