Samstag, 19. August 2017

C64-Klassiker: Zauberschloß

Allgemeine Grundlagen: Was ist "Zauberschloß"?
Genre: Klassisches Adventure
Vergleichbare Spiele: Shadowgate, Das Drachental
Technische Grundlage: Textadventure
Urheber: Dennis Merbach
Sprache: Deutsch, Niederländisch
Jahr: 1984
Informationen: C64-Wiki

Bäume auf einem Computer-Monitor... vor etwa 33 Jahren.

Story und Schauplatz
Dieser deutschsprachige Adventure-Klassiker entführt uns in ein fernes Land, das seit Jahrhunderten schon unter der Gewaltherrschaft eines niederträchtigen Magiers leidet. Viele waren seither bestrebt, den Halunken zu stürzen, der über die uneingeschränkte Macht verfügt und beinahe unbesiegbar scheint. Dabei dürfte es doch nicht allzu schwierig sein, unser Volk aus der ewigen Finsternis zu befreien. Allein die goldene Krone nämlich, welche das Haupt des Tyrannen ziert, hat diesem die Königsehre verliehen. Wird sie ihm entrissen, ist der Alptraum ausgestanden. Dies ist bisher aber keinem der kühnen Helden (oder auch Heldinnen?) gelungen, da in den labyrinthartigen Gängen jenes tief im Wald verborgenen Schlosses furchtbare Gefahren lauern. Wir jedoch sind mit einem scharfen Verstand und einer Speicherfunktion gewappnet, sodass unsere Mission die langersehnte Veränderung bringen könnte.


Kampflüsterne Wachen lauern an vielen Ecken.

Puzzles und Gameplay
An Nutzerfreundlichkeit mangelt es diesem frühen Grafikadventure keineswegs. Eine Anleitung, die nach Spielstart eingeblendet wird, erläutert nämlich gleich die erwünschten Eingaben. Demnach sollten folgende Verben im Gedächtnis aufbewahrt oder sicherheitshalber notiert werden: NIMM, VERLIERE, LIES, OEFFNE, VERJAGE, DREH, BENUTZE, TRINK, DRUECKE. Himmelsrichtungen werden durch Verwendung der klassischen Kürzel eingeschlagen, also N, O, S, W, aber auch H und R ("hoch" und "runter") zum Erklimmen von Leitern. Der Befehl LIST gewährt uns einen Überblick über unser Inventar, welches maximal vier Gegenstände fassen kann. Besagte Einschränkung fungiert im Falle von "Zauberschloß" als wirkungsvolle Methode, das Rätseldesign komplexer zu gestalten. So besteht die Herausforderung weniger im Ausknobeln korrekter Anweisungen, als vielmehr im strategischen Vorgehen. Waffen oder Werkzeuge müssen gelegentlich "verloren" werden. um sie beim nächsten Besuch des jeweiligen Raumes wieder aufzunehmen. Damit appelliert der Entwickler an unser Orientierungs- und Erinnerungsvermögen. Feinde sind generell zu beseitigen, ein Plausch mit dem wachsamen Aufseher wird vom Parser nicht unterstützt. Ein kleiner Fehler wird uns schnell zum Verhängnis und mit dem Tode bestraft. Hierzu ist übrigens positiv anzumerken, dass jenes unverhoffte Ableben nicht selten mit Witz und Ironie umschrieben wird. Zur Freude des frustrierten Spielers kann dem drohenden Unheil stets mit dem Befehl SAVE vorgebeugt werden, der seinen Fortschritt abspeichert.

Wer meint, er könnte den Kobold in die Tasche stecken, hat sich gewaltig geirrt.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Die Szenenbilder entbehren gewiss jeglicher Schönheit und können bloß durch nostalgischen Charme überzeugen. Da die grafische Darstellung vorwiegend auf C64-Zeichensätzen basiert, darf ohnehin keine große Kunst erwartet werden. Der Detailgrad bewegt sich auf der niedrigsten Ebene und in der Farbgebung dominiert die Eintönigkeit. Umso mehr vermag uns das Spiel zu überraschen, wenn sich plötzlich ein herrlich schlicht gemalter Drache auf dem Monitor manifestiert, der im Vergleich zu anderen Nebenfiguren aber schon nahezu ästhetisch anmutet. Als Besonderheit bleibt auch zu erwähnen, dass sich der Autor zumindest ansatzweise um Animationen bemühte. Ein farbenfrohes, geradewegs psychedelisches Flimmern des Bildschirms unterstreicht eine imposante Zauberei oder eine Teleportation. Während bekämpfte Gegner meist mit einer kurzen Texteinblendung ausgeladen werden, ist dem Endboss sogar ein animierter Abschied vergönnt. Auf Musik und Geräusche wurde konsequent verzichtet, weshalb sich die Atmosphäre nur auf visuelle Weise entfalten kann.


Leider ist der putzige Drache kein sehr redseliger Genosse. Er hat uns dennoch zum Fressen gern.

Remakes
"Zauberschloß" gilt als erstes deutschsprachiges Textadventure, dem eine größere Popularität beschieden war. Verbreitung erfuhr es durch Spielezeitschriften sowie eine Kassetten-Veröffentlichung bei Markt & Technik. Zudem erhielt der Titel eine niederländische Sprachfassung und wurde für die Systeme Atari und Spectrum adaptiert. Jede dieser Versionen wartet mit einem eigenen, wenngleich stets minimalistischen Grafikstil auf. Josef Busin widmete sich schließlich der Entwicklung einer inoffiziellen Fortsetzung, die 1985 erschien und weitgehend erfolglos blieb. Der Vorgänger hingegen bleibt auch im 21. Jahrhundert noch unvergessen, wie das Browser-Remake von Kai Hildebrandt beweist. Inhaltlich suchte dieser die Nähe des Originals, sodass selbst der Parser seinem Vorbild entspricht und lediglich die Szenenbilder modernisiert wurden.


Dieses grafisch aufpolierte 1:1-Browser-Remake wurde von Kai Hildebrandt entwickelt.

Fazit
Um "Zauberschloß" zu mögen, darf man dem Reiz archaischer Textadventures nicht widerstehen können. Eine originelle Geschichte wird uns nicht geboten, ebenso müssen wir uns mit einer spärlichen Atmosphäre begnügen. In einiger Hinsicht erinnert dieses Frühwerk aber durchaus an das drei Jahre später erschienene "Shadowgate", das sich zu den wichtigsten Vertretern des schaurigen Dungeon-Adventures zählen lässt. In seiner ursprünglichen Version für den Commodore 64 ist mir "Zauberschloß" zweifelsohne ans Herz gewachsen.

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