Samstag, 18. November 2017

Kommerziell: A.D. 2044

Allgemeine Grundlagen: Was ist "A.D. 2044"?
Genre: Klassisches Adventure
Vergleichbare Spiele: Dogday, Normality
Technische Grundlage: 3D-Umgebung auf Slideshow-Basis (Transitionseffekte)
Urheber: L.K. Avalon
Sprache: Englisch, Polnisch
Jahr: 1996
Download: GOG

In einer Welt ohne Männer muss die Natur schlichtweg umdenken.

Story und Schauplatz
Über viele Dekaden hinweg breitete sich eine unberechenbare Seuche auf unserem Planeten aus. Gewiss leugneten gestandene Männer mitunter die drohende Gefahr, andere sahen schon früh ihren Einfluss schwinden. Die Rede ist vom Feminismus - jenem Kampf um die sogenannte weibliche Empanzipation, nicht zu Unrecht häufig als Versuch einer Machtergreifung durch das schwache Geschlecht verstanden. In diesem visionären Abenteuer erfahren wir nämlich, dass die moderne Frau sogar einen nuklearen Krieg bestreiten würde, um ihre anatomisch ungleichen Ebenbilder endgültig aus dem ehrwürdigen Paradies zu vertreiben. Obwohl der Mann anno 2044 bereits als aussterbende Spezies gilt, ist dem herrschsüchtigen Weibsvolk durchaus eine blühende Zukunft vergönnt. Jüngste Errungenschaften der Gentechnik ließen den Mann entbehrlich werden, sodass die künstliche Reproduktion fortan die natürliche Fortpflanzung zu ersetzen vermag. So plagt sich die Dame jener Zeit nicht länger mit albernen Lüsternheiten, sondern besinnt sich vielmehr auf die Treue zum eigenen Geschlecht. Als letzter auf Erden verbliebener Mann obliegt es schließlich unserem Protagonisten, sich aus der Gewalt seiner Herrinnen zu befreien und das Schicksal der menschlichen Rasse neu zu besiegeln. Helfen wir ihm also dabei, das aufständische Wesen der Frau einzudämmen und unsere einst so maskuline Welt abermals mit heroischen Jünglingen zu bevölkern!


Weibliche Wachroboter lassen sich mitunter durch spontane Küsse erweichen.

Puzzles und Gameplay
Die Steuerung könnte den jüngeren Adventures der Spieleschmiede Legend Entertainment nachempfunden sein. Zwar wurde auf den Kompass und die antiquierte Verbauswahl verzichtet, doch weckt das charakteristische Interface-Design durchaus Erinnerungen an jene schönen alten Tage - ein Gefühl, das im Falle von "A.D. 2044" rasch verflogen sein dürfte. Ein grafisches Inventar ziert den unteren Bereich des Monitors und wartet mit unzähligen frei verfügbaren Ablageplätzen auf. Dieser Service entspricht etwa den Vorzügen und Nachteilen einer Damenhandtasche: Kosmetika, der Schlüsselbund oder die Brieftasche können in unterschiedlichen Seitenfächern verstaut werden, aber letztlich schmeißt man in all der Hektik bloß alles zusammen und erschwert sich damit im Endeffekt die Wiederauffindbarkeit ausgewählter Besitztümer. Nicht anders verhält es sich auch mit den über- und untereinander angeordneten Reihen unserer Gepäckablage, die uns wahrhaftig keinen guten Überblick verschaffen. Fundstücke lassen sich in einer praktischen 3D-Ansicht näher begutachten, was häufig zur Kombination zweier Items erforderlich ist. Hieraus ergeben sich leider in erster Linie weitere Umständlichkeiten. Eine Zigarette lässt sich nur anzünden, indem man das Streichholz in die rechts abgebildete Hand des Protagonisten legt und schließlich auf die Nahansicht des Glimmstängels anwendet. Eine noch größere Herausforderung stellt hingegen das Aufstöbern mancher Gegenstände dar, die sich in den entlegensten Ecken eines Zimmers verbergen und uns somit regelmäßige Frustmomente bescheren. Allgemein folgt das Rätseldesign einer mitunter zweifelhaften Logik, teilweise beruht es auf abstrusen Klischees. Vorab sei erwähnt, dass niemals reale Frauen unseren Weg kreuzen. Diese werden nämlich durch dominante Androiden von weiblicher Statur vertreten, welche angeblich geschlechtstypische Schwächen aufweisen. So appellieren wir also an die niederen Instinkte und Bedürfnisse ihrer Art, wenn wir diesen Wachrobotern etwa ein sanftes Küsschen aufdrücken oder sie mit Nagetieren auf Abstand halten.


