Samstag, 31. Dezember 2016

Freeware: Bedrooms

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Bedrooms"?
Genre: Exploration, Interactive Storytelling
Technische Grundlage: Moderne 3D-Umgebung mit 360 Grad-Bewegungsfreiheit
Urheber: increpare games
Sprache: Englisch
Jahr: 2015
Download: increpare games

Mensch oder anthropomorpher Löwe? Der Fantasie sind bei dieser Begegnung jedenfalls keine Grenzen gesetzt.

Story und Schauplatz
Wäre es nicht aufregend, wenn wir des Nachts einen Blick in fremde Schlafzimmer erhaschen könnten, obgleich die geschlossenen Jalousien uns davon abhalten sollten? In Stephen Lavelles "Bedrooms" wird uns diese Möglichkeit geboten. Dort ist uns offenbar die Rolle eines unsichtbaren Voyeurs vergönnt, welcher über die Fähigkeit verfügt, frei durch die Wohnung eines jeden Unbekannten zu schweben - ein äußerst unanständiges Treiben, dem es hier zu frönen gilt. Doch was wir in jener Zeit zwischen Weihnachten und Silvester in diesen Gemächern vorfinden, scheint weniger das große erotische Abenteuer zu sein, als vielmehr die gelebte Einsamkeit des Einzelnen. Über eine Hintergrundgeschichte (oder gar mehrere) kann dabei durchaus spekuliert werden.

Die roten Sofas hinterlassen einen anrüchigen Eindruck.

Puzzles und Gameplay
Hinter "Bedrooms" verbirgt sich ein verhältnismäßig untypischer Walking-Simulator, der uns umfangreiche Fußmärsche weitgehend erspart. Fortschritte erzielt man durch bestimmte Aktionen, die mit einem Klick erledigt sind. Die Schwierigkeit besteht also höchstens darin, den entsprechenden Hotspot aufzustöbern, der meist schon hell aufleuchtet und den Mauscursor beim Abtasten verändert. Dabei kann es sich um den Kopf einer Person, ein wärmendes Laken oder etwa ein Mobiltelefon handeln. Manchmal muss man auch die Zeiger einer Uhr anschubsen, damit die Stunden verstreichen und ein Besucher im Türrahmen erscheint. Sobald die jeweilige Unterkunft zur Genüge inspiziert wurde, werden wir unvermittelt in einen neuen (Wohn-)Abschnitt befördert, in welchem wir unsere Erkundungstour fortsetzen dürfen.

Dieses Spiel wirft interessante Fragen auf, meist auch unabhängig von Texteinblendungen.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Obgleich wir uns fernab des öffentlichen Lebens bewegen, mutet "Bedrooms" aus atmosphärischer Sicht wie ein ausgiebiger Partyabend an. So erstrahlt jedes Zimmer in einer grellen Neonfarbe und es scheint, als wären wir in einer riesigen Discokugel gefangen. Dieses paradoxe, aber wirkungsvolle Design wird durch die laute und teils gespenstische Musik im Hintergrund hervorragend unterstrichen. Besagte Melodien verleihen dem Spiel einen besonders geheimnisvollen Flair und unterstützen zudem das Gefühl eines Rauschzustandes. Es kommt vielleicht nicht von ungefähr, dass wir stets schwindelerregende Höhenflüge bewältigen müssen, um das jeweilige Szenario zu erforschen. Ebenso entwickelt sich eine sehr anrüchige und sexuell aufgeladene Stimmung. Wer NSFW-Inhalte fürchtet, sei hier gewarnt. Nicht selten sind die männlichen Figuren in ihre Bedürfnisse vertieft, auch die explizite Darstellung von Masturbation bleibt nicht aus. Das muss ein geübter Voyeur ertragen können. Trotz aller Kunstaspekte lässt sich nicht über die simple, grobkörnige 3D-Grafik hinwegtäuschen, die von einem geringen Detailgrad zeugt. Im Verlauf dieser skurrilen Seelenreise erscheinen diese optischen Schwächen allerdings fast schon belanglos und der Stil erfüllt zweifelsfrei seinen Zweck.

Auch das Badezimmer lädt zum Verweilen ein. (Und zum NSFW-Höhepunkt des Spiels!)

Fazit
In "Bedrooms" dürfen wir selbst die intimsten Rückzugsorte menschlicher Individuen erschließen, ohne deswegen Schuld zu empfinden. Dabei wird uns eine Erfahrung zuteil, welche im Bereich des interaktiven Erzählens bislang wohl einzigartig ist. Stephen Lavelle entwirft eine abgeschiedene Festtagsatmosphäre, die als bizarrer Drogentrip verfremdet scheint, und erweckt damit die Neugier des Spielers. Mit den dargebotenen visuellen sowie akustischen Mitteln gelingt es ihm, den Menschen innerhalb seiner privaten Umgebung zu mystifizieren. Ein Werk dieser Art wird vermutlich rasch belächelt werden und im Vorübergehen kann es seinen Reiz kaum entfalten. Wer hingegen über seinen Schatten springen kann und diesem unscheinbaren Außenseitertitel eine Chance gibt, wird seine Meinung womöglich bald revidieren.

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