Samstag, 4. März 2017

Kommerziell: Rusty Lake: Roots

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Rusty Lake: Roots"?
Genre: Klassisches Adventure
Vergleichbare Spiele: Rusty Lake Hotel
Technische Grundlage: Slideshow-Format
Urheber: Rusty Lake
Sprache: Deutsch, Englisch, Niederländisch u.a.
Jahr: 2016
Download: Steam

Im Jahr 1860 bezieht James das Haus seines verstorbenen Onkels.

Story und Schauplatz
Als James Vanderboom im Frühling des Jahres 1860 mit seinem Schoßhündchen im Gefolge nach Rusty Lake übersiedelt, kann er sich dem Reiz dieser unberührten Idylle nicht erwehren. Am Fuße des malerischen Sees und in unmittelbarer Nähe des imposanten Rusty Lake-Hotels befindet sich das Haus seines jüngst verstorbenen Onkels, welches an diesem Tage den Besitzer wechselt. Vanderbooms Reisekoffer beinhaltet zudem einen ganz besonderen Samen, der laut testamentarischer Aussage im Garten seines neuen Wohnsitzes gepflanzt werden soll. Scheinbar blind gehorcht der Alleinerbe dem Willen des Verblichenen und lässt somit seinen eigenen Stammbaum aus dem Boden sprießen, welcher uns wiederum zum Erkunden einlädt. Unsere Odyssee durch James' Familienchronik beginnt geradezu romantisch: So dürfen wir den etwas schüchternen Junggesellen dabei unterstützen, das Herz seiner zukünftigen Gattin Mary für sich zu gewinnen. Dennoch obliegt es keineswegs der Intention der Produzenten, unser Wohlbehagen zu fördern. Nach wenigen Kapiteln etwa müssen wir die Nabelschnur dreier Säuglinge mit einer Schere durchtrennen und die Neugeborenen auf eher zweckmäßige als mütterliche Weise ernähren. Allmählich offenbart sich uns das morbide Wesen jenes ungewöhnlichen Abenteuers, das sich erneut am bewährten Vorbild der populären Cube Escape-Serie orientiert. Während der narrative Fokus zuvor noch auf James Vanderboom gerichtet schien, verlagert sich dieser zunehmend auf das Schicksal seiner Nachkommen. Deren Entwicklung jedoch erfüllt uns nicht minder mit Bestürzung und Faszination, was nicht zuletzt der wundervoll skurrilen Figurenzeichnung zu verdanken ist.


James und Mary nähern sich einander an - im Garten, einem Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.

Puzzles und Gameplay
Die Geschichte der Vanderboom'schen Blutlinie erstreckt sich auf 33 Ebenen, die jeweils in klassischer Room Escape-Manier gestaltet wurden. Dabei erfüllen wir quasi die Funktion eines unsichtbaren Beobachters, der unseren Protagonisten stets die helfende Hand reichen muss - obwohl diese nicht immer Gutes bewirkt. Während wir im "Rusty Lake Hotel" allerdings generell von üblen Absichten geleitet waren, orientieren wir uns nun vielmehr an den Motiven jener grundverschiedenen Charaktere. Die kreativen und meist obskuren Rätselketten zeugen von einer schier beispiellosen Bandbreite. So dürfen wir uns mit den Gesetzen der Alchemie befassen, dem Uhrenhandwerk frönen, Bienen zum Bestäuben von Pflanzen animieren oder Kriegsverletzungen behandeln. Diese Aufgaben erweisen sich in der Regel als äußerst knifflig und dürften selbst manchen erfahrenen Spieler in den Wahnsinn treiben. Umso versöhnlicher erscheinen uns die vereinzelten Video-Walkthroughs, welche die Macher schon pünktlich zum Release auf Youtube veröffentlichten. Interessante Bonus-Missionen, die uns nach Beendigung des eigentlichen Handlungsverlaufs erwarten, runden das Gameplay zudem positiv ab.


Der Nachwuchs: Dem ungleichen Trio steht eine ungewisse Zukunft bevor.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Auch im jüngsten Streich der Marke Rusty Lake repräsentieren die Szenenbilder die unvergleichbare Ästhetik eines "Rusty Lake Hotel", wobei überwiegend auf die Gegenwart antropomorpher Geschöpfe verzichtet wurde. Doch die menschlichen Figuren sind ebenso liebevoll gezeichnet und muten wie Karikaturen aus einem anderen Jahrhundert an. In ihrer höchst grotesken Verhaltensweise spiegelt sich der spezielle, wenngleich überaus charmante Rusty Lake-Humor selbst visuell einwandfrei wider. Das Porträt jener viktorianischen Epoche wurde in all seinen Facetten ausgearbeitet und versinkt gelegentlich in finsteren, surrealen Zwischenwelten. So zeigt sich die tiefgreifende Bedeutungsebene des Spiels besonders in seiner metaphorischen Bildgewalt. Außerdem besticht "Rusty Lake: Roots" durch seine subtile, aber bemerkenswerte Musikuntermalung, die meist zwischen unheimlichen, mystischen und traurigen Klängen variiert und nicht selten eine depressive Stimmung vermittelt.


Beim sogenannten Familienspiel werden bislang unausgesprochene Geheimnisse offengelegt.

Fazit
Bizarr und dennoch lebensnah: "Rusty Lake: Roots" skizziert vielleicht den merkwürdigsten Stammbaum, den die Welt jemals erforschen durfte und lässt den Schmerz jener gescheiterten Protagonisten schonungslos zu uns durchdringen. So makaber manche Darstellungen auch sein mögen, fließt doch kaum ein Blutstropfen ohne Symbolgehalt. Mit ihrem zweiten interaktiven Gemälde, als das man es wohl bezeichnen muss, übertrumpfen die Entwickler sogar den Vorgänger, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Ich komme nicht umhin, dieses großartige Werk als eine der Adventure-Sensationen des vergangenen Jahres zu würdigen.

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