Immerhin muten die Strahlenschutzanzüge noch männlich an.

Musik, Grafik, Atmosphäre
Wenngleich mich die Optik des Spiels nur bedingt beeindrucken konnte, entfaltet die dargebotene Welt ihren Reiz. Dieser ist wohl vorwiegend in der hübschen Architektur begründet, welche futuristische mit klassischen Impressionen verbindet. Die meist prunkvoll anmutenden Räume und Flure werden oft von majestätischen Säulen getragen und von historischen Gemälden sowie Skulpturen aus scheinbar weiterhin unvergessenen Epochen der Menschheitsgeschichte geziert. Sobald aber eine jener Blechgestalten von unrühmlich pseudo-femininer Bauart in die Szene tritt, wird uns der hohe Trashgehalt des Spiels unweigerlich bewusst. Ironischerweise sind die mechanischen Geschöpfe in äußerst knappe, aufreizende Uniformen gehüllt, hinter denen sich große Brüste und unnatürliche Proportionen abzeichnen. Manchmal wird ihr glatzköpfiges Haupt zudem von einer Polizeimütze bedeckt, doch niemals lässt sich in diesen Roboterdamen wirklich etwas Menschliches erkennen. Überwiegend ähnelt "A.D. 2044" dem konventionellen Slideshow-Adventure, wobei sich die Autoren durch sogenannte Transitionseffekte einer moderneren 3D-Umgebung annäherten. Bei jedem Perspektivenwechsel dürfen wir also nachverfolgen, wohin die Blicke des Hauptcharakters schweifen, während er sich bewegt oder den Raum inspiziert. Eine allzu finstere Endzeitstimmung vermag auch die musikalische Untermalung der Spielabschnitte nicht zu erzielen, die trotz ihrer utopisch-fremdartigen Klänge stets an einer schnöden Eintönigkeit und wachsender Belanglosigkeit krankt.


Selbst nach einer atomaren Katastrophe streben Frauen noch nach Luxus.

A.D. 2044: Seksmisja
Kleine Hintergrundinformation: Das hier besprochene Machwerk basiert auf dem 1991 erschienenen Atari-Adventure A.D. 2044: Seksmisja, welches wiederum durch einen polnischen Science Fiction-Film (Seksmisja) inspiriert wurde. Beide Vorbilder sind mir bislang unbekannt, weshalb ich dazu nur bloße Fakten liefern kann.


Tja, damals behielt der stolze Ehemann noch die Fäden in der Hand.

Fazit
Begeisterung ist ja bekanntlich schnell entfacht, sofern der Spieler (und somit das potentielle Opfer) ein ausgeprägtes Faible für Ego-Adventures der späten 90er Jahre hegt. Beim vorliegenden Titel dürfte jedoch sämtliche Euphorie in Rekordzeit verklungen sein. "A.D. 2044" repräsentiert ein möchtegern-komisches Science Fiction-Abenteuer, gepaart mit Pixelhunting der dreistesten Sorte und unverhohlenem Sexismus. Während man etwa bei Mystic House noch über die putzige Machart schmunzeln konnte, wäre dieser unsägliche wie bedeutungslose Trash-Beitrag aus dem Hause L.K. Avalon besser schon vor der Jahrtausendwende in ewiger Vergessenheit versunken.